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- 17. Mai 2012 4 Min.

Micha Schulze, Jahrgang 1967, ist Geschäftsführer von queer.de und seit 25 Jahren in schwul-lesbischen Medien zu Hause. Normalerweise schreibt er vor allem Konzepte, Angebote, Rechnungen und Mahnungen, in dieser Kolumne aber immer wieder auch Emails an Leute und Organisationen, über die er einfach nur den Kopf schütteln kann.

Markenzeichen Palästinensertuch: Gerwald Claus-Brunner sorgt weniger mit Inhalten als vielmehr mit Äußerlichkeiten und Stilfragen für Aufmerksamkeit (Bild: Wiki Commons / Krinzl / CC-BY-2.0)
Micha Schulze schreibt an den Berliner Piraten Gerwald Claus-Brunner, der nicht nur keine Post vom Völklinger Kreis haben will, sondern auch vom schwul-lesbischen Förderverein elledorado.
Lieber Gerwald Claus-Brunner,
1985 zog mit Stefan Reiß der erste offen schwule Mandatsträger in das (West)-Berliner Abgeordnetenhaus, als Parteiloser für die Alternative Liste - und zwar auf Initiative des Treffens Berliner Schwulengruppen. So basisdemokratisch war das damals! Auch seine rührigen grünen Nachfolger Dieter Telge, Albert Eckert, Christian Pulz und Thomas Birk hatten bei ihren Kandidaturen stets große Unterstützung aus der queeren Community, ebenso Klaus Lederer und Hakan Taş von der Linkspartei. Als Du am 18. September 2011 für die Piraten auf Listenplatz 13 überraschend in das Berliner Abgeordnetenhaus gespült wurdest, hatte in der Szene hingegen kaum jemand etwas von Dir gehört.
Mein erster Eindruck war dennoch durchaus positiv. Da ist zumindest jemand mit eigenem Stil, der auf überkommene Kleiderordnungen pfeift und frischen Wind ins Parlament bringt. Warum nicht? Auch Deine Aussage, Du seist zu 95 Prozent schwul und 5 Prozent hetero, fand ich mutig, ein klares Statement gegen den albernen Druck mancher Homos und Heten, sich für eine Seite "entscheiden" zu müssen. Auch in unserem ersten Interview hast Du Dich ganz wacker geschlagen. Seitdem folgten allerdings nur die beiden "Skandale" um Dein Palituch und Dein gekapertes Konterfei für eine Sixt-Kampagne - inhaltlich hat man in den vergangenen acht Monaten äußerst wenig von Dir vernommen.
Das parlamentatische HB-Männchen

In einer nicht autorisierten Werbekampagne nahm Autovernieter Sixt den Piratenpolitiker aufs Korn (Bild: Sixt)
Nun wird man Dich ausgerechnet als das parlamentarische HB-Männchen in Erinnerung behalten, das wütend am Schreibtisch sitzt, weil es so viel Post und Emails von Vereinen und Verbänden bekommt, - und das dann nichts Besseres zu tun hat, als den Absendern mit Klagen zu drohen (queer.de berichtete). Als kleiner Tipp nebenbei: In der Redaktion haben wir für langweilige Post eine große Altpapierkiste, und unsere Notebooks sind sogar mit einer Delete-Taste ausgestattet. Vielleicht kann Dir ein etwas nerdischerer Piraten-Kollege auch helfen, eine automatisierte Outlook-Regel für bestimmte Absender zu definieren...
Doch zurück zum Thema: Dass Du auf Distanz zum Völklinger Kreis gehst, kann ich in gewisser Hinsicht noch nachvollziehen. Der Bundesverband schwuler Möchtegern-Führungskräfte gehört sicherlich nicht zu den wichtigsten und fortschrittlichsten Vereinen der Community, doch Deine Klassenkampf-Rhetorik und Lobbyisten-Schelte gehen völlig am Kern vorbei. Der Völklinger Kreis verkauft weder Panzer, noch nicht einmal Gleitgel, sondern engagiert sich durchaus erfolgreich für ein vernünftiges Diversity Management in deutschen Unternehmen. Ist die Förderung von Vielfalt im Berufsleben nicht ein klassisches Piraten-Ziel?
Aber wie jetzt bekannt wurde, willst Du ja auch nicht einmal Post vom schwul-lesbischen Förderverein "elledorado" erhalten - einer rein ehrenamtlichen Initiative, die durch Fundraising im letzten Jahrzehnt über 130.000 Euro an die schwul-lesbische Community verteilen konnte. Auch auf dessen Einladung zur Kunstauktion "artcharity" hattest Du lediglich mit der Aufforderung geantwortet, Dein Postfach bitte nicht mit weiteren Informationen zu verstopfen.
Claus-Brunners merkwürdiges Demokratieverständnis

Happy-End im Posteingang: Aus der Community dürfte Claus-Brunner künftig wohl weniger Einladungen erhalten... (Bild: Wiki Commons / Krinzl / CC-BY-SA-3.0-DE)
Nun hat bei "elledorado" wahrscheinlich niemand ernsthaft damit gerechnet, dass der Herr Abgeordnete persönlich am 25. März bei der Benefiz-Auktion erscheinen und von seinen großzügigen Diäten gar etwas für den guten Zweck ersteigern würde. Dass Du die ehrenamtlichen Organisatoren aber derart vor den Kopf stößt, ist ein unglaublicher Vorgang und mit Deinem Verweis auf Deine Unabhängigkeit und Dein freies Mandat nicht zu rechtfertigen, auch nicht zu entschuldigen. Es offenbart ein, vorsichtig formuliert, sehr merkwürdiges Demokratieverständnis, ausgerechnet die engagiertesten Bürger dazu aufzufordern, einen nicht weiter zu "belästigen". Hätte "elledorado"- nicht vielmehr die aktive Unterstützung des Piraten-Abgeordneten verdient, der einst als Sprecher für Queer-Politik angetreten war?
Hinzu kommt: Auf den ernsthaften Dialogversuch des vorbildlichen Fundraiser-Vereins hast Du - wie schon zuvor beim Völklinger Kreis und trotz rund 40 Jahren Lebenserfahrung - erneut nur wie ein unreifer, trotziger Schiffsbengel reagiert: "Finde es nicht grade vorteilhaft jetzt zu versuchen auf mich einfluß nehmen zu wollen, sie werden das exakte Gegenteil von dem erreichen was sie wünschen", heißt es in Deiner uns vorliegenden (und von uns nicht redigierten) Email an den Verein. Peinlicher kann sich ein gewählter Mandatsträger nicht (daneben) benehmen!
In den vergangenen 25 Jahren wurde viel erreicht in Berlin - vor allem dank des hartnäckigen Engagements schwul-lesbischer Gruppen, Vereine und Verbände und ihrer Verbündeten im Parlament. Während das Treffen Berliner Schwulengruppen 1985 der Alternativen Liste noch einen Kandidaten aufs Auge drücken musste, sind wir heute offensichtlich soweit, Parteien bitten zu müssen, manch queeren Leichtmatrosen über die Planke zu schicken. Für schwul-lesbische Belange haben die Piraten überzeugenderes Personal!
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Micha Schulze, Jahrgang 1967, ist Geschäftsführer von queer.de und seit 25 Jahren in schwul-lesbischen Medien zu Hause. Normalerweise schreibt er vor allem Konzepte, Angebote, Rechnungen und Mahnungen, in dieser Kolumne aber immer wieder auch Emails an Leute und Organisationen, über die er einfach nur den Kopf schütteln kann.
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Was ist bitte an einem Palituch falsch? Nur weil es den "Antideutschen" nicht in den Kram passt? Auch das ist SEINE FREIE ENTSCHEIDUNG!
Sowas blödes, wollt ihr ihn jetzt so in eine Schublade stecken?
Wer so einen bockmist schreibt ist peibnlich. Leute, habt ihr nix besseres zu tun als euch über diesen Mann lustig zu machen oder ihm seine freie entscheidung als falsch darzulegen?