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Diskussion in Berlin
Queer und konservativ?
- 08. Juni 2012 4 Min.

Der angekündigte Peter Altmaier kam nicht, wünschte aber per Twitter spannende Debatten
In Berlin sprachen Ole von Beust und Regina Görner über die Schwulen- und Lesbenpolitik ihrer Partei.
Von Angelo Algieri
"Wie passen queer und konservativ, schwarz und bunt zusammen?" - Nicht nur viele Schwule fragen sich das, sondern auch CDU-Mitglieder. Zu dieser Fragestellung haben die Lesben und Schwule in der Union (LSU) am Donnerstag in die Berliner CDU-Bundesgeschäftsstelle eingeladen, eine Diskussion im Rahmen der Magnus-Hirschfeld-Tage.
Auf der Bühne saßen der ehemalige Erste Bürgermeister von Hamburg, Ole von Beust, und Regina Görner, ehemalige Ministerin für Frauen, Arbeit, Gesundheit und Soziales im Saarland. Eigentlich hätte zu "queer und konservativ" auch der neue Bundesumweltminister Peter Altmaier einiges zu sagen gehabt, ließ seine Teilnahme aber wegen eines Termins in Brüssel absagen.
Es wurde eine offenere und lebendigere Diskussion als erwartet - der Moderator und stellvertretende LSU-Bundesvorsitzende Thomas Steins griff auch die "heißen" Eisen an: die mangelnde Gleichstellung der "Homo-Ehe", das fehlende gemeinschaftliche Adoptionsrechtsrecht für schwule und lesbische Paare oder auch die fehlende Entschädigung von Opfern des Paragrafs 175 nach dem Zweiten Weltkrieg bis 1969 - Themen, bei denen vor allem CDU und CSU den Fortschritt blockieren.
Angst vor dem eigenen Mut

Ole von Beust machte zuletzt mit einem sehr jungen Liebhaber Schlagzeilen
Zunächst ging es um den scheinbaren Widerspruch zwischen Homosexualität und konservativen Werten. Von Beust erklärte zunächst, dass nichts gegen die Gleichstellung der Homo-Ehe spräche. Denn für ihn sei es mit den christlich-demokratischen Werten vereinbar, wenn die Ehe als eine auf Dauer angelegte Partnerschaft mit Verantwortungsübernahme angesehen wird. Dies sei der Kern der Gesellschaft, ein Garant für gesellschaftliche Stabilität.
Allerdings stecke die Union, so die Analyse des ersten offen schwulen Führungspolitikers in der CDU, in einem Dilemma: Auf der einen Seite würden viele führende CDU-Politiker unter vier Augen zugeben, dass sie nichts gegen eine Gleichstellung haben. Auf der anderen Seite fürchteten sich viele vor den Reaktionen der bürgerlichen Presse, die schnell von einem Verlust vermeintlich konservativer Werte oder einem Linksruck spreche.
Görner ergänzte, es gebe CDU-Mitglieder, die die Homo-Ehe als Bedrohung für die herkömmliche Familie sehen würden. Das sei wohl mit einer gewissen Unsicherheit einherzugehen - auch, was die "eigene" (heterosexuelle) Lebensform angeht: Es gebe heutzutage viel mehr Scheidungen oder lange Beziehungen würden nicht in Ehen münden. Da werde die Lebenspartnerschaft quasi stellvertrendend für angegriffen.
Kritik an der eigenen Politik

Regina Görner ist, als Heterosexuelle, Mitglied im LSU-Bundesvorstand (Bild: IG Metall)
Görner kritisierte, dass die Union bei der steuerrechtlichen Gleichstellung oder beim Adoptionsrecht darauf warte, "was das Bundesverfassungsgericht für ein Ei legt." Man sei besser beraten, selbst in die Offensive zu gehen. Eine Rehablititierung und Entschädigung der Opfer des Paragrafen 175 wünscht sie sich ebenso wie von Beust: "Dem Bundestag und Bundesrat bricht der Krone keinen Zacken, wenn sie sagen würden: Wir entschuldigen uns, was bis 1969 geschehen ist." Das werde bisher nur verklausuliert gemacht, so der ehemalige Bürgermeister. Aus dem Publikum heraus egriff ein Mann und Schwusos-Mitglied dazu das Wort; er sagte, dass er "entkriminalisiert ins Grab" gehen möchte.
Von den rund 50, meist männlichen Zuhören kam auch die Frage, warum sich die Politik der Union so langsam verändere. Görner wies darauf hin, dass in einer Volkspartei Meinungs- und Entscheidungsprozesse sehr langsam laufen würden. Und von Beust mahnte gar, Parteien nicht zu überschätzen, diese sollen keine Aufklärung betreiben. Er wiederholte die Ängste der Strategen, bedauerte zugleich deren mangelnden Mut und ermunterte die LSU, in die Ortsverbände zu gehen und dort Werbung für die Sache zu betreiben.
"Queer und konservativ", davon erzählte von Beust auch persönlich und gelassen: Er sei offen schwul, seit er 16 oder 17 Jahre alt gewesen sei, und lebe dies auch aus. In Hamburg gebe es eine "desinteressierte Toleranz" und selbst in der CDU habe er seine Homosexualität niemals verstecken müssen. Sein Outing in der Öffentlichkeit geschah allerdings durch sein Vater - er selbst wollte nie seine "Sexualität in den Vordergrund stellen".
Die Diskussion vermittelte den Eindruck, dass in der Union in Homo-Fragen eine gewisse Dynamik ensteht. Dafür ist es auch längst höchste Zeit, da waren sich nicht nur die Diskutanten einig. Ein Ende des Diskriminierungen von Schwulen und Lesben ist überfällig. Wünschenswert wäre, es gebe mehr offen schwule und lesbische Unionspolitiker, die ihre sexuelle Orientierung durchaus, neben anderem, in den Vordergrund stellen wollen - ein wichtiges gesellschaftliches wie innerparteilisches Zeichen. Vielleicht schaut Peter Altmaier ja beim nächsten Mal vorbei.














