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Sachsen-Anhalt
Keine sexuelle Vielfalt in Schulbüchern
- 04. April 2012 3 Min.

Gebt dem Mädel ein gescheites Schulbuch! (Bild: kafka4prez / flickr / by-sa 2.0)
Weniger als ein Viertel der Schulbücher in Sachsen-Anhalt behandeln einer Studie zufolge das Thema Homosexualität - in einem katholischen Schulbuch heißt es sogar, Homosexualität sei eine Phase.
Das schwul-lesbische Begegnungs- und Beratungszentrum "lebensart" e.V. in Halle hat insgesamt 99 der 142 zugelassenen Schulbücher aus den Fächern Sachunterricht, Ethik, Religion, Biologie und Sozialkunde untersucht, die sowohl an Grundschulen als auch in der Sekundarstufe eingesetzt werden. Von diesen 99 Büchern thematisieren lediglich 23 Homosexualität in einer Weise, die über bloße Schlagworte hinaus geht. "Insgesamt ist das Ergebnis durchwachsen und wird den Vorgaben des Schulgesetzes von Sachsen-Anhalt (...) nicht ausreichend gerecht", erklärte Ants Kiel vom Beratungszentrum.
Schulgesetz verlangt "Gleichachtung" von Schwulen und Lesben
Das Schulgesetz des Bundeslandes aus dem Jahr 2005 schreibt vor, "Kenntnisse, Fähigkeiten und Werthaltungen zu vermitteln, welche die Gleichachtung und Gleichberechtigung der Menschen" garantiere. Dabei werden auch elf Merkmale genannt, unter ihnen Geschlecht und sexuelle Identität. Laut Schulgesetz muss auch über "Möglichkeiten des Abbaus von Diskriminierungen und Benachteiligungen" aufgeklärt werden.
Der Studie zufolge behandelt keines der Schulbücher für Grundschulen in Wort und/oder Bild eine Darstellung gleichgeschlechtlicher Liebe und Partnerschaften bzw. von Regenbogenfamilien. In Schulbüchern für Ethikunterricht, den evangelischen Religionsunterricht, Biologie und Sozialkunde gebe es in einigen Büchern immerhin "gelungene Formen der Thematisierung".
Im katholischen Religionsunterricht wiederum habe nur eines der 17 untersuchten Schulbücher das Thema behandelt - allerdings auf negative Art und Weise. Dort gibt es unter anderem die Aussage, dass "gleichgeschlechtliche Zuneigung nur eine vorübergehende Erscheinung ist". Positiv erwähnt wird dagegen das evangelische "Religionsbuch 9/10" des Cornelsen-Verlages. Hier finden Schüler das Gebet eines schwulen Christen, der zum Ausdruck bringt, wie er seine sexuelle Orientierung mit seinem Glauben und der Religion vereinbaren kann.
Forderung: Keine Zulassung ohne Homobezug
Als Konsequenz aus den Defiziten schlägt das Zentrum "lebensart" vor, dass das Landesinstitut für Schulqualität und Lehrerbildung keine erneute Zulassung für Bücher in den Klassen 7 bis 10 geben darf, wenn die Thematik außen vor gelassen wird. Auch für die ersten vier Klassen gebe es Handlungsbedarf: "Für den Grundschulbereich regen wir an, dass wenigstens jeweils über ein Bild die Thematik in den Schulbüchern enthalten sein sollte. Die Bilder könnten entweder gleichgeschlechtliche Paare oder Regenbogenfamilien abbilden", heißt es in der Studie.
Das Problem, dass Schwule und Lesben in Schulen totgeschwiegen werden, ist nicht auf Sachsen-Anhalt beschränkt: Eine Untersuchung von NRW-Schulbüchern kam Anfang 2011 zum Ergebnis, dass dort lediglich 18 Prozent der Schulbücher in relevanten Fächern Homosexualität thematisierten (queer.de berichtete). In den Niederlanden hat dagegen der größte Schulbuchverlag bereits 2010 angekündigt, dass künftig in allen neuen Schulbüchern - auch in Fächern wie Mathematik - gleichgeschlechtliche Lebensweisen berücksichtigt werden (queer.de berichtete). (dk)
Am Nachmittag des 20. April veranstaltet der Lesben- und Schwulenverband mit der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) und der Friedrich-Ebert-Stiftung eine Konferenz über die Möglichkeiten, Herausforderungen und Chancen zeitgemäßer Lehrmaterialien und moderner Schulbücher in Berlin. Mehr Informationen hier.
Links zum Thema:
» Studie















Es zeigt sich aber auch, daß noch viel zu tun ist, damit Homosexualität in Schulbüchern auch ohne jede Klischees und Vorurteile allen Schulkindern objektiv vermittelt werden kann.