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Gezielte Kampagne oder homophobe Einzelausfälle?
"Bild" macht Stimmung gegen Gleichstellung
- 06. März 2013 4 Min.

Die "Bild" zeigte am Mittwoch selbst Mut, als sie diesen gewagten Text zur homophoben Politikerin Katherina Reiche veröffentlichte
Das Blatt verteidigt Katherina Reiche als "Mutter Courage" und veröffentlicht suggestive Umfragen, die eine Zustimmung zur Homo-Ehe geringer erscheinen lassen.
Von Norbert Blech
War das Kanzleramt am Telefon? Oder will Springer der Union von sich aus helfen? Noch am Sonntag hatte die "Bild"-Zeitung einen sehr wohlwollenden Kommentar zur Gleichstellung von Lebenspartnerschaften veröffentlicht. Doch nun scheint eine Kampagne gegen die Gleichstellung begonnen zu haben. Jedenfalls brachte das Springer-Blatt am Mittwoch gleich zwei merkwürdige Texte, die den Kurs der Union zu verteidigen und indirekt zu unterstützen suchen.
In dem ersten Artikel wird die Gleichstellungsgegnerin Katherina Reiche als "Mutter mit Courage" gefeiert. Während die Union zum Thema Homo-Ehe "schweigt" (Äh, hallo?!? Haben nur wir Homos all die negativen Stimmen der letzten Wochen wahr genommen?), "kämpft" Reiche, so das Blatt anerkennend.
Der Text ist eine ärgerliche Hochstilisierung, wie man sie sonst von PI kennt: Aus dem Schüren von Vorurteilen wird der vermeintlich einsame, gar heldenhafte Kampf gegen angebliche Gefahren für die Gesellschaft. Die "blitzgescheite" (Äh, hallo?!?) Politikerin melde sich zu Wort, wenn "im allgemeinen Gleichstellungsübereifer die klassische Familie unter die Räder zu kommen droht", heißt es etwa.
Homophobie? Reichephobie!

Auch privat stellt sich der "Bild"-Autor gegen die Gleichstellung
Reiches wirren wie homophoben Thesen wird nicht widersprochen. Kein Wunder: "Bild"-Autor Ralf Schuler schreibt selbst in seinem Blog gegen die Gleichstellung an: "Die Anerkennung und Respektierung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften bedeutet eben nicht, dass man sie wider besseres Wissen für komplett gleichartig erklären muss", so der frühere Träger des Theodor-Wolff-Preises. "Es bedeutet auch nicht, dass Homo-Paare in ihrem ultimativen Drang, Kinder großziehen zu wollen, die sie selbst nicht bekommen können, an fordernder Aggressivität kinderlose Ehepaare in den Schatten stellen dürften."
In dem "Bild"-Text schafft es Schuler zudem, Reiche zum Opfer zu machen. Bereits 2012, als die Politikerin erstmals schwadronierte, dass die Zukunft nur in der klassischen Ehe liege (queer.de berichtete), "wurde Reiches Facebook-Seite mit einem wahren Shitstorm lahmgelegt und musste vom Netz genommen werden", bedauert er. "Von Nazi-Vergleichen bis zur Beleidigung ihrer Familie" habe sie viel aushalten müssen, sich aber nicht "beirren" lassen.
Nun seien "es vor allem Homo-Aktivisten, die Katherina Reiche in [die] rechtsradikale Ecke stellen wollen und auch nach der 'Jauch'-Sendung wieder mit Hass-Mails überzogen", bemerkt Schuler, um dann fettgedruckt zu kommentierten: "Die Toleranz, die sie für sich einfordern, gilt offenbar nicht für andere Standpunkte."
"Rechtsrandgebiet" und rechter Rand

Bei Günter Jauch hatte Reiche von der Gleichstellung als "Rechtsrandgebiet" gesprochen
Diese Verteidigung setzt freilich voraus, dass Reiche einen Standpunkt hätte. Doch die oft wiederholten Thesen von Reiche reichen nicht über diffuse Ängste hinaus. "Wir senden mit der Homo-Ehe ein falsches Signal", sagte Reiche am Sonntag im Talk bei Günter Jauch (queer.de berichtete), was "Bild" nun wiederholte. "Es geht darum, was noch übrig bleibt von Ehe und Familie, wenn homosexuelle Paare bei Ehegattensplitting und Adoptionsrecht die gleichen Rechte bekommen."
Bereits in der Sendung konnte Reiche auf Rückfragen nicht antworten, was Lebenspartner denn konkret Eheleuten weg nehmen und wie sie gar ernsthaft die Zukunft Deutschlands gefährden würden. Die Frage lässt Reiche immer wieder anklingen und erinnert dabei tatsächlich an die Argumentationskette im Dritten Reich, die zur Verfolgung Homosexueller führte. Hinter den "Standpunkten" steckt nicht mehr als vorurteilsgesteuerte Demagogie – von "Bild" hier bewusst ohne Distanzierung verbreitet.
Umfrage zu Vater, Mutter, Kind
Zugleich machte das Blatt am Mittwoch in einem zweiten Artikel mit gekonnten Umfragen zusätzlich Druck gegen die Gleichstellung.
Mehrere Umfragen hatten in den letzten Wochen ergeben, dass rund drei Viertel der Deutschen für eine Gleichstellung sind (queer.de berichtete). Das verschwieg die Zeitung heute und fragte hingegen nach der "besten Form der Familie": 68 Prozent stimmten zu, dass "Vater-Mutter-Kind" die beste Form sei (wonach sonst gefragt wurde, blieb unklar).
"Bild" nutzte das als Steilvorlage, um ein Zitat von CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt zu bringen: "Unsere Gesellschaft will, dass Ehe und Familie die Normalität und etwas Besonderes bleiben und nicht mit allem anderen auf eine Stufe gestellt werden." Als einziges "Gegenargument" wurde gebracht, dass Guido Westerwelle "sehr enttäuscht" über den Koalitionspartner sei.
Zugleich wurde gefragt, ob Homosexualität in den deutschen Medien "'zu viel Aufmerksamkeit' gewährt" werde (!). Das Ergebnis, in dieser Reihenfolge: "Insgesamt 44 Prozent stimmen diesem Satz zu, 49 Prozent stimmen ihm nicht zu." Fast 58 Prozent der Befragten waren der Meinung, dass Homosexuelle in Deutschland nicht "als vollwertige Bürger" behandelt werden. Nicht gefragt wurde, ob man dies befürworte oder kritisiere.















Diese Frau ist ego und falsch. Kein Konservatismus. Gleichheit.