https://queer.de/?15948
- 16. Februar 2012 3 Min.

Christian Vanneste löste einen Mediensturm aus
Im beginnenden Wahlkampf in Frankreich, den Präsident Nicolas Sarkozy auch gegen die Öffnung der Ehe für Schwule und Lesben führen wollte, hat die Regierungspartei UMP einen homophoben Skandal am Hals. Der 64-jährige Politiker Christian Vanneste sprach in einem Interview von der "Legende von der Deportation der Homosexuellen" - die Öffentlichkeit zeigt sich entsetzt.
In dem Video-Interview, das bereits in der letzten Woche geführt wurde und seit Dienstag hohe Welle schlägt, hatte Vanneste dem Magazin "Liberté politique" gesagt: "Es gibt die berühmte Legende von der Deportation der Homosexuellen." Zwar seien von Deutschen Schwule verfolgt worden. Aber: Außer von drei annektierten Regionen seien keine Homosexuellen aus Frankreich deportiert worden.
In dem Interview sagte Vanneste noch, dass Schwule sehr junge Männer bevorzugten. Auch sei die Zustimmung zur Homo-Ehe, einer "anthropologischen Verirrung", durch die Bevölkerung durch "Brainwashing" zu erklären. Eine der Hauptmerkmale von Homosexualität sei zudem Narzismus.
Parteiausschluss geplant
Der sozialistische Präsidentschaftskandidat Francois Hollande nannte die Aussagen eine "ekelerregende Ideologie" und sagte, Vanneste sei nicht nur homophob, sondern auch ein Leugner des Holocaust. Homo-Gruppen reagierten entsetzt, die Medien machten die Aussagen zu einem großen Thema. Später kritisierten auch Politiker der Regierungspartei ihren Kollegen, ein Parteiausschluss ist geplant.
Am Mittwoch meldete sich Vanneste erneut zu Wort - uneinsichtig: "Ich habe nichts außergewöhnliches gesagt, ich habe die Fakten aufgezählt, das ist alles." Sollte er falsches gesagt haben, werde er zurücktreten und sich entschuldigen. Stattdessen attackierte er allerdings die Medien, die "vor der Homo-Lobby eingeknickt sind, was ein großes Problem darstellt".
Historiker bemühten sich in der Sache um eine nüchterne Debatte. Das Homo-Portal Yagg befragte etwa den Historiker Jean-Luc Schwab, bekannt durch eine Biographie des KZ-Überlebenden Rudolf Brazda. Der bestätigte, dass es nur wenige Franzosen gab, die aufgrund ihrer Homosexualität (also aus keinem anderen Grund) deportiert worden seien. Daher könne man Vanneste keine Leugnung vorwerfen. Er sei aber schockiert, dass der Politiker den Begriff "Legende" im Zusammenhang mit der Verfolgung benutzt, wo er doch selbst von Deportationen in Deutschland spricht. Ähnlich äußerten sich andere Historiker.
Es ist nicht das erste Mal, das der Politiker mit Homophobie aufgefallen war. 2006 wurde er der erste Franzose überhaupt, der wegen einer homophoben Äußerung angeklagt und verurteilt wurde (ein Berufungsgericht hob das später wieder auf). Vanneste hatte gesagt, dass Homosexualität der Heterosexualität unterlegen sei und für die Menschheit gefährlich werden könne.
Sarkozy gegen Homophobie
Auch Präsident Nicolas Sarkozy setzte sich von seinem Parteifreund ab - ausgerechtnet am Mittwoch mit einem Interview im Sender TF1, indem er seine erneute Kandidatur für das Amt offiziell bekannt gab. Er verdamme die Äußerung Vannestes, sagte er auf eine entsprechende Frage. "Aber ich will noch weiter gehen. Ich wünsche mir, dass wir in der Politik, ob links oder rechts, mit solchen schmerzvollen Kommentaren aufhören."
Vor wenigen Tagen hatte Sarkozy noch bekräftigt, weiter gegen eine Ehe-Öffnung und ein Adoptionsrecht für Homo-Paare zu sein (queer.de berichtete). Daran will er festhalten, aber alles, was darüber hinausgehe, sei Homophobie. Wer das nicht sehe, sei im 21. Jahrhundert noch nicht angekommen. (nb)














