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  • 18. April 2012 15 3 Min.

Lesbischer Kuss über Rinderbraten und Knödeln (Bild: Tatort: Alles hat seinen Preis (RBB))

Altbacken und konservativ sei er, die Minderheiten seien meist Täter oder Opfer. Ein Medienexperte beschwert sich über die nach wie vor beliebte Krimiserie.

Von Christian Scheuß

Der Medienwissenschaftler Dennis Gräf ist ein Spezialist für die älteste noch laufende Krimiserie der Republik. Seine Promotionsarbeit beschäftigte sich mit dem Tatort. Der Experte wird derzeit zitiert mit der Aussage, dass der Tatort langweilig sei, immer konservativer werde und die Vermittlung von Werten wie Normen "immer gruseliger".

Täter und Opfer seien meist Randgruppen wie Schwule, Lesben oder Ausländer. Wo und wem gegenüber er das gesagt haben soll, lässt die Nachrichtenagentur dapd, über die diese Nachricht verbreitet wurde, als wichtiges Beweismittel unter den Seziertisch fallen. Aber mal angenommen, er hat das so gesagt, stimmt das dann auch? Wir ermitteln…

Wer die Reihe regelmäßig schaut, den beschleicht schon ab und an das Gefühl, dass hier eine 40 Jahre alte Daily Soap abgespult wird, die mal ein bisschen wie "Väter der Klamotte" aussieht (Thiel & Börne / Münster), mal wie "Szenen einer Ehe". Allerdings eine, aus der mitunter schon sehr lange die Luft raus ist (Ballauf & Schenk in Köln, Odenthal & Kopper in Ludwigshafen, Leitmayr & Batic in München).

Wo ist die schwule Leiche, wo schleicht die böse Lesbe?


Köln ist das ideale Pflaster für erste schwule Gehversuche... (Bild: Tatort Köln (WDR))

Das Verhältnis der Ermittler ist mitunter spannender als der eigentliche Plot. Die Geschichte wird unglaubwürdig, wenn versucht wird, den amerikanischen Krimi zu kopieren, wie zuletzt in der Folge "Ihr Kinderlein kommet", in der ein irrer Maskenbildner ein Mädchen tagelang kämmt und frisiert, bevor er sich an ihm vor laufender Kamera vergehen will. Das Lokalkolorit scheint es für viele zu sein, was sie am Sonntagabend um 20:15 Uhr vor den Fernseher zieht, so denkt Dennis Gräf. Und die neuen sozialen Netze würden dafür sorgen, dass gerade unter jüngeren Zuschauern ein größerer Hype entsteht als die Sendung ihn verdient hätte.

Aber liegen nun haufenweise schwule Leichen herum, sind die Lesbenkiller unter uns? Tendenziell sind Schwule und Lesben sichtbarer geworden, mit Trudi Hütten war 2011 sogar erstmals ein Trans­sexueller in einer Hauptrolle zu sehen. Die Folgen, in denen in den vergangenen Jahren überhaupt schwul-lesbische oder Transgender-Charaktere auftauchten, bleiben aber weiterhin überschaubar. Und auch wenn vieles im Tatort klischeehaft dargestellt bleibt, die Darstellung des Homo­sexuellen dient nicht mehr der Verächtlichmachung, und immer seltener zur Abgrenzung.

Wann lassen die Kommissare endlich mal die Sau raus beim CSD?


Batic gerät in der Homodisco in Wallung, seine Kollege hat Angst (Bild: Tatort München (BR))

Allerdings, und da hat Dennis Gräf sicherlich recht, fehlen die Vorbilder und die Geschichten jenseits der traditionellen bürgerlichen Verhältnisse, was den Tatort in der Tat äußerst alt aussehen lässt. Noch immer haust Lena Odenthal lieber mit ihrem knurrigen Kollegen in einer WG, statt endlich mal ein Privatleben mit einer heißen Frau zu leben. Bei den Kölnern Ballauf und Schenk fragt sich zwar der Leipziger Kollege Keppler schon, ob die beiden ein Paar seien, doch 15 Jahre Seit an Seit haben noch nicht mal zu einer zarten gemeinsamen Nacht, betrunken nach dem CSD geführt. Und auf die Kommissarin, die früher mal ein Mann war und jetzt im "Heteromilieu" ermittelt, warten wir wohl bis in alle Ewigkeit…

Tatort-Fälle mit LGBT-Figuren:

"Mord in der Akademie" (1994, Düsseldorf)
"Kalte Herzen" (2000, Ludwigshafen)
"Fette Krieger" (2001, Ludwigshafen)
"Endspiel" (2002, Bremen)
"Der doppelte Lott" (2005, Münster)
"Der Finger" (2007, München)
"Liebeswirren" (2008, München)
"Platt gemacht" (2009, Köln)
"Um jeden Preis" (2009, München)
"Tote Männer (2009,Bremen)
"Familienbande" (2010, Köln)
"Mord in der ersten Liga" (2011, Hannover)
"Zwischen den Ohren" (2011, Münster)
"Im Netz der Lügen" (2011, Konstanz)
"Altes Eisen" (2011, Köln)
"Alles hat seinen Preis" (2012, Berlin)

Liste ergänzt, danke an Tina, Meike und Jonas

Fahndungsaufruf

Wer kennt noch weitere Tatort-Folgen mit schwul-les-bi-trans-Figuren? Sachdienliche Hinweise, die zur Ergreifung von Tätern, Opfern und Randfiguren führen, bitte an die die nächste Redaktions-Dienststelle oder an den ermittelnden Redakteur: c.scheuss@queer.de

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#1 QuietscheenteAnonym
  • 18.04.2012, 23:19h
  • "...mit Trudi Hütten war 2011 sogar erstmals ein Transsexueller in einer Hauptrolle zu sehen."
    Nur als Randbemerkung: Trudi war eine Transfrau, also sollte es bitte korrekterweise heissen "eine transsexuelle Frau".
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#2 chris
  • 18.04.2012, 23:59hDortmund
  • Wie war das noch gleich? Ach ja, der Tatort wird ja seit dem 5. Jahrhundert vor Christi von der ARD produziert. Sicher ist der Tatort altbacken und konservativ. Das er immer noch so erfolgreich ist liegt nur daran, dass er natürlich die besten Drehbuchlieferanten der Republik hat. Ich bin mir sicher, dass die zuständigen Sendeanstalten sehr genau auswählen, was ins verstaubte Programm des ARD Gemeinschaftsprogramms passt.

    Ich meine, die armen Zuschauer. Erst die aufreibende tagesschau um 20 Uhr und danach auch noch ein Krimi mit Realitätswiedergabe? Soll denn um 20:15 in jedem Altersheim der Strom abgedreht werden? Oder müsste die ARD dann einen Warnhinweis zeigen? "Die folgende Sendung ist für Zuschauer über 60 Jahre nicht geeignet. Bei Risiken fragen sie bitte Ihren Hausarzt oder Kardiologen".
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#3 DerrickAnonym
  • 19.04.2012, 00:06h
  • "Die Geschichte wird unglaubwürdig, wenn versucht wird, den amerikanischen Krimi zu kopieren"

    Es bleibt halt immer noch eine fiktionale Serie, lebensnah ist der Tatort in keinster Weise, das kann einem jeder echte Ermittler bestätigen.
    Aber es stimmt, er ist reisserischer geworden und dadurch weniger echter Krimi, leider.

    Letztens gings um einen Strassenstrich von Jugendlichen und das witzige war das Mädchen und Jungs dort gemeinsam anschaffen gingen und auf Kunden warteten, dabei sind Homostrich und Heterostrich meines Wissens getrennt von einander? Also nicht realistisch, aber immerhin wurde männliche Prostitution dadurch nicht komplett verschwiegen, wie sonst üblich.
    Natürlich haben die sich für die weitere Story dann trotzdem ein Mädchen ausgesucht das bei einem Freier übernachtet (und missbraucht werden soll. steht ja auch im Bericht) Dabei ist es eher die klassische Strichersituation, das Jungs die auf der Strasse leben bei Freiern Unterschlupf finden.

    An Folgen mit homosexueller Thematik kann ich mich eigentlich nur an den schwulen Fußballer erinnern, aber ich schaue die Sendung auch nicht regelmäßig.

    "Der Täter ist immer öfter der Schwule?"

    Finde ich jetzt nicht so schlimm wenn die Täter auch mal Schwule sind.
    Hauptsache die Homosexuellen sind nicht immer nur "Opfer", wie in anderen Filmen in denen Schwule entweder nur als harmlose, verweichlichte Witzfiguren oder eben als wehrlose Opfer dargestellt werden.
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