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- Von Dennis Klein
07. Juni 2013 3 Min.

Carreira präsentiert sich im Interview als verfolgte Unschuld vom Lande
Im "Tagblatt" aus Zürich beschwert sich der schwule Nachwuchspolitiker Jean-Claude Carreira von der rechtspopulistischen Schweizerischen Volkspartei (SVP) über frivole Homos: Sie würden Andersdenkende nicht akzeptieren, ständig mit der Moralkeule schwingen und produzierten mit ihren CSDs nichts außer "Lärm, Abfall und Verkehrsbehinderung".
In seiner Partei wird das auf offene Ohren stoßen: Die SVP hat es eigentlich am liebsten, wenn sich die warmen Brüder zurückhalten – für SVP-Parlamentarier sind Schwule ohnehin nichts anderes als Tiere (siehe Homo-Gurke für Christoph Mörgeli).
Da ist es natürlich Sache von Herrn Carreira, sich möglichst von den schmutzigen Aktivitäten des Durchschnittshomos zu distanzieren. Er ruft zur Attacke auf die CSDs:
Den meisten geht es nicht um die Kundgebung, sondern um die wilde Party, die halb nackten Körper und den Alkoholkonsum. So provozieren sie ein falsches Bild von sich selbst, das genau die Vorurteile der Leute, die gegen Schwule sind, bestätigt. Wie kann man es der Gesellschaft verübeln, dass sie den Homosexuellen nicht zutraut, gute Eltern zu sein, wenn sie nur Partys feiern und dabei Kosten verursachen? […] Leider interessieren sich Schwule selten für Politik. Deswegen bewegen sie wenig."
Dass die CSD-Parade nur ein kleiner Teil des CSDs ist, ohne den es keine mediale Aufmerksamkeit für politische Debatte gäbe, das stört den Jungpolitiker offenbar nicht. Einer wie Jean-Claude hat halt gelernt, sich in allen Belangen an seine SVP-Volksgenossen anzupassen – und verlangt, dass alle Schwulen und Lesben so zurückhaltend und unauffällig sind wie er.
In vielen konservativen Parteien, inklusive CDU/CSU, sind die Einstellungen ähnlich. So finden viele Unionspolitiker CSDs abstoßend: Der CDU-Bundestagsabgeordnete Matthias Zimmer kritisiert den Gay Pride auf queer.de etwa als "Karneval der Frivolitäten". Freilich halten praktisch alle Unionspolitiker aus bestimmten Regionen ähnlich frivole Aktivitäten während des echten Karnevals für ein großes deutsches Kulturgut.
Homosexuelle Politiker, etwa in der LSU, argumentieren oft, dass CSDs dem armen Schwulen auf dem Dorf Schaden zufügten, obwohl diese doch einfach nur ein konservatives Leben leben möchten. Deshalb fordern auch sie, dass sich alle Homos in der Öffentlichkeit päpstlicher als der Papst verhalten.
Dieses Konzept ist alt und wurde beispielsweise von einer der ältesten Homo-Gruppen der USA angewendet, der Mattachine Society. In den 50er und 60er Jahren demonstrierten männliche Aktivisten im unauffälligen Anzug und Aktivistinnen adrett in Kleid und Stöckelschuhen für ein kleines bisschen Anerkennung. Die Frauen durften dabei nicht zu männlich aussehen und die Männer nicht zu tuckig – wer zu sehr mit den Händen herumfuchtelte, wurde aussortiert. Zwar erzielte die Society einige Mini-Erfolge, aber der Damm ist erst mit den Stonewall-Krawallen 1969 gebrochen – und hier stand nicht die Angepasstheit im Vordergrund. In der heutigen Mediengesellschaft brauchen wir den CSD noch genauso, denn bei all den Fortschritten der vergangenen Jahrzehnte ist das Ziel der Gleichbehandlung noch lange nicht erreicht.
Links zum Thema:
» Zurich Pride
Mehr zum Thema:
» Zürich unterstützt Regenbogenfamilien (03.06.13)















So ist es, wobei die Zielsetzungen des CSD immer in einem klaren Motto (nicht wie beim Kölner CSD 2013) zum Ausdruck kommen sollten.
Dass Konservative meinen, durch (Über)Anpassung zum Erfolg zu kommen ... die Geschichte lehrt dies nicht. Die Meinung eines schwulen Rechtsauslegers geht mir per se am A.... vorbei. Den gilt es auf allen Ebenen politisch zu bekämpfen.