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"Der Falke im Sturm"
Kubas zweite Revolution
- 18. Mai 2013 7 Min.

Ein Foto des mäßig erfolgreichen kubanischen Radrennfahres Franko Montalvo schmückt das Cover. Ihm und seinem Lebensgefährten Richard hat Peter Nathschläger den Roman gewidmet (Bild: Peter Nathschläger)
Peter Nathschlägers neuer Roman "Der Falke im Sturm" spielt im Jahr 2019: Neuer kubanischer Volksheld ist ein queerer Radrennfahrer.
Von Angelo Algieri
Kuba 2019. Vor fünf Jahren wurde die zweite Revolution ausgerufen. Die Castros regieren nicht mehr. Der neue Commandante en Jefe ist Gabriel Ramirez, ein ehemaliger Polizist.
Der 21-jährige Franzose Lucas wird von der kubanischen Regierung eingeladen, um den Gründungsmythos der zweiten Revolution festzuhalten. Der Student der Politikwissenschaften hat nämlich einen Schreib-Wettbewerb gewonnen. Prosaisch, aber an den Fakten orientiert, soll seine Story werden. Er bekommt den sexy Gerardo als Begleiter, mit dem er zusammen die Orte der bahnbrechenden Ereignisse des Sommers 2014 bereist. Im Mittelpunkt steht der neue Volksheld Franco – ein junger, queerer Radrennfahrer.
Soweit die Rahmenhandlung über den "Staatsautoren" Lucas des neuen Romans "Der Falke im Sturm" von Peter Nathschläger. Für den österreichischen Schriftsteller ist es bereits der zweite Roman, der auf Kuba spielt – queer.de rezensierte den vorhergehenden Text "Im Palast des schönsten Schmetterlings", der wie der jetzige Roman im Hamburger Himmelstürmer Verlag erschienen ist. Der 47-jährige Schriftsteller lebt mit seinem Freund in Wien.
Der Roman ist in zwei Ebenen aufgeteilt. Zum einen bekommen wir mit, wie Lucas auf der Insel herumgeführt wird und er seiner Schwester in Frankreich seine Erlebnisse per E-Mail schildert. Zum anderen lesen wir das Manuskript seines angehenden Romans über die zweite Revolution. In der Binnenerzählung, also dem Manuskript von Lucas, steht im Mittelpunkt Franco. Er lebt in Cidra, südlich von Matanzas, mit seinem Bruder und der Großmutter. Sein älterer Bruder und Sexworker Alejo geht regelmäßig in der Tourismus-Hochburg Varadero anschaffen. Während der jungfräuliche 21-jährige Franco sich tagein, tagaus dem Radfahrtraining widmet. Er möchte endlich die Vuelta a Cuba gewinnen. Keine Zeit für Liebeleien.
Hübsche junge Männer und Frauen werden gefoltert

Der österreichische Schriftsteller Peter Nahtschläger, Jahrgang 1965, hat bereits zahlreiche Romane veröffentlicht (Bild: privat)
Soweit eine erste Standortbestimmung, bei der sich noch kaum ahnen lässt, dass sich die Handlung schnell zu einem Thriller entwickeln wird. Denn in Varadero wird eine geschändete Frauenleiche gefunden. Kriminalpolizist Gabriel Ramirez wird von Havanna nach Cidra abkommandiert, um dort zu ermitteln. In der Provinz kommen zudem weitere, schreckliche Vorkommnisse ans Licht: Hübsche junge Männer und Frauen werden gefoltert.
Der Mittfünfziger und Witwer Ramirez freundet sich mit den Brüdern Franco und Alejo an – auch weil er beide aus bis dato unerfindlichen Gründen geil findet. Eines Abends kommt Alejo nach einer Arbeitsnacht in Varadero mit einem Gips-Arm zurück. Seinem Bruder und Ramirez belügt er, dass er unter die Räder eines Lasters gekommen sei… Kurz darauf wird auch Franco bedroht, und zwar von zwei korrupten Polizisten: Zahlen oder sein Fahrrad wird demoliert. Allerdings hilft ihm in diesem Fall ein österreichischer Tourist aus der Patsche. Doch der Frieden währt nicht lange…
Denn später wird Franco von den korrupten Polizisten ins Revier in Matanzas gebracht und dort gefoltert. Das ist eine der brutalsten Szenen in diesem Buch: Minutiös wird beschrieben, wie Francos Ringfingernagel qualvoll mit einer Zange herausgezogen wird. Doch nicht genug: Auf das offene Nagelbett schlägt der Kommissar mit einem Hammer. Zusätzlich demütigend: Die Polizisten schließen Wetten ab, ob Franco zunächst weint oder sich anpisst. Der Gipfel: Im Schmerzwahn Francos fallen der sadistische Kommissar und seine Freundin übereinander her.
Für Franco bricht eine Welt zusammen. Er wird von einem Arzt in Cidra verarztet, der die Info über die Misshandlung – wie die anderen Male zuvor auch – nach Havanna weitergibt. Daraufhin sucht Ramirez die beiden bandagierten Brüder auf. Können sie noch schweigen? Können sie Ramirez vertrauen? Doch bevor es zum großen Show-down mit einem unvergesslichen Straßenfest in Havanna, Hurrikan-Sturm und Francos fulminantes Brandrede kommt, verliert unser Held in einem Santería-Ritual seine Jungfräulichkeit sowohl mit einer jungen Frau als auch mit einem geilen Jungen…
Schreiben nach dem Willen des Staates
Soweit die Binnenerzählung. Doch auch der Schriftsteller Lucas gerät unter Druck. Gerardo gibt ihm immer mehr zu verstehen, dass er in eine bestimmte Richtung schreiben soll. Nachdem Lucas mit dem Vater des sadistischen Kommissars sprach, schrie Gerardo verärgert, dass er "ihr Vertrauen missbraucht und mit Füßen getreten" habe. Mehr noch: Er "hätte vielleicht sogar einen diplomatischen Zwischenfall ausgelöst".
Lucas war von dieser "Propagandakacke" von Gerardo geschockt. Soll das etwa der neue Paradigmenwechsel sein? Lucas flieht umgehend und wird bald verfolgt. Aber die Häscher kommen näher. Lucas traut niemanden und – zack! – wird er von einer Kugel getroffen…
Wird der französische "Kaffeehaus-Linke" Lucas überleben? Ist das alles nur ein Missverständnis? Ist die begonnene zweite Revolution nur ein schlechter Abklatsch der sozialistischen Revolution der 1950er Jahre? Wird Lucas' Buch so erscheinen wie er es beabsichtigt hat?
Kubanisches Lebensgefühl jenseits von Kitsch und Klischee

"Der Falke im Sturm" ist im Hamburger Himmelstürmer Verlag erschienen
Peter Nathschläger hat nicht nur einen realistischen und fesselnden Roman geschrieben. Er vermengt darin auch surreale und symbolische Elemente – was in diesem Dunstkreis aus Idealismus, Ikonenbildung, Revolution und Verschwörung bestens passt. Herausragend gut beschrieben sind zudem einige Szenen wie die oben erwähnte Folterung. Daneben gelingt es Nathschläger, auch das kubanische Lebensgefühl einzufangen – jenseits von Kitsch und Klischee. Auch wenn Lucas teils mit seinen sehr ausführlichen E-Mails an die Schwester nervt, zieht im weiteren Handlungsverlauf die Dramatik schnell an – auch weil das Manuskript mit der Neo-Ikone Franco die Vorgänge der Rahmenhandlung widerspiegelt. Sozusagen eine genial-doppelte Spannung für den Leser.
Dieses doppelte Spiel macht den Roman zu etwas Besonderem: Er schafft nicht nur eine Selbstreflexion, sondern bringt eine Metaebene mit ein. Wir sehen quasi Lucas beim Schreiben zu und bekommen seine Schwierigkeiten mit dem Regime, stellvertretend durch Gerardo, hautnah mit. Ein bekanntes Thema der Weltliteratur: Wie weit darf man im Namen des Staates schreiben? Auf welche Grenzen stößt man? Darf sich der Staat oder die Politik überhaupt in künstlerische Freiheiten einmischen bzw. Vorgaben machen? Hochbrisante politische Fragen, die Nathschläger stellt. Es kommen einen Goethes Torquato Tasso in dem Sinn oder auch DDR-Schriftsteller, die dem Regime sehr nahe standen. Besser: Jene, die sich von ihrer Ideologie losreißen wollten und daran gehindert wurden – entweder durch Zensur oder durch Berufsverbote. Es ist für den betreffenden Künstler immer ein Spagat: Annehmen oder Seinlassen, Anpassung oder Auflehnung.
Vertuschung, Trug und Verschwörungen
Zudem entwirft Nathschläger ein politisches Szenario in naher Zukunft: Kuba in einer liberaleren zweiten Revolution. Nicht völlig ausgeschlossen, wenn man die leichten Liberalisierungstendenzen momentan sieht. Allerdings ist die zweite Revolution fragil. In Worten von Gerardo: "Nach der Geburt seien wir alle zerbrechlich, und wir müssen uns von denen schützen, die mit Steinen auf uns werfen". Das heißt nichts anderes, dass das neue Regime Angst hat. Angst vor der eigenen Bevölkerung, aber auch Angst vor einer Invasion.
Die andere Frage ist: Wie viel Wahrheit bzw. Trug darf man einer Bevölkerung zumuten? Eine Frage, die hoch aktuell ist. Siehe die zurückhaltenden oder falschen Informationen von TEPCO bzw. der japanischen Regierung bei der Fukushima-Katastrophe oder Informationsvertuschung und -verdrehung auch der hiesigen Bundesregierung, wenn es etwa um Rüstungsgüter geht oder um Einsatz von Drohnen.
Allerdings rufen Vertuschung und Trug erst recht Verschwörungen hervor. Damit konfrontiert uns Nathschläger auch. Denn die zweite kubanische Revolution entspringt der konspirativen und religiös-mystischen Santería. Ein kalkulierter Plan, der nach 40 Jahren umgesetzt wird. Auf der einen Seite eine Huldigung an diese afroamerikanische Religion, auf der anderen Seite spielt Nathschläger ironisch auf Verschwörungstheorien an.
Eine Hommage an die Kubaner
Trotz aller Widersprüchlichkeiten der kubanischen Gesellschaft, hat Nathschläger in erster Linie eine Hommage an die Kubaner geschrieben. Ebenso ein Appell, an Ideale zu glauben, ohne gleich Ideologien zu verfallen. Schön auch, dass Nathschläger die Figur des Dimitrij (eine Reminiszenz an einen seiner vorhergehenden Romane "Die Legende des heiligen Dimitrij") eingeführt hat. Er zeigt die humanistische und vor allem lebensbejahende Seite des Romans – unabhängig wie jemand aussieht oder was er für Gebrechen hat. Denn jeder ist ein Kubaner.
Einschränkend sei erwähnt, dass man streckenweise Lucas nicht abnimmt, dass er aus Frankreich kommt. Unglaubwürdig auch, dass Lucas sich in den E-Mails rein gar nicht für die Politik in seinem Heimatland interessiert – und das als angehender Politologe… Auch der Schluss hätte etwas weniger Story-erklärend ausfallen können. Schade!
Dennoch: Nathschläger hat wieder meisterlich einen spannenden, nachdenklichen und hochaktuell-politischen Roman geschrieben. Denn er bietet eine treffende Analyse an; auch wenn die Schlussfolgerung nicht jedem schmecken wird. Zudem strotzt der Roman vor praller Lebenskraft, das wird auch im Text mit bekannten Liedzeilen kubanischer Bands – u.a. Orishas und Charanga Habanera – unterstrichen. Garantiert ruft man am Ende der brillanten Lektüre, ähnlich wie Franco, freudig aus: "¡Ai! Mein Arsch!"
Peter Nathschläger: Der Falke im Sturm. Himmelstürmer Verlag, Hamburg 2013. 370 Seiten. 16,90 €. ISBN: 978-3863612900.
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