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- 14. November 2012 4 Min.

Sechs Mitglieder der Schweizer Heilsarmee wollen ihr Land in Malmö vertreten (Bild: Heilsarmee)
Die Schweiz liefert einen neuen Beweis, wie politisch der Eurovision Song Contest ist. Auf Anfrage eines Boulevardblatts erklärten mehrere Verbände von Schwulen und Lesben am Mittwoch, eine Teilnahme der Heilsarmee beim nationalen Vorentscheid sei nicht erwünscht.
Eine für den Contest zusammengestellte Band aus sechs Heilsarmeemitgliedern im Alter zwischen 20 und 94 Jahren hatte sich mit acht weiteren für die Finalshow am 15. Dezember in der Bodensee-Arena in Kreuzlingen qualifiziert. In dem Vorentscheid wird der Vertreter des Landes für den im Mai 2013 im schwedischen Malmö stattfindenden Eurovision Song Contest bestimmt. Zuvor hatten Interessierte im Internet und eine Senderjury aus über 180 Bewerbern ihre Favoriten gewählt.
Die Qualifikation der Heilsarmee wurde am Montag bekannt gegeben. Die christlich-protestantische Freikirche, die besonders in den Bereichen Sozialarbeit und Missionierung aktiv ist, hatte erst im Mai Schlagzeilen gemacht, als die Leiterin einer Zürcher Behinderteneinrichtung entlassen wurde, weil ihre Homosexualität bekannt wurde.
"Ich wünsche mir nicht, dass eine homophobe Organisation als Botschafter der Schweiz im Ausland auftritt", sagte daher Eveline Mugier von der Lesbenorganisation Schweiz der Zeitung "20 Minuten". "Der Eurovision Song Contest ist nicht das richtige Umfeld für die Heilsarmee", findet auch Beat Stephan, Chefredakteur des Schwulenmagazins "Display": "Solange sich die Vereinigung nicht klar von homophobem Gedankengut distanziert, ist die Teilnahme am ESC nicht zu unterstützen. Man sollte nicht für sie voten."
Biblische Grundsätze oder Twelve Points?
Heilsarmee-Sprecher Martin Künzi hatte damals die Entlassung verteidigt: "Eine Führungskraft muss die biblischen Grundsätze nach Interpretation der Heilsarmee mittragen – wir haben uns auch schon von einem Kadermann getrennt, der ausserehelich eine Beziehung mit einer Mitarbeiterin unterhielt". Wie in Deutschland gelten Kirchen in der Schweiz als Tendenzbetriebe, die von Antidiskriminierungsregelungen ausgenommen werden können.
Künzi bedauerte damals zugleich die Kündigung: "Die Kaderfrau war kompetent und geschätzt." Ihre Freundin arbeitet als normale Angestellte weiterhin für die Heilsarmee, bei der Einstellung sei die sexuelle Orientierung kein Kriterium. "Aussereheliche und gleichgeschlechtliche Verbindungen von Führungskräften mit Mitarbeitenden" würden aber nicht toleriert.
Es sei der Kirche bewusst gewesen, dass der Eurovision Song Contest auch ein "Feld" sei, "wo Homosexualität ein Thema ist", sagte Künzi nun gegenüber "20 Minuten". Man werde sich aber nicht zurückziehen: "Wem wir nicht sympathisch sind, der muss nicht für uns voten. Wir wollen aber die Schweiz vertreten, wie sie ist – und dazu gehören auch die Homosexuellen."
Einige Homo-Organisationen äußerten sich vorsichtiger als ihre Kollegen: Daniel Diriwächter vom Magazin queer.ch, das mit queer.de nicht verbunden ist und keine besonders politische Ausrichtung hat, sagte, der ESC "könnte eine Chance für die Heilsarmee und für die Homosexuellen sein, um einander besser kennenzulernen und Vorurteile abzubauen". "Wegen eines Einzelfalls möchte ich nicht die gesamte Heilsarmee der Homophobie bezichtigen", sagte auch die Geschäftsführerin von Pink Cross, Alice Parel. Die ESC-Teilnahme sei "kein Problem".
Vorentscheid in Deutschland im Februar

In der Malmö-Arena findet im nächsten Mai der Eurovision Song Contest statt
Sauer mit der Auswahl für den Vorentscheid ist auch Grand-Prix-Urgestein Ralph Siegel. Sein Beitrag, in der die erste Grand-Prix-Gewinnerin, die heute 88-jährige Lys Assia auf junge Rapper trifft, hat sich nicht für den Vorentscheid qualifiziert. Der notorische ESC-Komponist und die rüstige Rentnerin beklagten, ihre Zielgruppe sei mit dem Internet nicht vertraut, daher habe man weniger Stimmen bekommen. Sie forderten einen Wildcard-Einzug ins Finale, das Schweizer Fernsehen lehnte das ab.
Bisher haben 40 Länder ihre Teilnahme am Eurovision Song Contest in Schweden zugesagt, bislang ist nur eine Teilnehmerin bekannt: Die Niederlande schicken die Sängerin Anouk mit einem noch unbekannten Song ins Rennen. Der belgische Sender RTBF wird in der nächsten Woche seinen Beitrag bekannt geben – Gerüchte zufolge soll es sich um Roberto Bellarosa handeln, Gewinner von "The voice of belgium".
In Österreich ist die Anmeldefrist für die nationale Vorentscheidung abgelaufen, die am 15. Februar 2013 stattfinden soll – eine Jury stimmt über die fünf Teilnehmer der Endrunde ab. Weiterhin unklar ist, was der NDR für Deutschland plant. Die Zusammenarbeit mit Pro Sieben mit dem Casting-Show-Format "Unser Star für…" war im Sommer beendet worden. Bekannt ist bislang, dass es eine einzige Vorentscheidungsshow geben soll, im Februar in der ARD. Am Dienstag wurde angekündigt, dass der Sender dafür erneut die Firma Brainpool beauftragt hat. (nb)
Links zum Thema:
» Alle Beiträge des Schweizer Vorentscheids













