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Geschichte der Schwulenbewegung

Rosa Radikale mit Randale

  • 09. Januar 2013 25 4 Min.

Selbsterfahrung mit Zungenkuss und Öko-Style beim Homolulu-Fest, 1979 in Frankfurt. (Bild: Männerschwarm)

Die 1970er Jahre waren für die Mitstreiter der westdeutschen Schwulenbewegung eine aktionsgeladene Zeit, die mit dem Randale-Eklat in der Bonner Beethovenhalle 1980 eine erste Zäsur erfuhr. Ein Reader blickt zurück und fragt, was blieb.

Von Christian Scheuß

Es ist erstaunlich, wie schnell die eigene Geschichte im Museum landet. Als das neue Ruhrmuseum in Essen in der ehemaligen Zeche Zollverein kurz vor seiner Eröffnung stand, meldeten sich Ende 2009 die Kuratoren der geplanten Dauerausstellung in unserer Redaktion, und fragten, ob es denn möglich wäre, eine Erstausgabe der "Rosa Zone" von 1991 zu bekommen. Man wolle mit dem Aushang des ehrenamtlich erstellten Infoblatts auch die Schwulen und Lesben, die Teil der diversen sozialen Bewegungen in der ehemaligen Bergbau- und Schwerindustrieregion waren und sind, mit berücksichtigen.

Der Gedanke, dass nun ständig Schulklassen durch 150 Jahre Industrie- und Regionalgeschichte geschleust werden um dann gegen Ende auf dieses dilettantisch zusammengeklöppelte und doch damals persönlich so wichtige Stück Papier zu stoßen, dass sie womöglich zum Kichern bringt ("IIh, guck mal, schwuuuul!"), ihnen aber ansonsten nicht viel sagt; dieser Gedanke fühlt sich komisch an. Auf der anderen Seit hatte der Anruf auch etwas beruhigendes. Man hat bei der Ausstattung der Ausstellung nicht nur an die dominierende Arbeiterbewegung gedacht und auch nicht nur an die Frauenbewegung.

Dass die sexuellen Minderheiten und ihr Kampf um sexuelle Befreiung, Emanzipation, Akzeptanz und Freiräume in der Gesellschaft ganz selbstverständlich mit ins historische Portfolio aufgenommen werden, haben wir den Männern und Frauen zu verdanken, die zwanzig Jahre vor dem Erscheinen der ersten "Rosa Zone" anfingen, sich zu organisieren, politisieren und zu engagieren. Mit viel kreativem Radau, rosa gefärbten Utopien und einer gehörigen Portion Radikalität.

Die Rosa Radikale meldete sich ab 1971 zu Wort


Freie Liebe, freie Rede, Szene aus Praunheims Film von 1971

Die Teilnehmer, die im Dezember 2011 einer Einladung in die Akademie Waldschlösschen gefolgt waren, hatten sich der großen Herausforderung gestellt, die inzwischen museumsreifen Anfänge der neuen deutschen Schwulenbewegung der Bundesrepublik zu betrachten und zu analysieren. Die 1970er Jahre, das "legendäre Jahrzehnt", wie "geil" war das wirklich für die Beteiligten und wie "geil" ist es heute?

Nicht nur für die, die in diesem Jahrzehnt ihre langhaarige Jugend verschwendeten. Auch für die nachwachsenden Generationen, die sich bei den CSD-Paraden immer fragen, wer denn eigentlich dieser Christopher Street gewesen ist. Aus der Tagung mit vielen verklärenden Rückblicken und klärenden Diskussionen ist ein Reader entstanden, der viele Facetten der "Rosa Radikale" neu betrachtet und die Frage zu beantworten sucht, was vom Happening eigentlich übrig blieb.

Die Veröffentlichung von Rosa von Praunheims Film "Nicht der Homo­sexuelle ist pervers…" 1971 gilt heute als der Startschuss der deutschen Homobewegung und hat damit einen ähnlich ikonenhaften Charakter wie der Aufstand der Transen und Schwulen in der New Yorker Bar "Stonewall Inn" im Sommer 1969. Dort startend klappern die Zeitzeugen von damals noch einmal ihre Demo-Marschrouten ab. So versucht der Historiker Michael Holy in seinem Beitrag den Balanceact, die Verdienste der Bewegung zu würdigen, ohne sie dabei allzu sehr idealisieren zu wollen. Denn es gab seiner Meinung nach sehr viel Widersprüchliches in der Bewegung, die sich mal mit mutigen Aktionen und fantasievollen Provokationen ausdrückte (zum Beispiel mit dem Festival Homolulu 1979), die aber auch mit schrillem Getöse ihre Politik- und Konsensunfähigkeit bewies (Parteienbefragung in der Bonner Beethovenhalle 1980).

Die "Polittunte" wird geehrt, die Herkunft der Farbe Rosa geklärt


Spannender Rückblick auf ein bewegtes Jahrzehnt

Während sich der Autor Jens Dobler mit der Herkunft des Wortes "schwul" befasst, das in den Siebzigern als selbstbewusst getragenes Label vereinnahmt wurde, hat sich Patrick Henze (Patsy l'Amour laLove) durch die alten Debattentexte über Emanzipation und Männerrollen gekämpft, um bemerkenswerte Schlüsse hin zu aktuellen Queer-Debatte zu ziehen. Die "Tunte" als politisch aktives Wesen wird ebenso gewürdigt wie die Frage nach der "richtigen" politischen Orientierung.

Wie links, wie feministisch, wie radikal durfte oder musste man sein, um zur Community dazu zu gehören? Warum haben sich die Lesben in der Frauenbewegung wohler gefühlt? Und wer hat eigentlich bestimmt, dass die Farbe Rosa – mal abgesehen vom Bezug zum Rosa Winkel – "unsere" Haus- und Hoffarbe ist.

Die Geschichte und Geschichten der "Rosa Radikale" werden von 16 Autoren auf den rund 260 Seiten mal durch die Rosa Brille betrachtet, mal münden sie in der kritischen Erkenntnis: Für Anpassung und Homoehe haben wir nicht gekämpft. Das sind vielfältige wie erhellende Einblicke in eine tatsächlich sehr bewegte Zeit. Die wissenschaftliche Aufarbeitung und die weitere Aufbereitung für das schwul-lesbische Geschichtsbuch, in denen die nachfolgenden Generationen mit Interesse blättern können, die steht uns noch bevor.

Infos zum Buch

Andreas Pretzel, Volker Weiß (Hg.) – Rosa Radikale – Die Schwulenbewegung der 1970er Jahre. Edition Waldschlösschen, Band 12, erschienen bei Männerschwarm Verlag, Hamburg 2012. Mit Rückblicken von Martin Dannecker, Michael Holy, Ralf König, Elmar Kraushaar, Rosa von Praunheim und Detlef Stoffel. Einblicken von Jens Dobler, Benno Gammerl, Craig Griffiths, Dominique Grisard, Patrick Henze und Sebastian Haunss. Sowie Ausblicken von Simon Schultz von Dratzig und Volker Woltersdorff. 260 Seiten, Printausgabe: 22,00 EUR, Ebook im PDF-Format: 17 EUR.

Am 10.1. lädt das Berliner Café Südblock, Admiralstr. 1-2, zur Buchvorstellung mit Diskussion und tanzbarer Tuntenlounge. Beginn: 20 Uhr.
-w-

#1 FoXXXynessEhemaliges Profil
  • 09.01.2013, 16:54h
  • Ein bewegendes Stück Zeitgeschichte!
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#2 A x e lAnonym
  • 09.01.2013, 17:28h
  • Auch Einzelne können eine Bewegung in Gang setzen, wie Harvey Milk in den USA und andere in Deutschland bewiesen haben.

    Obwohl ich den "pädagogischen Zeigefinger" - so wie viele Jüngere auch - nicht besonders schätze (wg. zu viel Selbstgerechtigkeit und Selbstbeweihräucherung), dürften einige Binsenweisheiten aber wohl doch zutreffen:

    Wer seine eigene Geschichte nicht kennt, hat keine Zukunft.

    Gestern war die Geburt von heute und heute ist die Geburt von morgen ...

    Wer glaubt er sei stark genug, um als Einzelkämpfer erfolgreich zu sein und deshalb den Gedanken der Solidarität für sich ausschließt, der vergisst leicht, dass seine Gegner allesamt sehr gut organisiert und vernetzt sind.

    Genug, genug!

    Es freut mich, dass die Rosa Zone auch bei den Museumsleuten noch ein Begriff ist, denn sie hob sich damals wirklich außergewöhnlich positiv von ihren Mitbewerbern im Printbereich ab.

    Beste Grüße an die Queer.de Redaktion
    A x e l
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#3 carolo
  • 09.01.2013, 19:36h
  • > ...die aber auch mit schrillem Getöse ihre
    > Politik- und Konsensunfähigkeit bewies
    > (Parteienbefragung in der Bonner
    > Beethovenhalle 1980)

    Quatsch!

    "Parteien auf dem Prüfstand" in Bonn war eine rundum seriöse Angelegenheit. Moderator war Münchenhagen vom WDR.

    Die "Indianerkommune" eines einzelnen Pädophilen aus Nürnberg, die die Veranstaltung mit viel Krawall und noch mehr Buttersäure gesprengt hat, war keinesfalls Teil der damaligen Schwulenbewegung.
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