Merkel bei einem Kirchentag. Die Pfarrerstochter sucht die Nähe zu Gläubigen - auch wenn diese eine Homo-"Heilung" befürworten. (Bild: Wiki Commons / Presse.Nordelbien / CC-BY-2.0)
Im Juli eröffnet die Bundeskanzlerin ein Treffen der "Apis". Den Jugendlichen des Evangelischen Gemeinschaftsverbandes Württemberg wird direkt von Wüstenstrom und anderen Organisationen eingebläut, Homosexualität sei eine veränderbare Persönlichkeitsstörung.
Von Norbert Blech
Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sucht erneut die Nähe zu evangelikalen Befürwortern einer Homo-"Heilung". Nach einem Grußwort an den Gnadauer Gemeinschaftsverband im Januar (queer.de berichtete) wird sie am 12. Juli das Christliche Gästezentrum "Forum Schönblick" in Schwäbisch Gmünd besuchen.
Dort eröffnet sie das Landesjugendtreffen des "pietistischen Evangelischen Gemeinschaftsverbandes 'die Apis'". Dieser ist dem Gnadauer Dachverband angeschlossen, dessen Vorsitzender Michael Diener zugleich Vorsitzender der Evangelischen Allianz ist und sich immer wieder für eine Seelsorge ausspricht, die auch die Möglichkeit einer Veränderbarkeit der Homosexualität umfasst.
Vorsitzender der "Apis" ist Steffen Kern, der sich als Autor von Büchern über das Lebensglück und Mitglied der Landessynode Württemberg der evangelischen Kirche einen Namen gemacht hat. In einem Vorwort des "Apis"-Magazins "Gemeinschaft" aus dem Oktober 2011, das sich dem Thema Homosexualität widmet, beklagt er, dass "homosexuelle Lebensformen massiv gefördert werden".
Aufklärung durch Wüstenstrom & Co
Das Magazin der "Apis" zum Thema Homosexualität kommt ganz locker daher, hat es aber in sich
Es sei zwar gut, dass "Diskriminierungen der Vergangenheit aufgehoben werden", so Kern. Doch "fraglich erscheinen doch manche politische Unternehmungen, verwiesen sei nur etwa auf die Debatte um das Adoptionsrecht gleichgeschlechtlicher Paare, aber auch auf politisch geförderte Paraden wie den Christopher Street Day, die gelegentlich nicht nur die Grenzen der Geschmacklosigkeit, sondern auch des Jugendschutzes überschreiten."
Im Vorwort verweist Kern auf einen Offenen Brief gegen die Öffnung von Pfarrämtern für gleichgeschlechtliche Paare, der von ihm mitunterzeichnet wurde und im gleichen Heft abgedruckt ist. Dort heißt es auch: "Wir sehen ferner mit Besorgnis die teilweise diskreditierende öffentliche Wahrnehmung von Werken und Diensten, die sich in besonderer Weise um die Begleitung von homophil empfindenden Menschen mühen, insbesondere das 'Weiße Kreuz', die Einrichtung 'Wüstenstrom' und die Offensive Junger Christen (OJC)" – Organisationen, die nicht nur von der Mission Aufklärung des LSVD als Homo-"Heiler" angesehen werden.
In dem Offenen Brief heißt es weiter: "Zugleich braucht es in unserer Kirche qualifizierte seelsorgerliche Angebote für Menschen, die unter ihrer homosexuellen Neigung leiden und eine Begleitung wünschen, die auch für eine Veränderung offen ist. Das sollte auch in den Publikationen landeskirchlicher Angebote zu Fragen der Homosexualität einen entsprechenden Niederschlag finden."
Kern macht da einen Anfang: Markus Hoffmann und Stefan Schmidt vom Institut Wüstenstrom sowie Rolf Trauernicht vom Weißen Kreuz überlässt er in dem Magazin die Beiträge zum Thema Homosexualität. Wüstenstrom mit Sitz in Tamm, also im Einzugsgebiet der Landessynode, bietet seit Jahren Seminare zur "Umpolung" Homosexueller an – auch wenn man selbst weniger drastische Worte bevorzugt. Der Text von Schmidt und Hoffmann in dem für Jugendliche aufbereiteten Magazin kommt vergleichsweise vorsichtig daher, wohl auch, um Jugendliche nicht direkt vor der "dialogischen und identitätsstiftenden Seelsorge und Beratung" abzuschrecken. Homosexualität wird in dem Text dargestellt als "sexuelle Ersatzhandlung" im Rahmen einer Identitätssuche.
"Heilung auch in den Tiefenschichten"
Rolf Trauernicht vom Weißen Kreuz, einem Fachverband des Diakonischen Werkes zur Sexualberatung, das ebenfalls Umpolungsseminare anbot, berichtet hingegen deutlicher, immer wieder kämen "Opfer von Missbrauch zu uns, die in der sensiblen Phase der sexuellen Entwicklung von älteren Männern oder Jugendlichen sexuell gleichgeschlechtlich verführt und in ihrer sexuellen Orientierung bis heute verunsichert wurden." Oft sei die Beziehung zum Vater schwierig gewesen, was zu Versuchen geführt habe, das durch Beziehungen zu anderen Männern auszugleichen. Das bedürfe dann "einer gründlichen Betrachtung und Neuorientierung – nach meiner Erfahrung mit dem tatsächlichen Potential einer Veränderung", so Trauernicht.
Im Magazin veröffentlicht ist auch ein Thesenpapier von Michael Diener (Homosexualität "ist Sünde und steht unter dem Gericht Gottes", Homosexuelle sind "zur Enthaltsamkeit aufgerufen"). Und ein langer Text von Dr. Rolf Sons, Rektor des Albrecht-Bengel-Haus in Tübingen, in dem Theologiestudenten begleitet werden und das ebenfalls zur Evangelischen Landeskirche gehört und dem Gnadauer Gemeinschaftsverband angeschlossen ist.
Sons schreibt, es gehe bei der seelsorgerischen Begleitung von Homosexuellen nicht um "Umpolung", sondern um "Beziehungskonflikte": "In einer solchen Konstellation gelte es für den Betroffenen, an seine Trauer und Wut über den Vater heranzukommen, der ihn vernachlässigte und seine Rolle nicht wahrnahm, ebenso an die Wut über die dominante Mutter, die damals aus Angst vor Strafe nicht zugelassen werden durfte." Entscheidend auf "dem Weg der Veränderung" und "der inneren Heilung" zu einer "Neuorientierung" seien die Erkenntnise der inneren Zusammenhänge.
"Leicht sind solche Wege nicht, und realistischerweise muss man sagen, dass sie nicht immer erfolgreich sind und die homosexuelle Prägung bleibt", so Sons. In der Begegnung mit Gott könne aber "Heilung auch in den Tiefenschichten der Persönlichkeit entstehen". In dem langen Text, der sich ausdrücklich auf Homo-"Heilungs"-Mutti Christel Vonholdt bezieht, heißt es, die "Reparativtherapie" arbeite heutzutage erfolgreich.
"Gemeinnützige" Werbung für Homo-"Heilung"
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Der Evangelische Gemeinschaftsverband Württemberg ist als gemeinnützig anerkannt und "arbeitet ausschließlich auf Opfer- und Spendenbasis innerhalb der Evangelischen Landeskirche", heißt es im Impressum des Magazins. Bei der Api-Jugend kann man allerdings ein Freiwilliges Soziales Jahr oder den Bundesfreiwilligendienst ableisten; Jugendangebote, die auch zur Evangelisation (und zum Bewerben von Homo-"Heilung") genutzt werden, sind also teilweise staatlich gefördert.
Merkel, deren Bundesregierung eine Gleichstellung homosexueller Paare ablehnt und die sich seit Jahren weigert, ein Grußwort an CSD-Veranstaltungen zu schreiben, wird bei dem Termin im Juli auch eine Rede halten. Titel: "Das christliche Menschenbild und die christlichen Grundwerte als Voraussetzung für unser politisches Handeln." Auch Volker Kauder, der Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, ist mit dabei. Er spricht über Christenverfolgung unter dem Titel "Politik für Religionsfreiheit".