Hauptmenü Accesskey 1 Hauptinhalt 2 Footer 3 Suche 4 Impressum 8 Kontakt 9 Startseite 0
Neu Presse TV-Tipps Termine
© Queer Communications GmbH
https://queer.de/?17771
  • 02. November 2012 11 3 Min.

Jungschwuler Ringo Rösener erforscht seine Wurzeln (Bild: Salzgeber Medien)

Wie haben Schwule in der DDR gelebt? Die bemerkenswerte Doku "Unter Männern" von Ringo Rösener ist jetzt auf DVD erschienen

Von Carsten Weidemann

Den Berliner Friseur Frank Schäfer plagt ein Alptraum: "Stell dir vor, du wachst auf, und bist auf eenmal nicht mehr schwul". Er fasst sich an die Stirn, seufzt: "Denn muss ikk mit irjendwelchen Frauen immer ins Café jehen und inne Bar und ins Kino un denn noch lange reden, bis die nun endlich bereit sind. Ne, darauf hab ich keenen Bock."

Die "Sache" sei so schon perfekt. Schäfer, Jahrgang 1959, ist in der DDR aufgewachsen. Die sexuellen Freiheiten, die man als schwuler Mann innerhalb der Subkultur besaß, die hat er genutzt und genossen, neben vielen anderen Freiheiten, die er sich im "System" rausgenommen hat. Der Ost-Berliner wurde einer der bekanntesten Friseure der DDR, erfand die Punkfrisur des Sozialismus und tat alles, um als cool zu gelten. Dazu gehörte auch, verhaftet zu werden, denn "viel verhaftet werden ist auch viel cool".

Handwerker, Künstler, Bürgerrechtler mit homosexueller Biographie


Jürgen Wittdorfs Grafik mit Männern unter der Dusche lieferte das DVD-Cover (Bild: Salzgeber Medien)

Vor mehr als zwei Jahrzehnten existierte in Europa ein Land, das die Grenze zu einem anderen politischen und wirtschaftlichen System markierte und doch die Mitte des Kontinents darstellte. Dieses Land nannte sich Deutsche Demokratische Republik, verwirklichte den Sozialismus und war Heimat für 17 Millionen Menschen. Tief in der ostdeutschen Provinz geboren, bekam Ringo Rösener gerade noch den Zusammenbruch mit. Mit dem Jahrtausendwechsel verlässt er seine Geburtsstadt Anklam und lebt seine Homosexualität – etwas, das er sich in der Provinz bis dahin nie getraut hatte. Wäre so ein offen schwules Leben im real existierenden Sozialismus möglich gewesen?

Als studierter Kulturwissenschaftler, Buchautor und Regisseur machte sich Ringo Rösener gemeinsam mit Co-Regisseur und Kameramann Markus Stein auf, um Antworten auf diese Frage zu finden. Sie begegnen dabei sechs schwulen Männern, die in der DDR lebten und die zum Teil erstmals offen über ihren Alltag als Männer, die Männer begehren sprechen. So unterschiedliche Personen wie der Künstler Jürgen Wittdorf und der Friseur Frank Schäfer, der Bürgerrechtler Eduard Stapelund Autor Jürgen Lemke oder John Zinner, der sein Coming-Out in einem kleinen Dorf im Thüringer Wald erlebt hat, berichten, wie sie ihre Individualität entwickelten in einem Land, in dem "Schwulsein" offiziell kein Thema war. Das als ein "Überbleibsel dekadenter bürgerlicher Moral" galt.

Schwule Identität im DDR-Sozialismus leben zu wollen, das sorgte für Dramen


Die Doku über 20 Jahre nach dem Ende der DDR (Bild: Salzgeber Medien)

Es sind sehr anrührende Biographien, die sich da vor dem Zuschauer entwickeln, sehr subjektive Innenansichten einer Parallelwelt im Sozialismus. Wenn Jürgen Zinner beispielsweise erzählt, wie er beschließt, in den Westen rüberzumachen, um der Ächtung der Kleinstadt gegenüber ihm, dem Homo­sexuellen zu entfliehen, wie er sich einer Winternacht auf Skiern in Richtung Grenzzaun aufmacht, um dann doch wieder umzukehren, weil er sich gerade in einen (heterosexuellen) Jungen an seiner Schule verliebt hatte, stockt einem der Atem. Die Liebe und das Begehren sorgen mitunter auch im wahren Leben für große Dramen.

"Unter Männern" ist aber nicht nur reine Vermittlung von Oral History durch Männer, die auf ihrem Sofa oder Stuhl sitzen und Anekdoten ausplaudern. Rösener macht sich auch die Mühe, die Orte zu besuchen, an denen sich schwule Männer früher trafen. So klettert er mit dem Schwulenaktivisten Eduard Stapel hinab in eine völlig verfallene Toilettenanlage in Leipzig. Die ehemalige Klappe wirkt jetzt wie ein verwunschener Ort, Jahrhunderte alt. Dabei ist es gerade einmal rund 20 Jahre her, seit man nicht mehr von sich behaupten kann, man lebe "schwul in der DDR".

Youtube | Der offizielle Trailer
Infos zur DVD

Unter Männern, Doku von Markus Srein und Ringo Rösener, DE 2012, 91 Minuten, FSK 12, 16:9 PAL, Dolby Digital 2.0, Region 2. Deutsche Originalfassung, UT englisch/italienisch. Keine Extras.

Informationen zu Amazon-Affiliate-Links:
Dieser Artikel enthält Links zu amazon. Mit diesen sogenannten Affiliate-Links kannst du queer.de unterstützen: Kommt über einen Klick auf den Link ein Einkauf zustande, erhalten wir eine Provision. Der Kaufpreis erhöht sich dadurch nicht.

-w-

#1 erererEhemaliges Profil
  • 02.11.2012, 16:20h
  • Uns gab es, gibt es und wird es geben in jeder Epoche und Zivilisation, und in jedem Staat, egal wie der heisst und welche ofizielle Ideologie deklariert. Eine einfache Wahrheit, ich weiss. Und doch wollen alle Homophoben dieser Welt immer noch nicht daran glauben.
  • Direktlink »
#2 FoXXXynessEhemaliges Profil
#3 Timm JohannesAnonym
  • 02.11.2012, 19:05h
  • Antwort auf #1 von ererer
  • @Kornelijus

    "Uns gab es, gibt es und wird es geben in jeder Epoche und Zivilisation, und in jedem Staat, egal wie der heisst und welche ofizielle Ideologie deklariert. Eine einfache Wahrheit, ich weiss."

    --> Wohl wahr gesprochen...

    Aber immer auch wird es für jeden schwulen Mann eine Selbstfindungsphase und das Coming Out geben, das unterschiedlich leicht oder schwer ausfallen kann.

    ---------------

    Ich jedenfalls habe die DDR nicht mehr kennengelernt, als ich Abi gemacht habe, ist die Mauer gerade gefallen. In der 11. Klasse haben wir noch im Gemeinschaftskundeunterricht im Westeen gelernt, dass die DDR die besten Wirtschaftsdaten im Osten Europas hätte und ein erstnzunehmende Wirtschaftsmacht sei (analog zu ihren sportlichen Olympiaerfolgen) und als ich Abi machte, hiess es dann, das könnten wir "alles vergessen", die DDR sei ein wirtschaftlicher Totalschaden.

    Als ich dann 1991 dort erstmals als Student in den Semesterferien herumfuhr, war ich geschockt, wie schlecht dort die Strassen in den ländlichen Gebieten am Ostharz und um Magdeburg waren; und wie verfallen und marode die Gebäude in den Städten in jenen Jahren waren. Gottseidank hat sich da zumindest in der Infrastruktur im Osten Deutschlands in den vergangenen 20 Jahren sehr viel zum Positiven verbessert.

    Wenn man heute dort im Osten mit Pkw umher fährt, sind die Strasse teilweise besser und befahrbarer als in bestimmten Stadtteilen von westlichen Pleitstädten wie Duisburg oder Dortmund. Schade nur das insgesamt viel zu wenig Industriefirmen trotz der ganzen Transferleistungen im Osten entstanden sind.

    Bis 2025 soll noch einmal ein Füntel der dortigen Menschen aus den ländlichen Regionen in Sachsen-Anhalt, Meck-Pomm und Thüringen abwandern. Nur Berlin, Jena, Leipzig und Dresden mit Umland sowie die Touristenzentren an der Ostsee sollen bevölkerungsmäßig hinzugewinnen/gleichbleiben.
  • Direktlink »