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Zu den Enthüllungen im "Spiegel"

Volker Becks erstes Skandälchen


  • Micha Schulze, Jahrgang 1967, ist Geschäftsführer von queer.de und seit 25 Jahren in schwul-lesbischen Medien zu Hause. Normalerweise schreibt er vor allem Konzepte, Angebote, Rechnungen und Mahnungen, in dieser Kolumne aber immer wieder auch Emails an Leute und Organisationen, über die er einfach nur den Kopf schütteln kann.

    22. September 2013 52 3 Min.

Micha Schulze schreibt an den grünen Bundestagsabgeordneten, der versucht hat, seine frühere Forderung nach einer Entkriminalisierung der Pädosexualität zu vertuschen.

Lieber Volker!

Ausgerechnet die "taz", das inoffizielle grüne Hausblatt, fand harsche Worte. Du hättest Deine "Glaubwürdigkeit verspielt" und den Grünen "maximalen Schaden" zugefügt, schreibt die alternative Tageszeitung nach den jüngsten Enthüllungen des Nachrichtenmagazins "Der Spiegel".

Worum geht's? Immer wieder hattest Du in den letzten Jahren behauptet, Dein umstrittener Gastbeitrag für das Buch "Der pädosexuelle Komplex" aus dem Jahr 1988 sei von den Herausgebern sinnentstellend verändert worden. Nun hat der "Spiegel" im Archiv der Heinrich-Böll-Stiftung das vermutliche Original-Manuskript gefunden und es der gedruckten Version gegenübergestellt. Das Ergebnis: Verändert wurden lediglich die Überschrift und eine Zwischenzeile. Unverändert heißt es jedoch in beiden Versionen: "Eine Entkriminalisierung der Pädosexualität ist angesichts des jetzigen Zustandes ihrer globalen Kriminalisierung dringend erforderlich."

Totalversagen beim Krisenmanagement


Seit 1994 im Deutschen Bundestag: Volker Beck

Dass die Medien genüsslich über Deinen Vertuschungsversuch berichten, ist an sich kein Skandal und auch keine homophobe Kampagne. Im Gegenteil: Die Presse erfüllt ihre Kontrollfunktion. Zumal Du ein Politiker bist, der bekanntlich selbst sehr hohe moralische Anforderungen an seine Kollegen stellt.

Anders als Dein Fraktionschef Jürgen Trittin hast Du zudem in Deinem Krisenmanagement komplett versagt. Geradezu bockig beharrst Du auf dem absurden und widerlegten Vorwurf der Text-Verfälschung. Das alles macht es sehr schwer, Dir jetzt uneingeschränkt solidarisch zur Seite zu springen.

Dennoch hat die Enthüllung mehr als einen negativen Beigeschmack. Dass die Geschichte ausgerechnet kurz vor der Bundestagswahl lanciert wurde, sollte stutzig machen. Zumal eine sachliche Diskussion kaum mehr möglich ist, wird in der Politik (und erst recht im Wahlkampf) einmal die "Pädo-Keule" herausgeholt. Auch dies mag ein nachvollziehbarer Grund sein, warum Du versucht hast, Deine früheren Positionen, die im Übrigen breiter Konsens in der Schwulenbewegung der 1980er Jahre waren, herunterzuspielen.

Ein aufgebauschtes "Skandälchen"


Lange Gesichter bei den Grünen: Die "Pädo-Debatte" kam zur Unzeit (Bild: buendnisgruenen / flickr / by 2.0)

Diese möglicherweise Not-Lüge wird nun aufgebauscht. Denn sonst gibt es auch kaum Angriffpunkte. Es ist wirklich kein Skandal, vor einem Vierteljahrhundert Forderungen aufgestellt zu haben, die man später als falsch erkannt hat. Bereits Anfang der 1990er Jahre bist Du von Deinen damaligen Thesen abgerückt, hast sie wiederholt als "unsäglich", abwegigen "Stuss" und "großen Fehler" bezeichnet. Richtig so! Dein umstrittener Text im Buch "Der pädosexuelle Komplex" war zudem, wenn man ihn genau liest, ein Plädoyer gegen eine ersatzlose Streichung des Sexualstrafrechts und damit ein erster Abnabelungsversuch der Schwulen- von der Pädobewegung. Nicht zuletzt: Die Initiative, dieses fragwürdige Bündnis aufzuarbeiten, ging von den Grünen selbst aus! Dies ist Deiner Partei hoch anzurechnen, in diesem Punkt ist sie der Schwulenbewegung meilenweit voraus!

Natürlich nutzen Deine Gegner wie etwa CDU-Rechtsaußen Erika Steinbach jetzt die Gunst der Stunde und wollen mit völlig überzogenen Rücktritts­forderungen in erster Linie den schwulen Politiker treffen, der sich wie kaum ein anderer glaubhaft für LGBT-Rechte im Deutschen Bundestag engagiert. Das wissen sowohl die queere Community als auch die Grünen, deren Solidarität Du Dir trotz allem vermutlich sicher sein kannst. Dein allererstes "Skandälchen" nach 19 Jahren im Bundestag wirst Du wohl mit ein paar Schrammen überstehen, da haben sich viele Politiker-Kollegen schon deutlich mehr geleistet.

Für Dich gibt es im Bundestag wahrlich noch genug zu tun, lieber Volker! Dazu gehört aus meiner Sicht allerdings auch eine eigene Initiative – etwa eine Podiumsdiskussion oder ein Kongress -, um die unangenehm-peinliche Ex-Allianz mit der Pädo-Bewegunng endlich selbstkritisch aufzuarbeiten.

  • Micha Schulze, Jahrgang 1967, ist Geschäftsführer von queer.de und seit 25 Jahren in schwul-lesbischen Medien zu Hause. Normalerweise schreibt er vor allem Konzepte, Angebote, Rechnungen und Mahnungen, in dieser Kolumne aber immer wieder auch Emails an Leute und Organisationen, über die er einfach nur den Kopf schütteln kann.
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#1 abhijay
  • 22.09.2013, 16:50hMünchen
  • ich halte die aktuell pädophilie-debatte zwar auch für ausgesprochen schmutziges wahlkampftaktieren - aber lieber micha schulze, mich hätte dennoch interessiert, wie dein artikel zum thema ausgesehen hätte, wäre es nicht um volker beck sondern um einen politiker einer anderen partei gegangen.
    stell dir einfach mal vor, ein heutiger pirat hätte vor 30 jahren so einen stuss von sich gegeben... ihr hättet ihn und die ganze partei zerfleischt.
    habt ihr zwar so auch, aber egal...
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#2 FoXXXynessEhemaliges Profil
  • 22.09.2013, 16:55h
  • Über dieses Thema wurde schon so viel gedruckt, aber das als "Skandälchen" zu bezeichnen, ist nun völlig untertrieben!

    "...n erster Linie den schwulen Politiker treffen, der sich wie kaum ein anderer glaubhaft für LGBT-Rechte im Deutschen Bundestag engagiert. Das wissen sowohl die queere Community als auch die Grünen, deren Solidarität Du Dir trotz allem vermutlich sicher sein kannst."

    Diee Beweihräucherung ist fehl am Platz, er hat für uns NICHTS geleistet und MEINE SOLIDARITÄT hat er ebenfalls nicht! Der Mann muß endlich aus dem Bundestag verschwinden!
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#3 Miz LohnAnonym
  • 22.09.2013, 16:57h
  • Beck muß weg und dafür jemand in den Bundestag, der wirklich etwas für uns tut!
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