https://queer.de/?19594
Veranstaltung im Konrad-Adenauer-Haus
Schwule und Lesben in der CDU: Eine Liebe mit Bauchschmerzen
- 09. Juli 2013 5 Min.

Als Stärkung in der Auseinandersetzung mit den Konservativen bekam Julia Klöckner zum Abschluss von Moderator Thomas Steins (li.) und LSU-Chef Alexander Vogt einen Eimer Gummibärchen überreicht (Bild: Rainer Schadow)
"Die CDU auf dem Weg zur bunten Volkspartei?", fragte die LSU am Montagabend bei einer Diskussion mit der rheinland-pfälzischen Oppositionsführerin Julia Klöckner.
Von Stefan Mey
Das Berliner Konrad-Adenauer-Haus, Zentrum der christdemokratischen Macht. Die LSU hat zu einer Diskussion eingeladen. Das provokante Motto lautet: "Die CDU auf dem Weg zur bunten Volkspartei?".
Mit einer Mischung aus inhaltlicher Neugier und Sensationslust gehe ich hin. Bei politischen Veranstaltungen zu Homo-Themen geht es normalerweise hoch her. Bei den letzten beiden wurde den CDU-Vertretern das homo-politische Versagen ihrer Partei um die Ohren gehauen. Sie hatten es wirklich nicht leicht. Und anders als zuvor kommt dieses Mal eine hochrangige Vertreterin, die tatsächlich Zugang zu den Macht-Gremien der Partei hat.
Zum Showdown kommt es aber nicht. Etwa 40 Leute sitzen im Publikum, die meisten von ihnen sind LSU- oder wenigstens CDU-Mitglieder. Der Moderator des Abends, Thomas Steins, erklärt sich die geringe Beteiligung mit dem guten Wetter. Zudem sei die Einladung nur über den zugegebenermaßen nicht sehr ausführlichen LSU-Verteiler gegangen. Statt einer öffentlichen Diskussion wirkt der Abend wie eine LSU-interne Veranstaltung, zu der sie eingeladen wurde, der Stargast des Abends.
Die neue schwul-lesbische Sympathieträgerin der Union
Julia Klöckner ist Oppositionsführerin der CDU in Rheinland-Pfalz und damit womöglich zukünftige Ministerpräsidentin des südwestdeutschen Bundeslandes. Sie ist eine von fünf stellvertretenden Vorsitzenden der CDU und Mitglied im mächtigen Präsidium der Partei. Vor einigen Monaten tauchte sie plötzlich als schwul-lesbische Sympathieträgerin in der Öffentlichkeit auf, wie aus dem Nichts. Unter anderem in Interviews mit den konservativen Boulevardblättern "Bild" und "BZ" hat sie sich offen für eine weitergehende Gleichstellung ausgesprochen.
Anders als bei vielen anderen homo-politischen Veranstaltungen muss dem Publikum nicht erklärt werden, wieso es die CDU gut finden sollte. Das Ganze ist eher ein spannendes Selbstgespräch der Partei. Es erlaubt einen Einblick in den emotionalen Spagat vieler schwuler und lesbischer CDU-Mitglieder: wie eine Partei ihre politische Heimat ist, während sie sie in einem entscheidenden Punkt doch immer wieder vor den Kopf stößt. Es ist eine Liebe mit Bauchschmerzen.
Homosexuelle CDU-Mitglieder machen ihrem Ärger Luft

Die LSU will in der Union für frischen Wind sorgen (Bild: Rainer Schadow)
Der LSU-Vorsitzende Alexander Vogt leitet ein. Er redet über die Enttäuschung in den letzten Monaten. Im Dezember 2012 hatte der CDU-Parteitag gegen einen Antrag auf die steuerliche Gleichstellung eingetragener Lebenspartnerschaften gestimmt, dem Votum ist das CDU-Präsidium im März 2013 gefolgt. Nach einem Kurzvortrag von Klöckner beginnt dann die Selbstverständigung der Partei.
Zuerst stellt der Moderator und stellvertretende LSU-Vorsitzende Thomas Steins Fragen, dann kann das Publikum loswerden, was ihm auf den Nägeln brennt. Die meisten Fragesteller kennt Moderator Steins und redet sie mit dem Vornamen an. Sie machen ihrem Ärger über die Partei Luft, die eigentlich ihre eigene ist: der Parteitags- und Präsidiumsbeschluss gegen die steuerliche Gleichstellung, die hetzenden öffentlichen Worte einzelner CDU-Vertreter und das Ärgernis, dass die CDU erst durch Urteile des Bundesverfassungsgerichts gezwungen werden muss, eingetragene Lebenspartnerschaften nicht mehr zu diskriminieren.
Klöckner erklärt ihre Partei. Das Hauptargument lautet: die CDU ist nun mal eine Volkspartei mit großem Meinungsspektrum. Fortschritte ließen sich deswegen nur langsam erreichen. Sie fänden aber definitiv statt, und die gemächliche Geschwindigkeit ließe sich nicht einfach so anziehen: "Die Union hat es über Jahrzehnte hingekriegt, die gesamte innerparteiliche Bandbreite mitzunehmen und keinen politischen Flügel zu verlieren, auch nicht den eher rechten. Hinter diesen Anspruch sollten wir nicht zurückfallen." Das innerparteiliche Meinungsspektrum sollten auch die Schwulen und Lesben in der Union akzeptieren, so wie sie ihrerseits Toleranz erwarten: "Ich finde, wenn wir von bunt reden, dann kann es nicht nur eine Farbe geben, auch wenn das nicht meine Farbe ist."
Das C in CDU kein Hindernis für eine homo-freundliche Politik?

Nun rund 40 Teilnehmer kamen am Montagabend zur Podiumsdiskussion ins Konrad-Adenauer-Haus (Bild: Rainer Schadow)
Klöckners Engagement für Schwule und Lesben gehe auf einen langjährigen Freund aus dem Studium zurück. Sie hat unter anderem katholische Theologie auf Lehramt studiert und dort einen Priesteranwärter kennengelernt, der seitdem ihr mit Abstand engster Freund sei. Deswegen könne sie es einfach nicht ertragen, wenn Schwule und Lesben diskriminiert werden.
Der Freund ist aus der Kirche ausgetreten, was sie schade findet. Sie hingegen könne das alles wunderbar miteinander vereinbaren: das C in der CDU sei einfach eine generelle Aufforderung zu Mitmenschlichkeit und Solidarität. Zudem passe die Übernahme von Verantwortung in gleichgeschlechtlichen Beziehungen eh zu den grundlegenden Werten ihrer Partei.
Immer wieder versucht sie dem Publikum klarzumachen, dass die LSU und alle Schwulen und Lesben im Land in ihr eine wichtige Fürsprecherin haben. Sie sei eine, die im entscheidenden Moment auch mal die Stimme erhebt und von der Linie abweicht. Stolz erzählt sie, dass sie auf dem Parteitag Ende Dezember neben Familienministerin Kristina Schröder die einzige im Präsidium war, die für den Gleichstellungsantrag gestimmt hat. Wenn sich LSU-Vertreter aus einzelnen Bundesländern über Schwierigkeiten vor Ort beklagen, sagt sie: "Schickt mir einfach eine Mail. Ich werde das dann mal direkt im Präsidium ansprechen."
Julia Klöckner, das Energiebündel aus Rheinland-Pfalz
Julia Klöckner strahlt den ganzen Abend über, ist gut gelaunt und schlagfertig. Sie hat den Charme einer Freundin, mit der man Pferde stehlen kann. Anders als bei vielen Politikerkollegen ist ihre Sprache nicht glatt gebügelt. Immer wieder ist sie wohltuend politisch inkorrekt und haut verbal Sachen raus, die sich konservative Kollegen nicht im Traum erlauben würden: "Im katholischen Theologiestudium trifft man natürlich einige Schwule." Das Publikum lacht, sie auch, dann relativiert sie ein wenig: "Naja, man trifft auch Schwule."
Am Ende der Veranstaltung ist es kaum vorstellbar, dass dieses Energiebündel in der Partei nicht noch weiterhin Karriere machen wird. Der Moderator Thomas Steins überreicht ihr zum Abschluss eine große Box mit Gummibärchen, als Stärkung für die zukünftigen Auseinandersetzungen mit den Konservativen der Partei.
Die halböffentliche Selbstverständigung der CDU ist damit für diesen Abend beendet. Ich habe das Gefühl, dass sie die Bauchschmerzen des Publikums zumindest ein bisschen gelindert hat.
Links zum Thema:
» Homepage der LSU















twitter.com/Volker_Beck/status/251425968542072837
www.wahlrecht.de/umfragen/index.htm