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Anti-Homo-Ehen-Kongress in Leipzig
Empörung über Sarrazin und Geis
- 06. September 2013 5 Min.

Thilo Sarrazin wurde dank Äußerungen über "Kopftuchmädchen" zum Medienstar. Folgen nun Ausfälle über "Tunten"?
Die Teilnahme an einem homophoben Kongress weckt Forderungen nach Parteiausschluss und Distanzierung. Während rechte Medien ein neues Thema haben, formiert sich Gegenprotest.
Von Norbert Blech
Die Ankündigung eines vom rechtspopulistischen Magazin "Compact" organisierten Kongresses gegen Homo-Ehen in Leipzig, über den queer.de am Mittwoch als erstes Medium berichtete, hat zu scharfer Kritik von Medien und Politikern an der Teilnahme des umstrittenen Buchautors Thilo Sarrazin ("Deutschland schafft sich ab") und des CSU-Politikers Norbert Geis geführt.
Insbesondere auf Thilo Sarrazin haben sich die Medien gestürzt (womit zu befürchten ist, dass er demnächst mit einem neuen Thema durch die Talkshows tingeln kann). Der "Tagesspiegel" zitierte etwa eine weitere Passage aus seinem Interview mit "Compact", in der Sarrazin auf die Frage, ob der Staat nicht besser "tüchtige Jungs" statt "Jungs im rosa Kleidchen" fördern solle, antwortete: "Vorsicht, auch die Tunte kann sehr tüchtig sein".
Während "Compact"-Chefredakteur Jürgen Elsässer in seinem Blog schreibt, man müsse "mit Blindheit geschlagen oder bösartig sein, um das als homophob zu verstehen", sprechen andere durchaus von Homophobie – zumal Sarrazin in dem Interview auch gesagt hatte, dass er für Lebenspartnerschaften den Begriff "Ehe" ablehne (und folglich die Ehe-Öffnung): "Das ist ungefähr so, als würde man ein 'Faultier' als 'Löwe' bezeichnen." Denn Ehe und Lebenspartnerschaft hätten "unterschiedliche Eigenschaften".
Kritik an Sarrazin

Die Konferenz soll am 23. November stattfinden
Der Vorsitzende der SPD in Schleswig-Holstein, Ralf Stegner, hat darauf dem früheren Berliner Finanzsenator den Parteiaustritt nahegelegt. "Solche Veranstaltungen von Ewiggestrigen sind Propagandaforen gegen Fortschritt und Menschenwürde", sagte das SPD-Bundesvorstandsmitglied gegenüber dem "Handelsblatt". "Sozialdemokraten haben da nichts verloren. Ich bleibe dabei, dass Thilo Sarrazin sich und der SPD einen großen Gefallen täte, wenn er austritt und zu einer Rechts-Partei wechselte, die für Intoleranz steht und somit viel besser zu ihm passt als die SPD." Mit solchem "Ungeist" wolle die Partei nichts zu tun haben: "Die Teilnehmer verdienen nur Verachtung."
Auch der Berliner SPD-Landeschef Jan Stöß kritisierte den Parteifreund: "Herr Sarrazin verbreitet sein menschenfeindliches und hassdurchtränktes Weltbild und arbeitet sich wieder mal an Minderheiten ab", so Stöß im "Tagesspiegel". "Dieser Herr wäre mit seiner Auffassung über genetisch mehr oder weniger wertvolle Menschen in der NPD besser aufgehoben als in der Sozialdemokratie."
Der LSVD bezeichnete Sarrazins Äußerungen als "beleidigend und sachlich falsch": "Wenn ein neues Parteiausschlussverfahren möglich wäre, hätten wir nichts dagegen einzuwenden", so LSVD-Pressesprecher Jörg Steinert. Einen Rausschmiss forderten auch der Berliner Linken-Chef Klaus Lederer und der Schwusos-Vorsitzende Ansgar Dittmar: "Ich kann dem Berliner Landesverband nur zuraten, sich endgültig von diesem Kerl zu trennen."
Der Grünenpolitiker Volker Beck griff indessen auch die CSU an, die sich vom Kongress-Teilnehmer Norbert Geis distanzieren solle: "Wie kann man nur bei solch einem schrägen Kongress auftreten, bei dem sogar Unterstützer des russischen Gesetzes gegen die 'Homopropaganda' an zentraler Stelle sprechen? Das diskreditiert die gesamte Menschenrechtspolitik der Union. Homophober Menschhass darf in keiner Partei toleriert werden. Es wäre menschenverachtender Zynismus, wenn die CSU das laufen ließe und hier mit falsch verstandener Toleranz nach Stimmen aus dem rechtsradikalen Lager fischen würde."
Unbeeindruckt gab sich hingegen Thilo Sarrazin. "Ich habe meine Meinung gesagt und weiß, dass diese Meinung von großen Teilen der Bevölkerung geteilt wird", sagte er dem "Tagesspiegel". Bei dem Kongress in November wolle er seine Thesen wiederholen.
Radikalisierung aus Frankreich

Mit Béatrice Bourges reist eine prominente Gegnerin der Ehe-Öffnung in Frankreich an
Elässer kommentierte in seinem Blog, dass der keine "Konferenz gegen die Schwulen-Ehe, sondern für eine aktive Familienpolitik" plane. Dabei ignoriert er wohl nicht nur extremst homophobe Kommentare in seinem Blog, sondern auch die Gästeliste des Kongresses.
So reisen neben Geis und Sarrazin und der Ex-"Tagesschau"-Sprecherin Eva Herman auch noch bislang ungenannte russische Duma-Abgeordnete an – sowie Béatrice Bourges, eine der Hauptakteure des französischen Kampfes gegen die Ehe-Öffnung, der zu unerwarteter Massenmobilisierung und zu Gewalt geführt hatte.
"Als 'La Manif pour tous' begann", berichtet Judith Silberfeld vom französischen LGBT-Portal Yagg gegenüber queer.de, "glaubten die Gründer und Anhänger wirklich, sie seien nicht homophob – ihre Haltung ist wie die der katholischen Kirche: Hasse die Sünde, liebe den Sünder. Béatrice Bourges ist diejenige, die die Bewegung radikalisiert hat."
Silberfeld will damit nicht "Manif pour tous" schön reden, aber man bemerke deutlich unterschiedliche Ideologien: "Bourges hat 'Le Printemps français' (den französischen Frühling) gegründet, wo man keine Bedenken hat, Begriffe wie 'Krieg' gegen die Regierung zu verwenden oder 'Angriffe' zu planen." Bourges sei "gefährlich", so Silberfeld, weil "sie sich wie viele dieser Leute gut ausdrücken kann."
Protest geplant
Hatten Deutschlands Schwule und Lesben bislang vor allem Glück, weil wichtige Gegner wie Geis oder Kuby zu wenig Einfluss hatten und sich nicht geschickt genug ausdrückten? Zumindest scheint die aufziehende Debatte bereits viele Leute zu mobilisieren – davon zeugen etwa homophobe Kommentare unter dem "Handelsblatt"-Artikel.
Auch "Politically Incorrect" sprang am Freitag unter Lob der Leser auf den Zug auf und kritisierte unter anderem den "schwulen Päderastenfreund" Volker Beck für dessen Kritik an Geis. Webseiten aus dem extremeren katholischen oder evangelischen Spektrum haben sich hingegen bislang zu dem Thema enthalten.
Derweil gibt es erste Planungen für einen Gegenprotest zu der Veranstaltung am 23. November in einer Kongresshalle am Leipziger Flughafen. Ein bei Facebook angekündigter Protest, den die Aktivisten von "Putinmyass" mit weiteren wie örtlichen Partnern durchführen wollen, hat bereits fast 400 Zusagen. (nb)
Update 17.25h: Weitere Reaktionen
Der CDU-Bundestagsabgeordnete Karl-Georg Wellmann hat gegenüber "Handelsblatt Online" von der SPD ein "Eingreifen gegen Thilo Sarrazin" gefordert. Es sei "unsäglich", wenn mit der Diskussion über die Homo-Ehe "Vorurteile geschürt" würden "oder man innenpolitisch im Trüben fischen will", so der Abgeordnete aus Steglitz. "Auch die verbale Diskriminierung Homosexueller ist völlig inakzeptabel."
"Sarrazin dreht wieder ab. Diesmal geht's gegen Schwule", schrieb auch der schwule CDU-Politiker Jens Spahn, und forderte SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück und Parteichef Sigmar Gabriel zu einer Aussage auf. "Der war immerhin Finanzsenator."
Der schwule SPD-Bundestagsabgeordnete Johannes Kahrs sagte hingegen dem "Handelsblatt", er habe kein Problem mit Sarrazin: "Wir leben in einem freien Land, da kann sich jeder treffen, jeder für seine Ansichten streiten, gegen Gleichstellung sein und tagen wann und wo er will". Das Verhalten von Merkel und Kauder sei schlimmer.
Mehr zum Thema:
» Konferenz gegen Homo-Ehen in Leipzig (04.09.2013)
















Wenn weniger als 1 % der Schwulen, die man als politische Bewegungsschwule bezeichnen kann, meinen, die gesamte Gesellschaft in ihrem Sinne umbauen zu können, wird es -natürlich- eine starke Gegenbewegung geben. Die Schwulen sollen sich deshalb nicht so mimosenhaft anstellen.
In diesem Staat betreiben eben alle Gruppen
ihre Lobbyarbeit und langfristig werden die Heteros mit ihrer Mehrheit am längeren Hebel sitzen.