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  • Von Dennis Klein
    07. Juni 2013 48 3 Min.


Carreira präsentiert sich im Interview als verfolgte Unschuld vom Lande

Im "Tagblatt" aus Zürich beschwert sich der schwule Nachwuchspolitiker Jean-Claude Carreira von der rechtspopulistischen Schweizerischen Volkspartei (SVP) über frivole Homos: Sie würden Andersdenkende nicht akzeptieren, ständig mit der Moralkeule schwingen und produzierten mit ihren CSDs nichts außer "Lärm, Abfall und Verkehrsbehinderung".

In seiner Partei wird das auf offene Ohren stoßen: Die SVP hat es eigentlich am liebsten, wenn sich die warmen Brüder zurückhalten – für SVP-Parlamentarier sind Schwule ohnehin nichts anderes als Tiere (siehe Homo-Gurke für Christoph Mörgeli).

Da ist es natürlich Sache von Herrn Carreira, sich möglichst von den schmutzigen Aktivitäten des Durchschnittshomos zu distanzieren. Er ruft zur Attacke auf die CSDs:

Den meisten geht es nicht um die Kundgebung, sondern um die wilde Party, die halb nackten Körper und den Alkoholkonsum. So provozieren sie ein falsches Bild von sich selbst, das genau die Vorurteile der Leute, die gegen Schwule sind, bestätigt. Wie kann man es der Gesellschaft verübeln, dass sie den Homosexuellen nicht zutraut, gute Eltern zu sein, wenn sie nur Partys feiern und dabei Kosten verursachen? […] Leider interessieren sich Schwule selten für Politik. Deswegen bewegen sie wenig."

Dass die CSD-Parade nur ein kleiner Teil des CSDs ist, ohne den es keine mediale Aufmerksamkeit für politische Debatte gäbe, das stört den Jungpolitiker offenbar nicht. Einer wie Jean-Claude hat halt gelernt, sich in allen Belangen an seine SVP-Volksgenossen anzupassen – und verlangt, dass alle Schwulen und Lesben so zurückhaltend und unauffällig sind wie er.

In vielen konservativen Parteien, inklusive CDU/CSU, sind die Einstellungen ähnlich. So finden viele Unionspolitiker CSDs abstoßend: Der CDU-Bundestagsabgeordnete Matthias Zimmer kritisiert den Gay Pride auf queer.de etwa als "Karneval der Frivolitäten". Freilich halten praktisch alle Unionspolitiker aus bestimmten Regionen ähnlich frivole Aktivitäten während des echten Karnevals für ein großes deutsches Kulturgut.

Homosexuelle Politiker, etwa in der LSU, argumentieren oft, dass CSDs dem armen Schwulen auf dem Dorf Schaden zufügten, obwohl diese doch einfach nur ein konservatives Leben leben möchten. Deshalb fordern auch sie, dass sich alle Homos in der Öffentlichkeit päpstlicher als der Papst verhalten.

Dieses Konzept ist alt und wurde beispielsweise von einer der ältesten Homo-Gruppen der USA angewendet, der Mattachine Society. In den 50er und 60er Jahren demonstrierten männliche Aktivisten im unauffälligen Anzug und Aktivistinnen adrett in Kleid und Stöckelschuhen für ein kleines bisschen Anerkennung. Die Frauen durften dabei nicht zu männlich aussehen und die Männer nicht zu tuckig – wer zu sehr mit den Händen herumfuchtelte, wurde aussortiert. Zwar erzielte die Society einige Mini-Erfolge, aber der Damm ist erst mit den Stonewall-Krawallen 1969 gebrochen – und hier stand nicht die Angepasstheit im Vordergrund. In der heutigen Mediengesellschaft brauchen wir den CSD noch genauso, denn bei all den Fortschritten der vergangenen Jahrzehnte ist das Ziel der Gleichbehandlung noch lange nicht erreicht.

-w-

#1 LorenEhemaliges Profil
  • 07.06.2013, 19:35h
  • " In der heutigen Mediengesellschaft brauchen wir den CSD noch genauso, denn bei all den Fortschritten der vergangenen Jahrzehnte ist das Ziel der Gleichbehandlung noch lange nicht erreicht."

    So ist es, wobei die Zielsetzungen des CSD immer in einem klaren Motto (nicht wie beim Kölner CSD 2013) zum Ausdruck kommen sollten.

    Dass Konservative meinen, durch (Über)Anpassung zum Erfolg zu kommen ... die Geschichte lehrt dies nicht. Die Meinung eines schwulen Rechtsauslegers geht mir per se am A.... vorbei. Den gilt es auf allen Ebenen politisch zu bekämpfen.
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#2 m123Anonym
  • 07.06.2013, 20:07h
  • Es ist natürlich richtig, wenn er sagt, dass provokantes, schrilles Auftreten von Schwulen auf dem CSD nicht gerade dazu beiträgt, dass die religiöskonservativ denkenden Menschen mehr Toleranz gegenüber Schwulen entwickeln.

    Das Problem an der Aussage des Rechtspopulisten ist, dass er pauschalisiert alle Schwule über einen Kamm schert. Zudem sind auch bestimmt nur wenige beim CSD extrem gekleidet. Das Problem sind dann eher die Medien, die sich natürlich auf die extremst gekleideten Schwulen stürzen und abbilden und dabei so tun als sei es der "normale Schwule". Und dadurch entstehen dann Klischees und Vorurteile gegenüber Schwulen. Und genau das wird dann wiederum von Politikern wie Dobrindt ausgenutzt, der dann das extreme schrille Auftreten weniger Schwuler beim CSD gleich auf alle Schwulen pauschalisiert und damit natürlich das Klischee von der schrillen Minderheit bei religiöskonservativen Menschen bestärkt. Dadurch, dass sich einige Schwule beim CSD also extremst kleiden und aber auch dass sich die Medien dann genau auf diese Bilder stürzen, das ist also letztlich beides zusammengenommen kontraproduktiv. Da es aber nicht der Fehler der extremst Gekleideten ist, weil sie schaden ja niemandem und sollten sich selbstverständlich so präsentieren wie sie es wollen und werden sich auch durch nichts davon abbringen lassen sich extremst schrill zu präsentieren, sondern der Fehler der homophoben Menschen ist, glaube ich, dass sich das Problem nur langfristig über die Zeit mit dem Aussterben der Homophoben lösen wird. D. h. man kann, wenn man am CSD festhalten will, das Problem nicht im Kern lösen. Vermutlich werden CDU und CSU die Bilder der schrill gekleideten Schwulen in der CSD-Saison zum Anlass nehmen um in der Sommerpause wieder vermehrt Homophobie und Vorurteile gegenüber Schwulen zu schüren.

    Was ich persönlich am CSD auch nicht so gut finde, ist, dass es wirklich eine große Party ist, wo die meisten ausgelassen feiern. Daran ist ansich auch nichts schlimmes dran, das Problem ist nur, dass der CSD aus den Stonewall Riots in New York entstanden ist, wo man sich das erste Mal gegen Diskriminierung gewehrt hat, und genau diese Verbindung zu den Ursprüngen fehlt heute eigentlich doch weitestgehend, zumindest ist es kaum noch spürbar. Meiner Ansicht nach sollte der CSD weniger Party und vielmehr politische Demo sein, und zwar sowohl für die rechtliche Gleichbehandlung, d. h. die Öffnung der Ehe und der Beseitigung aller anderen Diskriminierungen, sowie eine politische Demo gegen Rechtsextreme, denn schließlich wurden Schwule von Nazis früher zu Tausenden ermordet und heute sind Nazis auch noch sehr schwulenfeindlich.

    Es wäre also eigentlich ideal, wenn wir die Union mit unseren CSDs in dieser Saison überraschen könnten und die CSDs wesentlich politischer und weniger partymäßig und weniger schrill gestalten würden. Wenigstens ein Mal, kurz vor der Bundestagswahl. Das könnte vielleicht letztlich sogar wahlentscheidend sein, d. h. entscheidend ob CDU und CSU wieder an die Macht kommen oder nicht. Und wenn nicht, würde es uns viel mehr bringen als ein Mal diesen Sommer die Sau raus lassen, Party machen und Präsentierung mit schriller Kleidung. Besser wäre also ein wirklich politischer Protest mit Protestschildern und in "Alltagskleidung" sowohl für die Gleichstellung als auch gegen Rechtsextremismus. Das könnte wie gesagt die Bundestagswahl zu unseren Gunsten beeinflussen. Das sind aber alles vermutlich nur Wunschvorstellungen, die an der Realität, dem Partymachenwollen und dem Sichschrillkleidenwollen einiger nicht umsetzbar sein werden.

    Ich denke nur daran, dass wenn jedes Jahr zb beim CSD in Köln viele hunderttausend Menschen sind, vielleicht sogar bis an die Million ran, was es wohl für einen gewaltigen Druck auf die Politik ausüben würde, wenn ALLE sich in weniger schrille Kleidung werfen würden und mit Protestschildern und -plakaten bewaffnet durch die Straßen ziehen und für die Gleichstellung protestieren würden. Das wäre effektiv! Die Sau rauslassen und sich schrill kleiden und Party machen kann man ja auch in späteren Jahren, wenn die Ehe geöffnet ist. Und was wäre es schön, wenn wir uns dann über eine Union lustig machen könnten, die die Bundestagswahl verloren hat.

    Leider reibt sich die Union jetzt schon die Hände um die schrillen Bilder vom CSD auszunutzen, und wenn dann bei der Bundestagswahl die Union gewinnt, dann haben wir vier weitere Jahre Diskriminierung vor uns. Ich war schon damals 2009 tottraurig, dass schwarz-gelb an die Macht gekommen ist. Jetzt nochmal vier weitere Jahre CDU/CSU-regiert zu werden, d. h. bis mindestes 2017, das wäre schrecklich.
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#3 FennekAnonym
  • 07.06.2013, 20:55h
  • Die Rechtspopulisten halt...

    Beim CSD sind es "Frivolitäten", an Karneval ist es Kulturgut...

    Außerdem schwingen wir nicht die Moralkeule. Wir wollen nur nicht, dass auf CSDs Leute dabei sind, die Homorechte ablehnen und CSD-Grundwerte wie Toleranz ablehnen und stattdessen die Bühne des CSDs für ganz andere Ziele instrumantalisieren wollen.

    So einfach ist das...
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