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Identitätskonzepte
Die Mehrheit ist hetero – wie queer sind wir?
- 31. Dezember 2012 10 Min.

Halten wir es doch einfach mit Gloria Gaynor: "I Am, What I Am!"
Die Mehrheit der Menschheit ist hetero, daran führt kein Weg vorbei. Wollen wir als Fünfprozent-Minderheit da auf gütige Akzeptanz hoffen, wenn wir uns möglichst heteronormativ benehmen, heiraten, monogam leben und bausparen? Oder kann man nicht besser die Heterowelt von innen sprengen?
Von B. Scherer
Wir haben es also noch einmal geschafft! Der 21. Dezember ist hinter uns, der Weltuntergang fand doch – noch – nicht statt. Uff. Wir können uns gemütlich in unser weihnachtliches Designer-Sofa zurücklegen und die Zukunftssorgen unseren gestressten Brüter-Freunden überlassen. Schampus und Poppers optional. Die schöne, heile schwule Welt geht weiter.
Lediglich eine kleine Gruppe von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Transgendern, Intersexuellen und Avantgarde-Heten erweist sich als unverbesserliche Queerulanten. Das nervt. Queere Menschenrechte und queerer Widerstand? Was quengeln die denn noch? Lasst uns endlich normal schwul sein! "Queer" war doch wohl bereits mit der eingetragenen Partnerschaft tot. "Queer" gehört auf die Müllkippe der Kulturgeschichte, zusammen mit Föhnfrisuren und Maya-Prophezeiungen! Oder etwa nicht?
Als ich in den 80er Jahren im katholischen Rheinland aufwuchs, gab es keine "Queers". Auf meinem erzkonservativen katholischen Knabengymnasium hießen die uncoolen Kids "Schwuchteln", "Schwulis" und "Homos". "Schwuchtel", "Schwuli" und "Homo" waren auch die Wörter, die ich als verwirrter Teenager hörte – meistens durch die Metallwand des Müllcontainers, in dem ich in den Pausen zu landen pflegte. Und wenn ich als 14-jähriger Taschenbillardspieler selbst übers Schwulsein nachdachte, kam mir nur das Grausen: Der katholische Aufklärungsunterricht hatte in mir den Eindruck hinterlassen, dass die in ewiger Gottesfinsternis weilenden, perversen Arschficker sowieso direkt krepieren. Da Männer also sterben, wenn sie anderen Männern in den Hintern spritzen, vermieden meine Kumpels und ich dies dann auch tunlichst bei unseren beinahe täglichen Treffen im Fahrradkeller; schwul war keiner, der da munter um die Wette mitwichste.
Zur selben Zeit hörten meine gleichaltrigen Leidensgenossen in England, Australien und den USA Begriffe wie "faggot", "bumboy", "poof", "bender" und, wenn es besonders brenzlig wurde, "queer". "Queer" umfasste alles, was sexuell anormal war: falsch, verdreht, abscheulich! "Queer" war das Letzte, was mancher Junge oder Mann hörte, bevor er im Krankenhaus aufwachte – wenn überhaupt. "Kill that queer!" Schlagt die Schwuchtel tot.
Queer: aus dem Schimpfwort wurde "Schwuchtel / Mannweib / Transen-Philosophie"

Der Fotograf Wilhelm Bendow stellte bereits 1929 die queere "Gretchenfrage"
Aber dann kam die Queer Theory. Schwuchtel/Mannweib/Transen-Philosophie sozusagen. "Queer", ein englisches Schimpfwort, wurde nicht nur zur Ehrenbezeichnung, sondern zum Kampfwort und Losung im Befreiungskampf von Schwulen, Lesben, Bisexuellen, Trans*-Personen und Intersexuellen. Teresa de Lauretis, eine selbst-erklärte "Weiße/Feministin/Lesbe/Kriegerin/Theoretikerin/Mutter" ("Feminism and Its Differences", 1990), erdenkt sich Anfang der 90er Queer Theory als kritische Untermauerung für die emanzipatorische Lesben- und Schwulenbewegung. Drei Jahre später hat sie bereits genug von "queer" und kehrt zum "lesbisch sein" und "lesbisch denken" zurück: Denn Mainstream und Popkultur hatten die neubewerteten Bezeichnung allzu gierig aufgenommen und fingen an, "queer" zu sagen, wo "LGBT" (lesbian, gay, bisexual and trans) zu lang klang. Andere AktivistInnen und AkademikerInnen blieben jedoch bei "queer": Der alte Schandname beinhaltet, so ging die Überlegung, einen politischen Stachel, der den Begriffen "schwul" und "lesbisch" fehle.
Welchen Stachel hat "queer"? Warum sollten wir uns diese Beschimpfung stolz wie einen Orden anheften wollen? Wir sind doch schwul, haben schwule Werte, echte Muskeln und echten Sex – schwul ist ganz normal, nur halt anders! Erst recht sind wir keine schwuchteligen Lispelhuschen, die heimlich Mädchen sein wollen: Nein, wir sind echte Kerle, die auf echte Kerle stehen. Oder?
Die Frage lautet: Was ist "Mann", was ist "Frau", was ist "schwul", was "hetero" denn wirklich? Sind das feste "Seins"-Kategorien, die sich unversöhnlich gegenüberstehen? Oder sind dies einfach Konzepte, bequeme Verkürzungen, die dem Chaos menschlichen Lebens nicht gerecht werden? Gibt es etwas, das unabänderlich "männlich" ist, und dann ein Gegenpol oder sogar Widerpart des Ewig-"Weiblichen" ist? Kann man also behaupten, es gebe wesentlich-notwendige Eigenschaften des "Männlichen" (z.B das Vergewaltiger-Sein)? Und sind "schwul" und "hetero" wirklich Gegensätze? Zumindest die letzte Frage wurde in der politischen Arbeit der 90er-Schwulenbewegung meistens verneint; seit den 70er wurde von AufklärerInnen vermehrt auf die berühmten Kinsey-Studien (1948-1953) verwiesen; aus denen kann man ableiten, dass menschliche Sexualität nicht in starr begrenzten Kategorien oder absolut gegensätzlich Formen erscheint. "Hetero", "bi" und "homo" bezeichnen höchstens Punkte auf einer Skala. Man(n)/frau ist halt in der Regel nicht 100 Prozent homo oder 100 Prozent hetero, sondern irgendwo dazwischen: 80-20, 70-30, 60-40 usw. Das ist meistens eine befreiende Erkenntnis für die heteroflexiblen Experimentierer, die noch verschämt über die gleichgeschlechtlichen Doktorspiele ihrer Kindheit oder die betrunkene Nummer im Hinterhof letzten Karneval nachgrübeln.
Zurück zu "queer" und seinem Stachel; dieser rührt tiefer, als einfach nur vermeintliche Gegensätze in sexueller Orientierung oder Geschlechtlichkeit zu relativieren (nach dem Motto "Wir sind halt alle ein bisschen hetero-homo-flexibel"). "Queer" ist ein echter Querschläger (sorry für das furchtbare Wortspiel; zu meiner Verteidigung: queer und quer sind etymologisch verwandt): Statt uns eine neue, bequeme Kategorie zu geben, explodiert "queer" einfach unsere liebgewonnenen Vorstellungen über Sex, Orientierung, Geschlecht und Gender. Natürlich können wir steif und schematisch denken, dass ca. 90 bis 95 Prozent aller Menschen hetero (und cisgender, d. h. nicht transgender) sind; essentiell sind. Also, dass es einen Wesenskern in der überwältigenden Mehrheit der Menschen gibt, den man Heterosexualität nennt. Und dass es dann die verque(e)re Minderheit gibt, deren Essenz Homosexualität ist (und/oder Bisexualität, wenn wir gönnerisch zugeben, dass es das gibt). Fertig. Warum sollte sich also die Welt nicht um die 95 Prozent Mehrheit drehen? Die Rechte der Nicht-Heteros sind dann Gunsterweisungen an die Minorität. Und die Minderheit muss sich assimilieren: am liebsten mit Monogamie, kirchlicher Heirat und Bausparvertrag! Hetero bleibt normal; mehr noch: die Norm. Heteronormativität halt.
"Queer" stört diese Einschätzung von Lesben, Schwulen, Bis, Trans, Intersex etc. als Minderheit. Stattdessen besagt Queer Theory, dass alle Facetten von Identität (z. B. Mann, hetero, weiß, Deutscher, jung, schlank, mittelklassig, gesund, gebildet, wohlhabend) kulturell und gesellschaftlich konstruiert sind und kein absolutes Dasein besitzen, keine ontologische Essenz; stattdessen treten diese Aspekte lediglich in Erscheinung, wenn sie sich im sozialen Zusammensein ausspielen, wenn Individuen sich mit diesen Kategorien identifizieren; oder besser noch, wenn Individuen diese Identitäten in konkreten Situationen "darstellen". Das ist, was die berühmte Queer-Denkerin Judith Butler unter "Performativität" von Identität versteht. Identität als Aufführung, Darstellung, Performanz.
Ohne Essenz, spielen wir "Mann", "hetero" etc. – was und wie auch immer wir dies kulturell gelernt haben. Das will aber nicht sagen, dass wir notwendigerweise echte Entscheidungsfreiheit haben – das würde den Zur-größeren-Ehre-Gottes-Hassenden gefallen! Performativität will nicht ein weiterer Standpunkt in der leidlichen Diskussion über die Ursachen des Schwul-etc.-Seins sein. Auch das Anerkennen möglicher biografischer Fluktuationen bedeutet nicht, dass der sexuelle Darstellungsfreiraum im konkreten Einzelfall nicht sehr beschränkt ist.
"Queer ist, was alle Label stört, ohne selbst Label zu sein"

Dieser Standpunkt ist die leicht gekürzte Fassung eines umfassenden Beitrags von Burkhard Scherer, der in der Januar-Ausgabe des Magazins "Männer" erschienen ist
Vielmehr zeigt Queer Theory, dass die Frage nach dem Warum von sexueller Orientierung und Gender-Nonkonformismus aus ganz speziellen gesellschaftlichen Umständen erwächst – aus der Vorstellung, dass jeder Mensch in eine feste Standard-Norm passt und passen muss. Die kürzlich verstorbene Feministin Adrienne Rich sprach von der sexuellen Norm als "Zwangsheterosexualität"; in der Queer Theory spricht man von "Heteronormativität": Die Welt dreht sich um Heteros, die Welt erwartet von allen Heterosexualität. Heteros sind die Mitte der Welt, das Zentrum, das Randexistenzen und Außenseiter schafft.
Was passiert, wenn es keine Mitte gibt? Wenn Oma Peterchen beim Kaffeekränzchen nicht nach einer Freundin fragt, weil sie von der heterosexuellen Norm ausgeht? Was passiert, wenn man/frau nicht nur die Zwangs- und Standard-Rubrik für sexuelle Orientierung in Frage stellt, sondern auch andere Identitätskategorien wie Gender, Hautfarbe, Klasse, Behinderungsstatus, usw.? Queer passiert! Keine Mitte mehr. Keine Norm, die vorschreibt, wer man sein muss! Leben passiert, und passiert in seiner ganzen Offenheit, Fülle und Chaos, dem "offenen Netzwerk von Bedeutungs-Möglichkeiten, -Lücken, -Überlappungen, -Miss- und -Widerklängen, -Ausrutschern und -Ausschweifungen". (Eve Sedgwick, neben Judith Butler die andere Mutti der Queer Theory, schreibt dies 1994 in ihrem Buch "Tendencies").
Feste Schubladen werden queer-gedacht, gequeert. Das Ergebnis ist ein gewaltiger sozialer Impuls zur Emanzipation und radikalen Befreiung – nicht einfach nur Assimilierung. Die Radikalität von queer stört manche(n) Schwulen- oder Frauenbewegte(n); es gibt genug Schwule, Lesben, Bisexuelle, FeministInnen etc., die sich nicht als queer bezeichnen wollen: Denn bei queer geht es nicht darum, einer zentralen, normativen Mehrheit Minderheitenrechte abzuringen; vielmehr fordert queer das Zerstören der heterosexistischen, geschlechtsbinären patriarchischen Fundamente aller sozialer, kultureller und politischer Diskurse. Warum also für die monogame Homo-Ehe streiten, wenn man die privilegierte Institution "Ehe" als solche in Frage stellen kann? (Meine Antwort: beides machen! Gepriesen sei der taktische Pragmatismus!).
In den mehr als 20 Jahren nach meinem Coming-out und den Anfängen von Queer Theory in den 90ern ist viel geschehen. Der/die hier schreibende Schwuchtelwaschlappen ist höchstdotierte/r ProfessorIn geworden und reist für sein/ihr akademisches Aktionsnetzwerk Queering Paradigms durch alle KontinentInne. (Kleiner Scherz.)
In Queer Theory vernetzt sich gegenwärtig der queere Impuls erfolgreich mit sozial- und kulturkritischen Theorien zu Rasse/Hautfarbe (weiß als Norm), Klasse, Behinderungsstatus, MigrantInnen-Status, ökonomischen Status etc. Queere AktivistInnen vernetzen sich mit anderen MenschenrechtlerInnen, GlobalisierungsgegnerInnen, Friedens- und Umweltbewegten im gemeinsamen Streit für soziale Gerechtigkeit. Ich hoffe, dass sich bald ein weiteres Feld öffnet und dass wir häufig religionsvergifteten Queers unsere Berührungsangst zur Spiritualität verlieren: Als zweifach exkommunizierter Queerkopf (ex-katholisch; ex-Diamantweg) bleibe ich zwar skeptisch, sehe aber im Erwecken des Queer Spirit eine echte Chance für die Zukunft. (Außerdem wurde die Welt wirklich von einem flauschigen, rosa Einhorn geschaffen!)
Queer, behaupte ich, ist, was alle Label stört, ohne selbst Label zu sein. Queer ist wie eine mathematische Funktion, die, ausgehend von Fragen der sexuellen Orientierung und Gender, Normativitäten in Frage stellt und aufhebt. Queer ist Einstellung, Disposition, um Normalitäten zu stören, um zwanghaften Vorstellungen über feste Identitätsschubladen Widerstand zu bieten und in der schönen, heilen Hetero- und Cis-Welt querzuschießen. Und nicht nur dort. Queer ist ein Querschläger auch in der schönen, heilen Schwulen Welt mit ihren Normen und Ausgestoßenen: Homonormativität. Das ist alles, was die erfolgreiche Adaption der Homo-Variante von Heteronormativität gefährdet. Oder was nicht Szene-Norm und Begehrlichkeit ist, wie wir das am Samstagabend in der hippen Homodisko sehen: jung, gesund, gut bestückt, nicht tuntig ('straight acting' heißt das im Englischen!), normativer Körper und die richtigen Klamotten. Schwule Verlage und Zeitschriften schreiben kräftig an der Homo-Norm mit; wer nicht mitmachen will oder kann, bleibt zu Hause oder geht in die alternative Szene: Auch da gibt es dann Normalitäten und Außenseiter. Der Normalo-Schwule diskriminiert dann die Tunte, die Tucke die Transe, die post-operative Transsexuelle die Prae-op-Transe, der/die Prae-op-Transgender die/den Genderqueer usw. Seufz.
Queer ist der utopische Impuls, der dieser Psychologie der Ausgrenzung des jeweils schwächsten Gliedes entgegentritt, der dem Unsichtbaren Stimme und Sichtbarkeit verleiht und uns aus dem Gefängnis unserer Identitätskonzepte ausbrechen lässt. Oder wollen wir wirklich in der schönen, heilen schwulen Welt solange Champagner trinken, bis uns die Zentrifugalkräfte unseres Lebensweges auch dort aus der Mitte an den Rand und an den Abgrund treiben? Wenn/wann normal-schwul versagt, brauchen wir vielleicht doch auf einmal queer.
Dieser Standpunkt ist die leicht gekürzte Fassung eines umfassenden Beitrags von Burkhard Scherer, der in der Januar-Ausgabe des Magazins "Männer" erschienen ist.
Der/die QueerforscherIn hält den Lehrstuhl für Vergleichende Religionswissenschaften und Gender- und Sexualforschung an der englischen Canterbury Christ Church University. Nach dem Studium von u. a. Klassischer Philologie, Indologie und Indogermanistik in Bonn und Münster promovierte Scherer in Groningen in den Niederlanden. Unter Scherers zahlreichen Publikationen finden sich mehr als ein Dutzend Bücher zu Buddhismus, Mythologie, und Queer Theory. Für "Männer" gab Scherer bereits einmal ein Interview zum Thema "Schwulsein und Buddhismus" (Mai 2008).
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