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- 16. Juli 2013 6 Min.

(Bild: Achim Rosenhagen / flickr / by-sa 2.0)
Die Redaktion distanziert sich nur halbherzig von der früheren Hetze gegen HIV-Positive. Wird die Zukunft besser?
Von Norbert Blech
Rund eine Woche ist es jetzt her, dass die Redaktionen von "Spiegel" und Spiegel Online mit der Kompassnadel des Schwulen Netzwerks NRW geehrt wurden (queer.de berichtete). In der neuesten Ausgabe lobt sich nun das Magazin, man habe "eine Auszeichnung für die Förderung der Akzeptanz von Homosexuellen" bekommen.
Die Berichte zeichneten "ein ausgewogenes und realistisches Bild von schwulem Leben in Deutschland und vor allem auch in den Ländern, in denen Homosexuelle unterdrückt, verfolgt und ermordet werden", wird aus der Nominierung zitiert. Erst dann heißt es im Heft: "Die Nominierung hatte Proteste hevorgerufen; Kritiker verwiesen auf die von ihnen als tendenziös empfundene Aids-Berichterstattung des 'Spiegel' in den achtziger Jahren."
Kann es das schon gewesen sein? Darf es das schon gewesen sein? Der Aktivist Marcel Dams hatte in seiner engagierten Laudatio bei der Preisvergabe eine Entschuldigung gefordert, "nicht nur hier und heute, sondern am besten auch am Ort des Geschehens – im Blatt". Dort bekam der Aids-Aktivist jetzt lediglich einen distanzierenden Hinweis auf Empfindungen. "Ich bin sehr enttäuscht", sagt Dams.
Diffamierung und Ausgrenzung

Bei der Preisverleihung (v.l.n.r.): Laudator Marcel Dams, Moderator Sister George und Markus Verbeet, der den Preis für die "Spiegel"-Redaktionen entgegen nam (Bild: Christian Scheuß)
Dabei war die Berichterstattung nicht tendenziös, sie war schlicht menschenverachtend. Stefan Niggemeier hat in seinem Blog eine längere Beweisführung angetreten, für Marcel Dams reichte ein Satz aus dem Magazin aus den frühen Achtzigern: "Ist eine moderne Seuche in Sicht oder werden nur Homosexuelle dran glauben müssen?"
"Wenn ich die alten Artikel lese, dann macht das was mit mir", so Dams, der damals noch nicht geboren war. "Es lässt mich verstehen, warum es für einige unerträglich ist, dass ein Magazin ausgezeichnet wird, das damals mit für Diffamierung und Ausgrenzung verantwortlich war." Der "Spiegel" brachte viele dieser Sätze, und sie hatten ihre Wirkung in einem gesellschaftlich wie politisch verheerenden Klima für Schwule und HIV-Positive.
Den Preis entgegen nahm Markus Verbeet, Leiter des Inlands-Ressort des "Spiegel". Er sagte: "Ich kann nur ahnen, was für Verletzungen wir hervorgerufen haben. Ohne es zu wollen, ohne jede Absicht. Aber wir haben diese Verletzungen hervorgerufen. Und ich will Ihnen sagen: Das bedauere ich zutiefst."
Verbeet hat diese Variante einer Entschuldigung in einem Eintrag im "Spiegel Blog" wiederholt, verbunden mit dem Hinweis: "Dafür gab es Applaus". Also Schwamm drüber? Anstatt sich selbst mit "Spiegel"-Artikeln auseinanderzusetzen, verlinkte er die Stellungnahmen anderer und verwies auf eventuell mal zu sehende Mitschnitte der Reden von der Presseverleihung auf Youtube. Und er relativierte letztlich viel durch den Verweis auf die heutige Berichterstattung (wenn man so will, hat die Preisvergabe da eine gute Vorlage gegeben).
In seiner Rede hatte Verbeet noch erwähnt, er habe sich von der Dokumentationsabteilung alle Aids-Artikel aus der fraglichen Zeit geben lassen. Warum also folgt keine kritische Aufarbeitung, die man doch sonst allzugerne von anderen fordert? Zwar gilt für Verbeet wie für die meisten seiner Kollegen: Für diese Artikel war eine vorherige Generation verantwortlich. Aber das Abspeisen mit einem Satz zur "tendenziös empfundenen Aids-Berichterstattung" überrascht daher umso mehr. Wie ernst nimmt man die Kritik wirklich?
Um fair zu sein, der vollständige Satz von Verbeet lautete: "Dafür gab es Applaus, aber der muss und sollte weitere Diskussionen nicht verhindern." Es ist daher vielleicht auch die Zeit, die Diskussion auszuweiten: Auf die aktuelle Berichterstattung.
Engagiertes Massenmedium mit Schwächen

So kannte man den "Spiegel" früher. Seitdem hat sich die Berichterstattung der Medien des Hauses verbessert. Aber ist sie preiswürdig?
Über diesen Aspekt, immerhin die Begründung des Preises, wurde bislang wenig diskutiert. Marcel Dams sagte dazu in der Laudatio, dass Spiegel Online heute wie zu der Zeit seines Coming-outs das Medium ist und war, über das sich junge Leute informieren – hetero- wie homosexuell.
An dieser Stelle wird die Reichweite vielleicht tatsächlich zu einem Argument. Und in der Tat: Spiegel Online berichtet inzwischen viel zum Thema Homosexualität und in der Regel nicht negativ oder falsch, gelegentlich gar engagiert. Und nicht mit Sensationsgier, wie Dams zurecht anmerkte. Vergleicht man SpOn mit dem anderen Massenmedium, "Bild", wird das mehr als deutlich.
Behandelt man die Kompassnadel aber unintendiert als Journalistenpreis, stellt man fest: Obwohl zunehmend auch Korrespondentenberichte geliefert werden, bestehen bei Spiegel Online die Meldungen zur Homosexualität größtenteils aus Agenturmaterial, mit der Konsequenz, dass diese häufig ungenau, manchmal unangemessen neutral und vor allem insgesamt eher beliebig ausgewählt erscheinen: Nicht jede wichtige Meldung für die LGBT-Welt schafft es auf das Portal, das ein oder andere unwichtige hingegen schon. Ein wichtiges Thema wie Schwule und Lesben in Russland wird nur teilweise verfolgt. Und in Print nimmt Homosexualität immer noch zu wenig Platz ein.
Es ist zumeist eine heterosexuelle, gelegentlich heteronormative Sicht der Welt, die transportiert wird: Die ein oder andere Formulierung missglückt, Lesben werden oft vergessen ("Schwulenparaden"), das Urteil aus Karlsruhe zum Ehegattensplitting für Homo-Paare ernsthaft als "teurer Richterspruch" bezeichnet. Oft stimmen Details nicht oder fehlen.
Immerhin fehlt nicht der Mut, manche Themen online prominent zu platzieren, vermutlich, weil sie durchaus Klicks bringen. Aber hätte die Kompassnadel als journalistische Ehrung trotzdem nicht eher der "taz" zustehen müssen, die seit Gründung LGBT-Themen aufgreift und wie ein Szene-Magazin auch "interne" Debatten führt? Oder der "Süddeutschen", die in Zeitung und Magazin glänzende Beiträge zum Thema brachte und deren Innenpolitikchef Heribert Prantl zuletzt geradezu flammende Kommentare für eine Gleichstellung geschrieben hat, Kommentare, die auch das bürgerliche Lager erreichen?
Hinter den eigenen Möglichkeiten
Kommentare gibt es in den "Spiegel"-Medien kaum, was auch nicht sein muss, aber ebenso selten eine eigene Berichterstattung zum schwulen und lesbischen Leben, die über das Tagesaktuelle hinaus geht. Und wenn man mal einen Schwerpunkt setzte, blieb man bislang oft hinter den eigenen Möglichkeiten.
Spiegel TV war etwa von "stoppt kreuz.net" und dem LSVD mit ausführlichem Material zu den Hintermännern des Portals ausgestattet worden. Doch anstatt die Sache groß weiterzurecherchieren, begnügten sich die "Spiegel"-Redaktionen mit der Vorführung einiger Priester – ebenso vorverurteilend wie, zugegebenermaßen, durchaus unterhaltsam und wohltuend.
Aber damit war die Sache auch schon gegessen – dabei hätte man gerade im "Spiegel" gerne zusätzliche Hintergründe erfahren. Und etwas von den Verbindungen eines bekannten Journalisten des Magazins zu den Hintermännern des Hassportals.
Eine Hoffnung für die Zukunft
Ein Medium wie der "Spiegel" könnte Themen aus der LGBT-Welt aufgreifen und mit all seinen Kräften und Stärken weiterspinnen. Wo bleibt der durchaus zum Magazin passende, polemische Hintergrundbericht über die Nähe der Union zu Evangelikalen? Oder eine Recherche zu "Wüstenstrom"? Noch immer gibt es in Deutschland operierende Homo-"Heiler" – Wer finanziert sie? Wer lässt sie unbeaufsichtigt? Wer unterlässt die Kritik? Das interessiert mehr Leute als "nur Homosexuelle".
Es sind viele weitere Themen, die auf eine umfassende Bearbeitung warten und von der Szene-Presse mangels Ressourcen nur angeschnitten werden können. Es wäre schön, wenn "Spiegel" und Spiegel Online die Kompassnadel zum Anlass nehmen würden, hier ihre Berichterstattung konsequent wie professionell auszubauen.
Vielleicht entwickelt man dann auch irgendwann ein Verständnis dafür, dass ein Satz über "tendenziös empfundene Aids-Berichterstattung" einfach nur wie Hohn klingt.
Update 19.40h: Reaktion von Marcel Dams
Der Laudator der Kompassnadel an den "Spiegel" kritisiert die Wortwahl des Magazins in einem Blogeintrag: "Weniger kritisch geht kaum".















dieser satz ist in der tat blanker hohn.
und gleichzeitig ein klassiker der krokodilstränen-kultur: konkretes, ganz real geschehenes fehlverhalten wird in das subjektive empfinden der betroffenen verschoben. die aussage ist: da ist gar nicht wirklich was schlimmes passiert, da haben nur diese überempfindlichen homos wieder mal auf die tränendrüse gedrückt.
es klingt vielleicht ein bisschen nach entschuldigung. in wirklichkeit ist das ein nachtreten der widerlichsten art.
der spiegel hat nichts gelernt. er hat diesen preis nicht verdient.