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Ein Stripper packt aus

Schöne nackte Jungs

  • 03. April 2013 44 6 Min.

Anfang der 1990er ist Craig Seymour auf der Suche nach einem Thema für seine Doktorarbeit und einem gutbezahlten Nebenjob. Er findet beides in den Stripclubs von Washington D.C. ...

Der Journalist Craig Seymour hat jahrelang als Stripper gearbeitet. Jetzt erscheint seine Autobiografie "Nackte Tatsachen". Ein Gespräch über Sex, Politik und schöne Männer.

Interview: Paul Schulz

Craig, in deiner Autobiografie geht es ziemlich zur Sache. Hat deine Mutter das Buch schon gelesen?

(lacht) Ja, meine Eltern haben das Manuskript beide zu lesen bekommen, bevor das Buch in den USA erschien. Schon, weil sie darin auch als Figuren vorkommen. Allerdings hatte ich eine Bedingung: Sie mussten es erst zu Ende lesen, bevor sie etwas dazu sagen durften.

Warum wolltest du das?

Weil das Buch ganz gut erklärt, wieso ich als 22-Jähriger Doktorand in Washington überhaupt angefangen habe zu strippen und darüber auch meine Doktorarbeit geschrieben habe.

Und das war so, weil …?

Für mich war das Ganze eine Herausforderung und vielleicht der letzte Schritt zum Erwachsenwerden. Ich war ein schüchternes, braves Kind, und mich mit Anfang Zwanzig auf eine Bühne zu stellen, mir die Kleider vom Leib zu reißen und mich dann von anderen Männern überall anfassen zu lassen, war ein so großer Gegensatz zu dem Leben, was ich bis dahin geführt hatte, dass es schlagartig alles veränderte. Bücherschreiben, unterrichten, Fotograf sein, ich hätte nichts von dem getan, wenn ich nicht vorher Stripper gewesen wäre. Seine Angst über Bord zu werfen und Dinge einfach zu tun, von denen man nie dachte, dass man sie einmal tun würde, das war eine ganz grundlegende Erfahrung für mich.

Wie kam es denn überhaupt zu all dem?

Stripclubs waren der erste Ort auf der Welt, wo ich ganz ohne Angst andere Jungs angucken konnte, sie waren ein wichtiger Teil meines Coming-outs. Ich habe mich dort als schwuler Mann zum ersten Mal komplett sicher und zuhause gefühlt. Und das ist heute noch so. Ich war also Fan, bevor ich Akteur wurde (lacht).


Die Geschichte von einem, der auszog, sich auzuziehen: "Nackte Tatsachen"

Ist es ein gutes Gefühl, nur in Socken von 50 anderen Männern angesehen und begehrt zu werden?

Wer sagt dir denn, dass die einen immer begehren? Die Chance, von 50 Jungs gleichzeitig offen zurückgewiesen zu werden, weil dir niemand Trinkgeld gibt oder dich niemand anfassen will, ist groß. Deswegen ist es besser, wenn du dein Selbstbewusstsein aus etwas anderem als deinem Körper beziehst. Aber Strippen ist auch viel mehr als nur, sich auszuziehen.

Was denn?

Mit vielen der Stammkunden baut man als Stripper eine wirklich enge Bindung auf.

Deren Grundlage der Austausch von Bargeld ist.

Ja, aber das heißt ja für die Qualität der Bindung erst einmal nichts. Du kannst trotzdem mit vielen deiner Kunden ein freundschaftliches Verhältnis haben. Wenn jemand dir so zeigt, was er wirklich geil findet und dich sein Begehren sehen und spüren lässt, dann ist das sehr intim, sehr ehrlich und deswegen nicht die schlechteste Grundlage für eine Freundschaft. Der Körperkontakt zwischen Stripper und Gast ist ja etwas streng Reguliertes, die Regeln stehen fest.

In deinem Fall erlaubten die Regeln, dass die Gäste dich an den steifen Schwanz fassen und dir den Arsch streicheln. Ist das keine sexuelle Dienstleistung?

Klar ist es das. Und? Einer der großen Mythen über Stripper ist, dass die meisten ihren Job machen, weil sie in irgendeiner Zwangslage sind. Oder dumm. Oder beides. Das ist Quatsch. Viele der Jungs haben einen Heidenspaß bei der Arbeit und werden hervorragend bezahlt.

Hat der Job also keinerlei Nachteile?

Doch, sogar einige. Aber die haben oft wenig mit der Arbeit selbst zu tun. Dass du den wenigsten Menschen erzählen kannst, dass du Sexwork machst, ohne misstrauisch beäugt zu werden, ist ein immenser Nachteil. Ich erzähle ja im Buch ausführlich davon, dass ich immer Angst davor hatte, einer meiner Kollegen aus der Uni oder einer meiner Studenten könnte mich sehen. Es brauchte eine Weile, bis ich das Selbstbewusstsein entwickelt hatte, da drüberzustehen.

War das auch der Grund dafür, das Buch zu schreiben?

Nein, der war wirklich "historisch". Die Washingtoner Clubs, in denen ich gearbeitet hatte, sind vor gut zehn Jahren abgerissen worden. Da habe ich längst erfolgreich als Journalist gearbeitet, war aber natürlich am Abend, bevor die Bagger anrückten, noch einmal da, um diesem Teil meiner Jugend Lebwohl zu sagen. Und da ging mir auf: "Das hier ist Geschichte, schwule Geschichte, die verloren geht, wenn sie niemand aufschreibt." Also habe ich das getan. An den Stripclubs und ihren Besuchern lässt sich die gesamte Geschichte der Schwulenbewegung nachvollziehen, aber auch viel über sich verändernde Sexualmoral ablesen.


Das Interview ist ein Auszug eines Gesprächs, das in der April-Ausgabe des Magazins MÄNNER veröffentlicht wurde

Früher war mehr los, oder?

(lacht) So kann man das zusammenfassen. Mit dem Streben nach Gleichberechtigung ging auch die Herausbildung eines schwulen Mainstreams einher, der von heterosexuellen Wünschen und Träumen heute kaum noch zu unterscheiden ist. Viele Schwule wollen heiraten und Kinder bekommen. Was sie auch alle können sollen. Aber das darf nicht bedeuten, dass das Sprechen oder Nachdenken über schwule Sexualität unterbunden oder erschwert wird oder die Orte, an denen Sexualität abgebildet wird, geschlossen werden.

Verschwindet schwule Sexualität aus der Öffentlichkeit?

Sie ist viel weniger sichtbar als zu der Zeit, zu der ich gestrippt habe. Da waren die schmutzigen kleinen Randbezirke, in denen das stattfand, ein Fixpunkt in der schwulen Szene, der natürlich auch politisch besetzt war und wurde, ein körperlicher, aber natürlicher auch ein geistiger Spielraum, in dem man experimentieren und Dinge ausprobieren konnte.

Haben schwule Männer also inzwischen Angst vor ihrer eigenen Sexualität und verstecken sie?

Ich kann nicht für alle sprechen, aber die Anzahl der Orte, an denen Sexualität noch öffentlich passiert, hat sich sehr verkleinert. Was auch mit HIV zu tun hat und paradox ist, weil mir die Clubs erst beigebracht haben, dass schwule Sexualität auch etwas ist, was man feiern kann, statt sich ständig nur davor zu fürchten. Ich glaube, so geht es vielen in meiner Generation.

Wenn du heute in Stripclubs gehst, erzählst du den Tänzern, dass du das früher auch gemacht hast?

Nicht von mir aus. Ich bin ja nach wie vor auch da, um mir schöne nackte Jungs anzugucken, und will das in Ruhe tun können. Aber oft erkennt mich auch irgendwer und kommt dann zu mir rüber und sagt, "Bist du nicht der Typ, der dieses Buch geschrieben hat?" Was merkwürdig ist, weil dadurch die garantierte Anonymität, die ein Besuch in den Clubs für mich auch bedeutet hat, verlorengegangen ist. Aber es ist viel lustiger, mit Menschen über schwule Geschichte zu sprechen, während über dir jemand seine Kleider abwirft. (lacht)

Die Fotos die wir mit diesem Interview veröffentlichen, sind alle von dir. Warum fotografierst du Stripper? Kannst du dich immer noch nicht vom Thema lösen?

Ich will gar nicht. Ich möchte das dokumentieren, die Lebensfreude abbilden, die man hier auf der Bühne und vor der Bühne erleben kann, die Clubs als Ort von Freiheit und Sexualität darstellen und so für die Nachwelt festhalten. Ich bin auf der Suche nach einer bestimmten Energie, die ich ursprünglich schwul und ganz und gar einzigartig finde und die auf den Fotos hoffentlich rüberkommt. Es geht mir darum, mein und damit vielleicht auch unser Begehren für die Nachwelt festzuhalten.

Infos zum Buch

Craig Seymour: Nackte Tatsachen. Meine wilden Jahre als Stripper. Softcover, Format: 13,0 x 19,0 cm. 240 Seiten, Bruno Gmünder Verlag. Berlin 2013. 16,95 €. ISBN 978-3-86787-512-7

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-w-

#1 FinnAnonym
  • 03.04.2013, 17:01h
  • Interessantes Interview. Sowas sollte man öfter auf queer.de lesen.

    Nur schade, dass im Artikel kein aktuelles Bild von ihm ist und nicht mal steht, wie alt er heute ist.
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#2 TreffpunkteAnonym
  • 03.04.2013, 17:05h
  • "Ich kann nicht für alle sprechen, aber die Anzahl der Orte, an denen Sexualität noch öffentlich passiert, hat sich sehr verkleinert."

    Das stimmt allerdings!

    An unserer Uni gab es in den 1990er-Jahren und noch bis weit in die 2000er hinein einige Toiletten, die als Treffpunkte bekannt waren und wo man zu jeder Tageszeit schnellen, unkomplizierten Sex haben konnte.

    Auch in einschlägigen Parks und Grünanlagen oder auf den bekannten Rastplätzen ist heute lange nicht mehr das los, was früher mal war.

    An all diesen Treffpunkten gab es natürlich auch immer wieder ätzende Typen, aber manchmal auch richtig tolle Männer.

    Selbst die Stricherszene ist nicht mehr, was sie mal war. Wenn ich z.B. daran denke, was früher am Hintereingang des Kölner Hauptbahnhofs los war und das ist praktisch auf fast Null zurück gegangen...
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#3 dem RollbackAnonym
  • 03.04.2013, 17:08h
  • "ging auch die Herausbildung eines schwulen Mainstreams einher, der von heterosexuellen Wünschen und Träumen heute kaum noch zu unterscheiden ist."

    "Verschwindet schwule Sexualität aus der Öffentlichkeit?

    Sie ist viel weniger sichtbar als zu der Zeit, zu der ich gestrippt habe. Da waren die schmutzigen kleinen Randbezirke, in denen das stattfand, ein Fixpunkt in der schwulen Szene, der natürlich auch politisch besetzt war und wurde, ein körperlicher, aber natürlicher auch ein geistiger Spielraum, in dem man experimentieren und Dinge ausprobieren konnte.

    Haben schwule Männer also inzwischen Angst vor ihrer eigenen Sexualität und verstecken sie?

    Ich kann nicht für alle sprechen, aber die Anzahl der Orte, an denen Sexualität noch öffentlich passiert, hat sich sehr verkleinert."
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