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Appell gegen geschlechtsnormierende Operationen
"Mein intersexuelles Kind"
- 16. Oktober 2013 3 Min.

Ausschnitt aus dem Cover: Eine Berliner Ausstellungsmacherin, Kuratorin und Autorin von Reisebüchern beschreibt in "Mein intersexuelles Kind" ihre eigenen Erlebnisse
Clara Morgen veröffentlichte im Transit Verlag ein beeindruckendes Plädoyer gegen ein Denken in nur zwei Geschlechtern – gefördert von der Antidiskriminierungsstelle des Bundes.
Von Bodo Niendel
Intersexuell, was ist das? Ja, genau diese Frage stellen sich Eltern, wenn sie direkt nach der Geburt oder nach dem Besuch eines Kindesarztes damit konfrontiert werden, dass ihr Kind weder männlich noch weiblich sei. Das Kind weist in einem biologischen Sinne beide Geschlechtsmerkmale auf. Clara Morgen schockierte dies – genauso wie viele andere Eltern, die damit konfrontiert werden. Ein Kind jenseits unserer Vorstellungen der Geschlechter.
Morgen, ein Pseudonym, bekam ihr Kind 1984. Bücher, Filme und erst recht das Internet konnten ihr keine Informationen bieten. Die Ärzte präsentierten ihr nach gängiger Lehrmeinung eine Lösung. Sie rieten zur Operation, um ein weibliches Geschlecht herzustellen, denn dies sei auch im Interesse des Kindes. Die Mutter willigte ein, um "klare Verhältnisse" zu schaffen. "Dass ich mit dieser Einstellung damals genau die gesellschaftlichen Erwartungen nach Eindeutigkeit im Geschlecht erfüllte, das ist mir erst viel später, nach und nach klar geworden", schreibt sie im Buch. Und man muss hinzufügen, es tut ihr leid. Denn ihrem Kind wurde ein Teil der Geschlechtsorgane irreversibel entnommen und damit auch ein Teil der Sexualität für immer geraubt. Später konfrontierte ihr nun erwachsenes Kind sie mit dem Vorwurf der Kastration. Doch Clara Morgen handelte halt so, wie es ihre die Ärzte rieten. Wie sollte sie es damals besser gewusst haben?
Ein Leben zwischen den Geschlechtern ist möglich

Eine sehr persönliche Erzählung, ergänzt durch Interviews mit anderen Eltern, Ärztinnen und Ärzten, intersexuellen Menschen und Interessengruppen.
Das Buch "Mein intersexuelles Kind" ist ein Plädoyer gegen ein Denken in nur zwei Geschlechtern und für die Vielfalt der Geschlechter. Abgerundet wird der Bericht durch kurze prägnante Interviews mit Betroffenen und Experten. Clara Morgen möchte aufrütteln und Intersexuellen und ihren Angehörigen Mut machen, dass auch ein Leben zwischen den Geschlechtern möglich ist.
Dieses Buch erscheint zum richtigen Zeitpunkt und tut Not. Denn die Lehrmeinung, dass es für das Kind besser sei, wenn frühkindlich ein Geschlecht operativ hergestellt wird, ist noch nicht völlig ad acta gelegt. Es gibt weiterhin Ärzte, die diese Operationen durchführen. Betroffene und Experten sind sich heute überwiegend einig: Die geschlechtsnormierenden Operationen im Kindesalter müssen unterbunden werden, das Personenstandsgesetz muss geändert, die Selbsthilfe gefördert werden, und in Kitas und Schulen soll die Akzeptanz der sexuellen und geschlechtlichen Vielfalt vermittelt werden. Clara Morgen bringt es auf den Punkt: "Alles, was das starre Männlich/Weiblich-Schema in den Köpfen der Bevölkerung aufweicht und in Frage stellt, ist wichtig und nötig." Dies würde nicht nur Intersexuellen helfen.
Löblicherweise förderte die Antidiskriminierungsstelle des Bundes diese wichtige Veröffentlichung.
Unser Autor Bodo Niendel ist Referent für Gleichstellungs- und queerpolitik der Bundestagsfraktion Die Linke.
Clara Morgen: Mein intersexuelles Kind. weiblich. männlich. fließend. 126 Seiten. Hardcover. Transit Verlag. Berlin 2013. 14,80 €. SBN 978-3-88747-292-4
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Das Kind auf dem Buchcover ist ja völlig verbrannt!