https://queer.de/?19426
Fast vier Jahre nach der Schießerei im LGBT-Jugendzentrum
Anschlag in Tel Aviv: Rache oder Hassverbrechen?
- 12. Juni 2013 4 Min.

Komplizierter als mancher Kriminalfilm: Der mutmaßliche Täter wollte angeblich den sexuellen Missbrauch seines Brudes rächen - der spricht aber von einer einvernehmlichen Beziehung und ist zugleich der Beihilfe angeklagt
Nach dem Bekanntwerden der Hintergründe der Schießerei in einem Coming-out-Treff gibt es Streit über die offizielle Bewertung der Tat.
Nach der Aufhebung eines Medienmaulkorbs deuten sich die Hintergründe für die Attacke auf einen Coming-out-Treff in Tel Aviv im Jahr 2009 an. Bei der Schießerei durch einen maskierten Täter wurden zwei Personen tödlich verletzt und 15 weitere schwer, ein Mann ist seitdem an den Rollstuhl gebunden (queer.de berichtete). Die Tat hatte weltweit für Empörung gesorgt.
Völlig überraschend hatte die Polizei in der letzten Woche vier Personen festgenommen, darunter einen LGBT-Aktivisten, und klargestellt, dass es sich bei der Tat um kein Hassverbrechen gehandelt habe, wie zunächst angenommen worden war, sondern um einen Fall persönlicher Rache. (queer.de berichtete) Am gestrigen Dienstag wurden nun Details über die vier Personen bekannt – und diese Bewertung angezweifelt.
Als Schütze wird demnach ein heute 23-jähriger Mann angeklagt; zwei weitere Männer werden derzeit der Beihilfe verdächtigt. Nach Aussage eines Kronzeugen sollen sie ursprünglich einen Mord aus Rache an dem vierten Festgenommenen, dem LGBT-Aktivisten, geplant haben, weil dieser den damals 15-jährigen Bruder des mutmaßlichen Schützen vergewaltigt und sexuell missbraucht haben soll. Dann habe der damals 17-Jährige aber die Kontrolle verloren, als er den Aktivisten in dem Zentrum nicht finden konnte.
Streit um Deutung der Tat beginnt

Die beiden Todesopfer des Anschlags: Der Betreuer Nir Katz (26) und Liz Trubeshi (16)
Sowohl der Aktivist als auch das vermeintliche Opfer bestreiten den Vorwurf des Missbrauchs. Der damals 15-Jährige, der wegen Beihilfe angeklagt ist und bestreitet, an der Planung beteiligt gewesen zu sein, ist nach eigenen Angaben schwul und hatte das Zentrum zur Beratung aufgesucht. Man habe eine einvernehmliche Beziehung geführt, heißt es in mehreren Quellen. Klar ist, dass sich der heutige 49-Jährige LGBT-Aktivist damit strafbar gemacht hat: Er hat einen Verstoß gegen das Schutzalter (in Israel bei 16 Jahren) begangen und – als Leiter des Beratungszentrums – möglicherweise eine Vertrauensstellung ausgenutzt.
In israelischen Medien, Blogs und Foren wird nun lebhaft debattiert, wie die Tat einzuordnen ist: War es einfach Rache für eine angebliche Vergewaltigung? Oder war das Coming-out des Jungen als schwul der Auslöser für ein Hassverbrechen aus Homophobie, wofür auch spricht, dass der Täter auf eine ganze Reihe von Schwulen und Lesben zielte, nur nicht auf den angeblichen Täter der Vergewaltigung, der offenbar nicht anwesend war?
Hinzu kommt, dass die Familie der drei Brüder aus einem ultraorthodoxen Viertel stammt und die Kinder tief religiös erzogen worden sein sollen. Von den insgesamt sechs Kindern seien aber gerade die zwei Beschuldigten, die nach einer Trennung bei der Mutter aufwuchsen, auf eine kriminelle und damit nicht sonderlich religiöse Bahn gerutscht.
Trotzdem bleibt die Frage der religiösen Beeinflussung, viele Orthodoxe haben sich in der Vergangenheit gegen Homosexuellenrechte gestellt, es kaum auch zu Übergriffen etwa auf CSD-Teilnehmer. Einige ultraorthodoxe Medien und Kommentatoren haben bereits begonnen, in Verteidigungshaltung Schwulen als Kindesmissbrauchern selbst die Schuld für die Tat in die Schuhe zu schieben, in einer Art, wie man sie hierzulande höchstens von kreuz.net gewohnt ist.
Andere Stimmen nehmen das hingegen erst recht zum Anlass, von einer religiös-homophoben Tat zu sprechen. Vor allem die Opfer des Anschlags und ihre Familien sind nicht erfreut über die Bewertung, dass sie und ihre Kinder einem angeblichen Rachefeldzug zum Opfer gefallen sein sollen.
Aufklärung dank Kronzeugen

Die Tat hatte als vermutetes homophobes Hassverbrechen weltweit für Entsetzen gesorgt
So stehen Polizei und Staatsanwaltschaft vor einer rechtlich wie diplomatisch schweren Aufgabe. Und die Community noch vor einigen Fragen: Der LGBT-Aktivist wurde nicht wegen Missbrauchs festgenommen, sondern weil er sich offenbar mit Informationen über die Tat nicht an die Behörden wandte. Er stand nach der Schießerei unter großem Medieninteresse.
Und dann ist da noch ein fünfter Mann, der Kronzeuge der Anklage: Ein jüngerer Kleinkrimineller, der zur Tatzeit im Gefängnis saß und ein Freund des mutmaßlichen Täters ist. Er hatte ihn mit der bei der Tat getragenen Maske und mit Hinweisen auf den LGBT-Aktivisten versorgt. Vor sechs Monaten hatte er dann bei der Polizei angerufen und ausgepackt – angeblich, weil seine früheren Freunde keinen Kontakt mehr zu ihm suchten. Dieser junge Mann ist selbst offen schwul. (nb)















Bezeichnend allerdings die unterschwelligen Vorwürfe die erhoben werden :
Einerseits ist von Einvernahme die Rede, anderrseits wird Vergewaltigung unterstellt..
Impliziert ein Vorwurf des Missbrauches einer Vertrauensstellung gepaart mit dem Verstoß gegen das "Schutzalter"..
Am Ende wird dann noch die Schuld der Mutter in die Schuhe geschoben, nicht aber die orthodoxe Sozialisation für das "Abdriften" auf eine "kriminelle Bahn" verantwortlich gemacht..
Das hilft alles nicht, denn die beiden Opfer werden dadurch nicht wieder zum Leben erweckt, und auch das Dritte Opfer wird den Rollstuhl nicht mehr verlassen können..