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Antisemitischer und homophober Spott unter Schriftstellern
War Heinrich Heine ein Schwulenfeind?
- 02. Februar 2013 6 Min.

Ausschnitt aus dem Cover: Nachdem der schwule Dichter August Graf von Platen-Hallermünde von Heinrich Heine geoutet wurde, entwickelte er eine Juden-Paranoia
Christopher Keppel und Joachim Bartholomae thematisieren in ihrem Buch "'Schlaffe Ghaselen' und 'Knoblauchsgeruch" einen heftigen Dichterstreit im 19. Jahrhundert.
Von Angelo Algieri
"Von den Früchten, die sie aus dem Gartenhain von Schiras stehlen, / Essen sie zu viel, die Armen, und vomieren dann Gaselen". Mit diesen und anderen Versen der Xenie "Östliche Poeten" hat Karl Leberecht Immermann (1796-1840) einen der heftig geführten Dichterstreits des 19. Jahrhunderts ausgelöst. Dieses Streitgedicht stand im Anhang des zweiten Bands der "Reisebilder" (1827) seines bekannten Literaten-Freundes Heinrich Heine (1797-1856). Womit schon zwei Protagonisten des Streits genannt sind. Deren Gegner war der schwule Dichter August Graf von Platen-Hallermünde (1796-1835). Dieser historische Disput ging weit über den Romantik-Klassiker/Formalisten-Richtungsstreit der deutschsprachigen Literatur hinaus. Denn harscher antisemitischer und homophober Spott wurde ausgetauscht.
Wie der Schlagabtausch geführt wurde, welche Textreaktionen er hervorrief und in welchem Kontext er zu verstehen ist, das alles dokumentiert der Band "'Schlaffe Ghaselen' und 'Knoblauchsgeruch'" von Kulturwissenschaftler Christopher Keppel und Männerschwarm-Verleger Joachim Bartholomae. Das Besondere an diesem Werk: Die Herausgeber begnügen sich nicht mit Kurz-Zitaten, sondern dokumentieren die gesamten Original-Texte bzw. die relevanten Kapitel. Und: Sie beziehen in diesem Streit Immermann mit ein. Keine Selbstverständlichkeit, da die meisten nachgeborenen Kritiker, Autoren oder Literaturwissenschaftler Heine und Platen im Fokus sehen. Weil sie Immermann zu Unrecht als nicht bedeutenden Dichter erachten. Er argumentierte vor allem in ästhetischer Hinsicht – aber nicht minder heftig.
Auf den oben genannten Spott fühlte sich Platen angesprochen. Seine Antwort war das Lustspiel "Der romantische Ödipus" (1829), eine Parodie im Stile des alt-griechischen Dichters Archilochus. Darin verspottet er Immermann als "Hyperromantiker Nimmermann" – und entlarvt seine Schwäche, in dem er die Vernunft als Figur auftreten lässt. Platen spricht ihm so dichterische Qualitäten ab. Bemerkenswert ist, dass Platen en passant Seitenhiebe an Heine austeilt, etwa "den herrlichen / Petrark des Laubhüttenfests", aber auch hämische Anspielungen auf Heines jüdische Herkunft: "Synagogenstolz", "des sterblichen / Geschlechts der Menschen Allerunverschämtester", "Denn seine Küsse sondern ab Knoblauchsgeruch / (Publikum) Drum führt er sein Riechfläschchen auch beständig mit."
Immermann und Heine blasen zum Gegenangriff

Verzichtete auf einen eigenen Beitrag: Männerschwarm-Verleger und Co-Herausgeber Joachim Bartholomae
Nach diesen sarkastischen Beleidigungen leiteten Immermann und Heine zum Gegenangriff über – die Kriegsmetaphorik kommt nicht von Ungefähr. Denn selbst "die Kombattanten", wie ein Kapitel in diesem Band folgerichtig benannt, sahen diesen Disput als Krieg: "C'est la guerre! Es galt kein scherzendes Turnier, sondern Vernichtungskrieg, (…)" etwa tönte Heine in einem Brief an Immermann. An seinen Freund Varnhagen von Ense gar pointierte er: "Der Schiller-Goethesche Xenienkampf war doch nur ein Kartoffelkrieg, (…)"
Immermann reagierte mit einer, wie er es nannte, "literarischen Tragödie": "Der im Irrgarten der Metrik umhertaumelnde Cavalier" (1829). Darin bezichtigt Immermann Platen, dass er kein genialer Dichter sei: "Ein Graf; kein Dichter!". Und ein kleinlicher Metrenzähler, bei dem die Form über dem Inhalt stehe. Witzelt über die penetrante Einhaltung von betonten und unbetonten Silben. Das Geniale müsse aus dem Ganzen entstehen und aus leichter Feder – weniger gezwungen und einengend durch die Form. Zudem moniert er, dass Platen die orientalische Gedichtform der Gasele zu grob sei für den "deutschen Michel".
Der Dichter, der "mit dem Gesäße kokettierte"
Heine hingegen reagierte harscher: In seinem dritten Band der "Reisebilder" (1829) beschäftigt er sich in gleich zwei Kapiteln mit Platens Texten und Stil. Dabei bricht er mit einem Tabu: Er spricht frei über Platens Homosexualität, allerdings in diffamierender, spöttischer Form: "der Name Mann überhaupt passt nicht für ihn, seine Liebe hat einen passiven pythagoreischen Charakter, (…), er ist ein Weib, und zwar ein Weib, das sich an gleich Weibischem ergötzt, er ist gleichsam eine männliche Tribade. Diese ängstlich schmiegsame Natur duckt durch alle seine Liebesgedichte, er findet immer einen neuen Schönheitsfreund, überall in diesen Gedichten sehen wir Polyandrie, (…)". Zudem gibt es Anspielungen auf Analsex: "'von vorn' und 'von hinten'" oder "mit dem Gesäße kokettierte". Und stellt Homosexualität als etwas Minderes dar, so lässt Heine einer Figur sagen: "Ja, ich muss gestehen, ich sehe nicht so viel Schönes am männlichen Geschlecht, dass man sich darin verlieben sollte."
Heines Angriff auf Platen unter der Gürtellinie wurde, das zeigt der Band in damaligen Rezensionen, nicht honoriert. "Heine ist zu weit gegangen", schrieb etwa ein Rezensent. Zwar empfanden andere Kritiker, dass homoerotische Liebesgedichte "widerlich" seien, "aber rechtfertigt dies eine solche Beschuldigung?" Doch auch Heine selbst schien sich seines Fehltritts bewusst zu sein. Seine Konsequenz: Ab der zweiten Auflage wurden die Schmäh-Kapitel über Platen ersatzlos gestrichen.
Die andere Konsequenz: Nach dieser vernichtenden Kritik Heines kehrte Platen Deutschland endgültig den Rücken und veröffentlichte zu Lebzeiten keine Texte mehr. Zudem entwickelte er eine "Juden-Paranoia" – er sah in jedem, der ihn nicht mochte, einen Juden im negativen Sinne. Selbst seinen Verleger Cotta beschimpfte er als Juden, weil er sein Honorar verzögerte.
Welcher Dichter hat sein Gesicht verloren?

Platen, Immermann und Heine streiten über freche Juden, warme Brüder und wahre Poesie
Löblich, dass die Herausgeber noch einige Auszüge von Stellungnahmen zu diesem Streit von bekannten nachgeborenen Autoren dokumentieren: Thomas Mann, Karl Kraus, Marcel Reich-Ranicki und Durs Grünbein. So sieht Reich-Ranicki ausnahmslos Heine als Sieger in diesem Streit. Denn, so erklärt der Kritikerpapst, Heine habe richtig auf Platens antisemitische Beleidigungen gehandelt. Während Mann und Kraus sich für Platen aussprechen. Ausgewogener hingegen die Quintessenz von Grünbein: Heine und Platen hätten beide ihr Gesicht verloren.
Bedauerlich, dass Keppel und Bartholomae selbst keinen Aufsatz oder Nachwort beisteuern, bei dem brennende Fragen diskutiert oder aktuelle Bezüge hergestellt werden – etwa wie der Dichterstreit aus heutiger, Sicht zu bewerten wäre: War Platen ein Antisemit und Heine ein Schwulenhasser? Kann Platens Antisemitismus relativiert werden, wenn es im Band heißt, dass bei Aristokraten Antisemitismus salonfähig war? Im Gegensatz dazu: War Heine wirklich homophob? Denn das legt uns dieses Buch sehr nahe. Oder ist es eher so, dass Heine, wie der Literaturkritiker, Publizist und ehemaliger "Zeit"-Redakteur Fritz J. Raddatz in seiner Heine-Biografie meint, dass der große Dichter bei Polemik gerne sexualisierte? Raddatz, selbst schwul, verweist darauf, dass Heine diese sexualisierte Waffe auch bei Auseinandersetzungen mit Menzel, Schlegel und Börne einsetzte: "Es ist der Graf, der kein Graf mehr sein soll – und die 'Pedrastie' bietet nur die Waffe. Eine uneheliche Geburt aufzudecken, illegale Kinder oder Mesalliancen – alles wäre ihm ebenso recht gewesen; jedes Mittel." Hat Raddatz Recht? Auch dazu hätten sich Keppel und Bartholomae sich explizit äußern können. Schade!
Trotzdem finde ich, dass es ein schöner und aufschlussreicher Band geworden ist. Lobenswert auch, dass Immermann in diesem Streit würdig einbezogen wird. Nicht nur für Wissenschaftler zusammengestellt, sondern auch für den interessierten Laien. In einer allgemein-verständlichen Sprache. Auch die Texte sind nach der heutigen Rechtschreibung redigiert – was das Lesen um einiges erleichtert. Zusätzlich werden einige nicht mehr geläufige Wörter erklärt.
Fazit: Eine verdienstvolle, runde Zusammenstellung eines brisanten Dichterstreits, bei der sich der Leser eine eigene Meinung bilden kann. Zudem sagen die Texte viel über die deutsche Biedermeier-Gesellschaft und ihren Umgang mit Minderheiten aus – aber auch viel über die bevorstehenden literarischen und politisch-sozialen Umwälzungen!
Christopher Keppel und Joachim Bartholomae: "Schlaffe Ghaselen" und "Knoblauchsgeruch". Platen, Immermann und Heine streiten über freche Juden, warme Brüder und wahre Poesie. Männerschwarm Verlag, Hamburg 2012. 248 Seiten. 20 €. ISBN: 978-3-86300-122-3.
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