https://queer.de/?19862
Olympische Spiele in Sotschi
DOSB: Verbot von "Demonstration und Propaganda" unumgänglich
- 20. August 2013 4 Min.

In der Dachorganisation DOSB sind ein Drittel der deutschen Bevölkerung engagiert: Rund 28 Millionen Menschen sind Mitglieder in 91.000 Turn- und Sportvereinen.
Der Deutsche Olympische Sportbund tut sich schwer mit dem Thema Homosexualität: Der Verband will sich nicht gemein machen mit der russischen Homophobie, verharmlost aber das Gesetz zu Homo-"Propaganda".
Von Dennis Klein
Am Montag veröffentlichte der "Spiegel" einen eigenartigen Vergleich von DOSB-Sprecher Christian Klaue. Wenn Athleten abseits der Wettkämpfe für die Rechte Homosexueller einträten, seien die Gesetze des Landes zu achten. Das sei "wie bei Trunkenheit am Steuer: Manchmal ist bei 0,8 Promille die Grenze, manchmal bei 0,0". Just am selben Tag machte eine Nachricht die Runde, in der der russische Jugend- und Sportminister Homosexuelle mit Alkoholikern vergleicht (queer.de berichtete).
Gegenüber queer.de erklärte Klaue nun, er vergleiche nicht Homosexualität mit Alkoholmissbrauch: "Gegen diese Unterstellung verwahre ich mich aufs Schärfste", so der DOSB-Sprecher energisch. "Als Beispiel für unterschiedliche Gesetzgebung habe ich die Grenzwerte bei Trunkenheit am Steuer gewählt. Ich hätte aber auch die Straßenverkehrsordnung wählen können, um deutlich zu machen, dass sich Gäste eines Landes unabhängig von ihren daheim geltenden Rechtsnormen an die Gesetzgebung ihn ihrem Gastland halten müssen", sagte Klaue.
Doch paradoxerweise bedeutet das seiner Ansicht nach nicht, dass sich Sportler an das russische Maulkorbgesetz gegen Homo-"Propaganda" halten müssen: "Jeder Sportler hat ein Recht auf freie Meinungsäußerung. Jeder darf seine Meinung zum Beispiel in Interviews frei äußern". Das russische Gesetz sagt jedoch deutlich, dass jede öffentliche "Werbung" für eine nicht-traditionelle sexuelle Orientierung verboten ist – und bei Ausländern zu einer Ausweisung und gar Inhaftierung führen kann.
Bunte Fingernägel sind "demonstrative Geste"

Bei der WM und auch bei der Olympiade sind bunte Finger verboten
Wegen der Kontroverse, die bei der Leichtathletik-WM in Moskau ausgebrochen ist, hat der DOSB auf seiner Website am Montag den Artikel "Fragen und Antworten zum russischen Homosexuellen-Gesetz" veröffentlicht. Darin betont die Dachorganisation mit 28 Millionen Mitgliedern zwar, dass "Diskriminierung jeglicher Art" verboten und Sport ein Menschenrecht sei. Gleichzeitig beharrt der DOSB aber auf weltanschauliche Neutralität.
Dieser Balanceakt führt zu seltsamen Resultaten: Die russische Stabhochspringerin Jelena Issinbajewa durfte bei einer offiziellen Pressekonferenz der Leichtathletik-WM ungestraft Schwule und Lesben als abnormal bezeichnen (queer.de berichtete). Aber der winzige Protest der schwedischen Sportlerin Emma Green Tregaro, die ihre Fingernägel in Regenbogenfarben anmalte, ist nach Ansicht von DOSB-Sprecher Klaue bereits eine "demonstrative Geste" und daher verboten.
Dieses grundsätzliche Verbot von "Demonstration und Propaganda" ist laut Klaue "unumgänglich, weil diese mit ihrer medialen Aufmerksamkeit sonst schnell zur Bühne für jegliche Art von politischen Demonstrationen würden, die vom Recht der Meinungsfreiheit gedeckt werden – eben auch für jene Themen, die nicht dem westlichen Wertekanon entsprechen." Sprich: Nach Homo-Demonstrationen könnten Islamisten oder andere Extremisten die Spiele als Werbeplattform für sich nutzen. "Es macht keinen Unterschied, ob jemand gegen Diskriminierung oder für ein Menschenrecht demonstriert oder ob sich jemand mit einer Kriegspartei solidarisch erklärt", erläutert Klaue. Das Internationale Olympische Komitee sei keine "Weltregierung", die ihre eigenen gesellschaftlichen Werte verbreiten wolle.
Petition für Regenbogen-Pins

Jelena Issinbajewa erklärte bei einer Pressekonferenz, dass Russland "Propaganda" von Schwulen und Lesben nicht dulden dürfe – nach heftiger Kritik ruderte sie einen Tag später zurück
Schwul-lesbische Aktivisten fordern dagegen, dass der deutsche Sport aktiver in dieser Frage wird: Er solle sich genauso gegen die Diskriminierung von homosexuellen Athleten oder Besuchern von Sportevents engagieren, wie er gegen Rassismus vorgeht. Daher gibt es eine Petition an den DOSB, in der gefordert wird, dass deutsche Sportler bei der Olympiade im Februar in Sotschi bei öffentlichen Veranstaltungen außerhalb des Wettkampfs Regenbogen-Pins tragen sollen.
Einen Boykott oder eine Verlegung der Spiele wegen der homofeindlichen Gesetzgebung in Russland lehnt der DOSB übrigens grundsätzlich ab. Boykotte seien "niemals eine Option", eine Verlegung beispielsweise ins kanadische Vancouver sei "schon aus organisatorischen Gründen absolut unmöglich".
Damit müssen Sportler oder Besucher der Olympischen Winterspiele in Sotschi damit rechnen, dass sie jederzeit verhaftet werden können, wenn sie sich über Homosexualität äußern. Jugend- und Sportminister Witali Mutko hat erst vor wenigen Wochen klargestellt, dass bei der Olympiade "Athleten mit nicht-traditioneller sexueller Orientierung" die Festnahme droht, wenn sie diese Orientierung "auf der Straße propagieren" (queer.de berichtete). Bei der Leichathletik-WM hat sich die russische Staatsmacht zwar noch zurückgehalten.
Ob sie das im Februar in Sotschi tun wird, ist aber keineswegs sicher. In Erinnerung ist da noch der Eurovision Song Contest 2009in Moskau, der nicht verhindern konnte, dass Teilnehmer eines CSDs am gleichen Tag verhaftet wurden. Für Sotschi haben LGBT-Aktivisten inzwischen einen Pride angeplant.
- Sa., 24.8. Demo "#putinmyass" in Frankfurt
- Sa., 31.8. Großdemo "Enough is enough" in Berlin
- So., 8.9. Weltweiter Aktionstag "To Russia with love" mit Kiss-In vor Botschaften und Konsulaten u.a. in Berlin, Bonn, Frankfurt, Hamburg, Mainz und München














