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Entscheidung in Rom
Argentinier ist neuer Papst – und lautstarker Gegner von Homo-Rechten
- 13. März 2013 5 Min.

Mit Bergoglio hatten weder Medien noch Wettbüros und Gläubige auf dem Petersplatz in Rom gedacht
Unter dem Namen Franziskus wird Jorge Mario Bergoglio ab sofort die katholische Kirche führen. Er gilt als streitbarer Bewahrer der katholischen Morallehre.
Der Argentinier Jorge Mario Kardinal Bergoglio ist neues Oberhaupt der katholischen Kirche. Der 76-jährige Jesuitenpater war am Mittwoch Nachmittag im fünften Wahlgang des Konklaves mit mindestens einer Zweidrittel-Mehrheit gewählt worden.
Der Erzbischof von Buenos Aires hatte 2010 die Öffnung der Ehe für Lesben und Schwule als "zerstörerischen Anlauf gegen den Plan Gottes" bezeichnet, der die Familie "verletzen" könne und geradezu ein Plan des Teufels sei: "Wir sprechen nicht von einem Gesetzentwurf, sondern von einer Intrige des Vaters der Lügen, die die Kinder Gottes verwirren und hinters Licht führen soll."
Die Ehe zwischen Mann und Frau sei "der einzige natürliche Weg der Nachwuchszeugung", hatte das Mitglied des päpstlichen Rates für die Familie einst gesagt. Ein Adoptionsrecht für gleichgeschlechtliche Paare nannte er eine "Diskriminierung" von Kindern, die der "durch Gott gewollten Entwicklung durch Vater und Mutter beraubt" werden. Laut englischen Quellen sprach er in diesem Zusammenhang auch von Kindesmissbrauch.
Staatspräsidentin Cristina Kirchner hatte zu der Kritik gesagt, diese erinnere sie an die Zeiten der Inquisition. Die Ehe wurde geöffnet – samt einem Adoptionsrecht. Im letzten Jahr hatte der Staat auch ein Geschlechtsidentitäten-Gesetz verabschiedet, das für Transsexuelle als eines der fortschrittlichsten und unbürokratischsten der Welt gilt. Auch dagegen hatte Bergoglio angekämpft.
Unklares Verhalten während der Militärdiktatur

Mit der argentinischen Präsidentin Kirchner lieferte sich Bergoglio einen Schlagabtausch über Homo-Rechte (Bild: Casa Rosada / cc-by-sa 2.0)
Bergoglio ist zudem ein Gegner von Abtreibung, die er als "Kultur des Todes" bezeichnete, von Kondomen und Euthanasie. Ansonsten gilt er als bescheiden und sozial engagiert: 2001 hatte er etwa ein Aids-Hospiz besucht und zwölf Patienten die Füße geküsst. Immer wieder sprach sich der erste Papst aus Lateinamerika gegen soziale Ungleichheit aus.
Als Kardinal setzte er auf einen bescheidenen Lebensstil: Er verzichtete auf eine Residenz, lebte stattdessen in einer kleinen Wohnung und kochte auch seine Mahlzeiten selbst. Er kam ohne Chauffeur aus und war oft mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs.
Dem italienischstämmigen Argentinier, der in Deutschland studierte, wurde mehrfach eine größere Nähe zur Militärdiktatur nachgesagt. Auch gab es – nie bewiesene – Klagen, Bergoglio hätte Menschen denunziert und sei an der Entführung zweier Priester beteiligt gewesen.
Bergoglios Amtsvorgänger Benedikt XVI. war vor rund vier Wochen aus Alters- und Gesundheitsgründen zurückgetreten. Er war eine der weltweit lautesten Stimmen gegen die Rechte von Schwulen und Lesben (queer.de berichtete).
Argentinische Homo-Gruppe entsetzt – Die Reaktionen

Die argentinische Gruppe FALGBT zeigte sich entsetzt
Die Benennung von Bergoglio zum Papst sei ein "Plan des Teufels" und ein "schlechtes Zeichen für Gleichberechtigung", seufzt die Federación Argentina LGBT bereits in der Überschrift einer Pressemitteilung verzweifelt. Der neue Papst sei "militant" in den Fragen der Sexualmoral, seine Rolle beim Verschwinden von Priestern und dem Diebstahl von Babys während der Militärdiktatur sei zudem ungeklärt. Die Ernennung werde den Vatikan radikalisieren, so Esteban Paulón, der Sprecher der Homo-Gruppe.
Durch die Ehe-Öffnung und das moderne Gesetz zur Geschlechtsidentität sei Argentinien ein "Land mit mehr Rechten, Frieden und Vielfalt sowie gestärkter Familien" geworden. Die Befürchtungen Bergoglios seien nicht eingetreten, so Paulón, der wünscht, dass sich der neue Papst nicht ignorant, sondern lehrsam zeige. Auch solle er den großen Einfluss des Amtes nutzen, um Gewalt gegen Homosexuelle und deren Kriminalisierung zu kritisieren.
Die spanische Homo-Gruppe FELGTB sprach von einem "weißen Rauch, der für uns schwarz ist". Die Kirche habe erneut die Möglichkeit verpasst, sich zu erneuern. "Die katholische Kirche steht vor großen Herausforderungen", sagte Jörg Steinert, Geschäftsführer des Lesben- und Schwulenverbandes Berlin-Brandenburg (LSVD), in einer vorsichtigen Stellungnahme am Abend. "Papst Franziskus muss es gelingen, die eigenen religiösen Vorgaben in Einklang mit dem Recht auf sexuelle Selbstbestimmung zu bringen. Wir erkennen Reformbestrebungen an der Basis. Diese muss das neue Oberhaupt der katholischen Kirche als Chance nachvollziehen. Wir wünschen uns eine menschenfreundlichere Geschlechter- und Sexualpolitik von Papst Franziskus I."
Herndon Graddick, der Präsident der US-Gruppe Gay and Lesbian Alliance Against Defamation, hofft, der neue Papst werde "die roten Schuhe in ein Paar Sandalen austauschen und weniger Zeit mit Verdammen und mehr Zeit mit Füße-Waschen" verbringen. Die Human Rights Campaign hofft, der Papst müsse als spiritueller Anführer die Zeichen der Zeit erkennen und Schwule und Lesben mit Würde und Respekt behandeln.
In der Politik fielen die Reaktionen weniger allgemein aus. "Von ganzem Herzen gratuliere ich Kardinal Bergoglio, dem neuen Papst Franziskus I., zu seiner Wahl zum Oberhaupt der Katholischen Kirche", sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel. "Weit über die katholische Christenheit hinaus erwarten viele von ihm Orientierung, nicht nur in Glaubensfragen, sondern auch wenn es um Frieden, Gerechtigkeit, die Bewahrung der Schöpfung geht."
"Wir wünschen dem neuen Oberhaupt der Katholischen Kirche Kraft, Glück und Gesundheit für sein neues Amt", schrieben die Vorsitzenden der Grünen, Cem Özdemir und Claudia Roth. "Mit seinem Amt trägt der neue Papst aus Argentinien große Verantwortung für soziale Gerechtigkeit, für den Erhalt der Schöpfung und für Frieden und Dialog zwischen den Religionen, Kulturen und Staaten."
Der Grünenpolitiker Volker Beck sagte, der Name Franziskus I. sei "ein hoffnungsvolles Zeichen. Damit verbindet sich ein Versprechen an die Kirche und an die Welt. Ich würde mir wünschen, dass sich der neue Papst dem Leben der Menschen gegenüber so zuwendet, wie es Franziskus in der Vogelpredigt gegenüber der Natur getan hat."
"Mit Papst Franziskus I. ist der Kirche ein Oberhaupt geschenkt, das die spirituellen Impulse von Papst Benedikt XVI. und von Papst Johannes Paul II. aufnehmen wird", freute sich der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Dr. Robert Zollitsch. "So hat die katholische Kirche einen Papst, der in Kontinuität zu seinen beiden Vorgängern steht. Gleichzeitig wird der Heilige Vater eigene Impulse und Schwerpunkte setzen.
"Wir teilen gemeinsame Ziele – vom Einsatz für Frieden, soziale Gerechtigkeit und Menschenrechte, bis zum Kampf gegen Armut und Hunger, alles wichtige Elemente der nachhaltigen Entwicklung", sagte UN-Generalsekretär Ban Ki Moon. Auch Frankreichs Präsident François Hollande äußerte sich zurückhaltend, man werde "im Dienst von Frieden, Gerechtigkeit, Solidarität und der Menschenwürde" den Dialog suchen. (nb)














