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Gegen Putin, gegen Merkel
Berliner CSD 2013: Der politische Hauptstadt-Pride Europas
- 24. Juni 2013 4 Min.

Am Rande der Parade protestierte der Berliner Pride gegen die Diskriminierungspraxis der CDU (Bild: Norbert Blech)
Beim 35. Berliner Christopher Street Day dominierten die politischen Themen – und die Vernetzung der zahlreichen ausländischen Gäste.
Bis zu 700.000 Besucher machten den Berliner CSD am Samstag zu einem wichtigen Zeichen für die Rechte von Schwulen und Lesben in Deutschland wie auf der ganzen Welt. Bei strahlendem Sonnenschein stolzierten die LGBT-Massen vom Ku'damm zum Brandenburger Tor, an dem bei der Abschlusskundgebung unter anderem Vertreter der politischen Parteien befragt wurden.
Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit, zugleich stellvertretender Vorsitzender der Bundes-SPD, wirkte dabei leicht angenervt von Fragen nach seinem diplomatischen Engagement, wenn es um Schwule und Lesben im Ausland geht. Dabei war Osteuropa eines der beherrschenden Themen dieses vergleichsweise politischen Prides.
Vor allem Russland mit dem frisch verabschiedeten Gesetz gegen "Homo-Propaganda" war bei der Parade präsent: Viele Teilnehmer griffen das Thema auf und kritisierten auf Plakaten den russischen Präsidenten Wladimir Putin oder machten sich über ihn lustig. Auf dem Wagen der russisch-deutschen Gruppe Quarteera waren viele Teilnehmer aus Moskau und Russland vor Ort, auch dank finanzieller Unterstützung der Rosa-Luxemburg-Stiftung, des CSD-Sponsors Lufthansa und des Berliner CSD, der ihnen auch Redezeit auf der Bühne einräumte. Auch die Party "GMF" hatte Russen eingeladen und "Homo-Propaganda" zum Thema gemacht.
Bindeglied zwischen Ost und West

Während draußen die Boote des CSD auf der Spree vorbei fuhren, sprachen am Donnerstag in der niederländischen Botschaft LGBT-Aktivisten aus Russland und Moldawien über ihre Erfahrungen (Bild: Norbert Blech)
Ohnehin entwickelt sich der Berliner CSD zum vielleicht wichtigsten europäischen Pride, da er als Bindeglied zwischen West- und Osteuropa fungiert. Während tausende Schwule und Lesben aus Osteuropa nach Berlin reisen, um unbeschwert zu feiern, und diese Eindrücke mit nach Hause nehmen, organisieren Stiftungen und Botschaften Talks über LGBT-Rechte. So hatte die niederländische Botschaft Aktivisten aus Russland und Moldawien eingeladen und zu einer Vernetzung unter anderem mit dem Menschenrechtsbeauftragten der Bundesregierung, Markus Löning (FDP), und der internationalen Gruppe Human Rights Watch beigetragen, deren LGBT-Sprecher Boris Dittrich inzwischen von Berlin aus arbeitet.
Bei diesem Botschafts-Talk am Donnerstag wünschte sich Artiom Zavadovsky von der moldawischen Gruppe Genderdoc-M mehr Einsatz von Klaus Wowereit, wenn er seinen Amtskollegen aus Kischinau trifft. Und Olga Lenkowa von "Coming Out" in St. Petersburg berichtete, dass weniger das Gesetz gegen "Homo-Propaganda" als das Gesetz über "ausländische Agenten" die Arbeit der Aktivisten bedroht (mehr Infos und Spendenmöglichkeiten). Während Moderatorin und taz-Chefin Ines Pohl einen Publikumshinweis aufgriff und meinte, der Wunsch nach einem besseren Asylrecht für Schwule und Lesben ließe sich zum Wahlkampfthema machen, forderte Lenkowa die deutschen Schwulen und Lesben auf, für die völlige Gleichstellung im eigenen Land zu kämpfen: "Jeder größere Sieg in einem Land inspiriert uns".
Kampf für "Ehe für alle" geht weiter

Deutsche und französische Paare protestierten bei der Parade für ihre Rechte (Bild: Norbert Blech)
In der Tat ist auch in Westeuropa nicht alles erkämpft, und die Gleichstellung der Lebenspartnerschaft bzw. Öffnung der Ehe in Deutschland und Frankreich war das andere große Thema der CSD-Parade. So bot der LSVD ein Hochzeitscabrio mit Paaren, die heiraten wollen – und französische Aktivisten der Gruppe Bleublancrose, die die "Ehe für alle" feierten.
Eine zusätzliche Protestaktion des Berliner CSD fand an der Bundesparteizentrale der CDU statt, während die Parade an ihr vorbeizog. Vor der Gebäude standen zwei als Bundesverfassungsrichter verkleidete Personen, die eine Angela-Merkel-Darstellerin zur Gleichstellung ermahnten. Im Vorfeld hatte der CSD die CDU von der Parade ausgeschlossen; ein Wagen der Lesben und Schwulen in der Union mit sichtbarem Logo der CDU in Berlin durfte allerdings teilnehmen – mit dem T-Shirt-Spruch "Muttis gayle Truppe" sorgte man allerdings für Erheiterung und Kopfschütteln bei den Zuschauern, auch vereinzelte Buhrufe waren wie bei der FDP (und Wowereits Bühnenauftritt) zu hören. Die Grünen verteilten derweil Aufkleber mit dem Spruch "Tschüss Mutti / Diskriminierung abwählen".
Bis hin zu den Piraten waren alle größeren Parteien bei der Parade vertreten. Ebenfalls anwesend waren mehrere Botschaften, darunter die von Großbritannien, der USA und der Niederlande. Die Amerikaner erinnerten an Obamas Rede vor dem Brandenburger Tor, in der er auch LGBT-Rechte erwähnte. Die Niederlande boten schwule, lesbische und transsexuelle Armeeangehörige in Uniform.
Für den Einsatz für Transsexuelle durch das Gesetz zur Geschlechtsidentität wurde Argentinien mit dem Zivilcouragepreis des CSD bedacht, ebenso wie der Anwalt Dirk Siegfried, der viele Paare in Karlsruhe vertreten hat, und Kasha Jacqueline Nabagesera von der Organisation Freedom and Roam Uganda.
Das CSD-Wochenende bot weitere Demonstrationen: Zum ersten Dyke March kamen am Freitag bis zu 2.000 Frauen und auch ein paar Männer nach Kreuzberg, wo am nächsten Tag auch der Transgeniale CSD mit mehreren tausend Besuchern stattfand. Das Straßenfest auf der Oranienstraße war zuvor abgesagt worden. (nb)










