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- 25. Februar 2013 4 Min.

Aids-Aktivist Larry Kramer 1991: "40 Millionen Infizierte sind eine verfickte Pest!" (Bild: Screenshot)
Die Doku über die amerikanische ACT-UP-Bewegung war nominiert, ging am Sonntag aber leer aus. Dieser Film gehört in den Kanon schwuler Geschichtsschreibung.
Von Christian Scheuß
Das Bild zeigt Larry Kramer in Großaufnahme. Es rumort kräftig in ihm, während um ihn herum Leute sich gegenseitig beschimpfen. Dann kann er nicht mehr an sich halten. "Pest!" schreit der Aids-Aktivist in den Versammlungsraum der New Yorker Organisation "Gay Men's Health Crisis". "Wir befinden uns inmitten einer verfickten Pest! 40 Millionen Infizierte, das ist eine verdammte Pest! Wir befinden uns im allerschlimmsten Zustand wie noch niemals zuvor!"
Alle sind verstummt, doch Kramer ist noch nicht fertig mit seiner Standpauke. "All die Pillen, die ihr euch in den Hals schüttet? Vergesst es! ACT-UP ist von extremen Irren übernommen worden, keiner stimmt mehr mit den anderen überein. Wir schaffen es gerade mal ein paar hundert Leute auf die Straße zu bringen, das kriegt da draußen aber keiner mit! Nicht, bevor nicht Millionen auf die Straße gehen. Das kriegen wir nicht auf die Reihe, alles was wir tun ist aufeinander rumzuhacken und uns anzuschreien. Wenn wir es nicht schaffen, alle an einem Strang zu ziehen, sind wir so gut wie tot!"
Das emotionale Drama der Aids-Krise spürbar gemacht

David France mit Co-Produzent Howard Gertler am Sonntag bei der Oscarverleihung (Bild: A.M.P.A.S.)
Die beeindruckende Szene aus dem Jahr 1991 zeigt, unter welcher Anspannung die Gay Community seit 1981 stand, als die ersten 41 Fälle der seltsamen Immunschwäche, die überwiegend schwule Männer befiel, in den USA registriert worden waren. Die Aids-Krise war real, sie machte nicht halt vor Freunden und Geliebten, sie verschonte einen selbst nicht. Die HIV-Infektion kam bis Mitte der neunziger Jahre einem Todesurteil gleich, Vollstreckung garantiert in wenigen Jahren.
Auf der letzten Welt-Aids-Konferenz 2012 in Washington war überall das erleichterte Aufatmen zu hören – zumindest in den Industrienationen – weil die Infektion ihre größten Schrecken verloren hat. Auf Straßenbahnen und Großwerbeflächen sieht man heutzutage lauter Menschen, die lächeln und sagen: Ich bin infiziert, aber mir geht den Umständen entsprechend gut. So gut wie nie. "How To Survive A Plague" zeigt uns allen, wie es aussah, das Gesicht des alten Aids. Der Film macht verständlich und nachfühlbar, warum die Wut damals so groß war, warum die radikalen Aktionen von "Act Up" so bitter notwendig waren und was uns das alles "gekostet" hat.
Permanent betonten sie zurecht, dass ihnen die Zeit davonliefe, doch viele Politiker begriffen es lange Zeit nicht. Senator Jesse Helmes verlangte von den Aktivisten mit ihrer für ihn fragwürdigen Orientierung, sie sollten endlich mal die Klappe halten. Und wunderte sich anschließend, dass sie sein komplettes Haus mit einem Riesenkondom überziehen auf dem zu lesen ist, dass er gefährlicher als HIV sei. George Bush wird hart angegangen, weil er lieber Golf spielen geht, statt alles Menschenmögliche gegen die Epidemie zu unternehmen. Auch Bill Clinton wird 1992 während seines Wahlkampfes durch ACT-UP darauf gestoßen, dass er sich zu diesem drängenden Problem zu verhalten habe.
Die Asche der Geliebten George Bush vor die Füße geworfen

Schule Ledermäner werfen die Asche ihrer an Aids verstorbenen Freunde George Bush in den Vorgarten (Bild: Screenshot)
Einer der emotionalen Höhepunkte in der Auseinandersetzung zwischen einer verzweifelten Bewegung und einer ignoranten Politik geschieht im Oktober 1992. In Washington werden zum zweiten Mal die Aids Quilts gezeigt, die mit persönlichen Gegenständen von Verstorbenen geschmückten Teppiche. Ein paar der Aktivisten rücken mit der Asche ihrer toten Freunde zum Zaun des Weißen Haus vor und schütten diese auf den Rasen.
Wer diese besonders bewegende Szene hinter sich hat, wird womöglich besser verstehen, warum Aids-Aktivisten in Deutschland kürzlich so harsch auf die Entscheidung des Schwulen Netzwerks NRW reagiert haben, dem Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" die Kompassnadel zu verleihen. Die Erschütterungen der Aids-Krise wirken in uns nach, das Trauma ist noch lange nicht überwunden. Das geben auch die Aktivisten im Film zu, die das Glück hatten, 1995 mit der ersten wirksamen Therapie versorgt werden zu können.
"Es ist wie nach einem Krieg, du kommst nach Hause und fragst dich, warum ausgerechnet du überlebt hast" sagt einer mit Blick auf all die verlorenen Freunde. Auch wenn Peter Stanley und Larry Kramer betonen, wie großartig, menschlich und – trotz aller Irrtümer – sinnvoll all ihre Arbeit gewesen war, so "richtig entspannt wieder im Leben angekommen", wie es jemand ausdrückte, ist keiner von Ihnen.
Links zum Thema:
» Youtube-Kanal mit Interviews der Fimemacher
» Offizielle Website
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» auf sissymag.de
23:30h, Arte:
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Der Dokumentarfilm porträtiert drei Menschen aus der Ukraine, die mit einer Drag-Show für Solidarität und Widerstand kämpfen.
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präsentiert von Ben Affleck(!)
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United Kingdom)
5 Broken Cameras Emad Burnat, Guy Davidi (State of Palestine, Israel, France)
The Gatekeepers (Töte zuerst Der israelische Geheimdienst) Dror Moreh, Philippa Kowarsky, Estelle Fialon (Israel, France, Belgium, Germany)
How to Survive a Plague David France, Howard Gertler (USA)
The Invisible War Kirby Dick, Amy Ziering (USA)