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Österreich beim Grand Prix in Kopenhagen
Weißrussland: Petition gegen Conchita Wurst beim ESC
- 25. Oktober 2013 3 Min.

Conchita Wurst will Europa von sich und der Wichtigkeit von Toleranz überzeugen
Der Travestiestar sorgt nicht nur in der Heimat Österreich für Wirbel.
In Weißrussland gibt es es Aufregung über die Teilnahme von Conchita Wurst beim Eurovision Song Contest. Allerdings haben weder das Land noch der staatliche TV-Sender damit gedroht, den Beitrag nicht auszustrahlen oder wegen der Teilnahme der Travestiekünstlerin aus dem ESC auszusteigen, wie einige Medien berichten.
Stattdessen gibt es nur eine entsprechende Online-Petition gegen den Sender sowie eine Übergabe von Unterschriften an das Innenministerium mit bisher nicht mehr als ein paar tausend Unterstützern – in Österreich selbst kam eine Facebook-Gruppe gegen die Teilnahme von Wurst auf fast 40.000 Mitglieder (queer.de berichtete). Neben klarer Homo- und Transphobie regte sich dabei auch Ärger über den ORF, der Wurst ohne Vorentscheid zum Teilnehmer Österreichs für den Grand Prix in Kopenhagen ausgewählt hatte.
In der weißrussischen Petition, die sich in sozialen Netwerken verbreitete und aus einem unklaren Hintergrund stammt, heißt es, das Land habe sich als eines der wenigen in Europa Familienwerte bewahrt, die auf der Liebe und gegenseitiger Unterstützung von Mann und Frau basierten. Nun würden die Kinder mit europäisch-liberalen Werten befüllt und das Land drohe, eine "Brutstätte für Sodomie" zu werden.
Brot und Spiele
Weißrussland ist ein totalitäres Regime, das wegen mangelnder Versammlungs- und Vereinigungsfreiheit bei Schwulen- und Lesbenrechten noch schlimmer dasteht als Russland. Teilnehmer eines vorab verbotenen CSDs wurden in Minsk anders als in Moskau nicht für wenige Stunden, sondern gleich für mehrere Tage festgenommen und danach teilweise von der Uni geworfen. Diktator Alexander Lukaschenko machte sich immer wieder durch homophobe Äußerungen lächerlich.
Doch zugleich ist der Contest beliebt im Volk und verspricht Lukaschenko einen Imagegewinn – den Junior Eurovision Song Contest ließ er bereits in Minsk abhalten, was der EBU wenige Jahre vor dem umstrittenen Wettbewerb in Aserbaidschan erstaunlich wenig Kritik einbrachte. Sollte das Land Teile des ESC nicht ausstrahlen, drohen ihm von einer inzwischen alarmierten EBU empfindliche Strafen bis zu einer mehrjährigen Nicht-Teilnahme.
Konkurrenz durch die Türkei?
Es ist daher eher nicht davon auszugehen, dass die Petition zu einem Problem wird. Ohnehin hat Weißrussland wie alle teilnehmenden Länder bislang alle schwulen, lesbischen und Trans-Beiträge des Grand Prix ausgestrahlt, wie auch alle gleichgeschlechtlichen Küsse.
Gerüchte, die Türkei habe den ESC in diesem Jahr wegen des Frauen-Kusses im finnischen Beitrag nicht gesendet, erwiesen sich als haltlos: Der Sender hatte vorab eine Teilnahme abgesagt und sich dann auch nicht die Ausstrahlungsrechte besorgt. Als Nicht-Teilnehmer hätte er Szenen zensieren können, wie es kürzlich das chinesische Staatsfernsehen bei der ersten ESC-Ausstrahlung bei dem finnischen Kuss machte (queer.de berichtete).
Inzwischen hat die Türkei, die sich mit der EBU in einem undurchsichtigen Dauerstreit befindet, einen eigenen Song Contest ins Leben gerufen, der bereits im Dezember mit zwanzig Ländern stattfindet – darunter Bosnien-Herzegowina, das beim Grand Prix in Kopenhagen nicht mehr vertreten ist.
Auf Dauer könnte das für den ESC zu einer problematischen Konkurrenz werden; auch die schwule Komponente könnte dem neuen Wettbewerb fehlen, was allerdings nicht als Beweggrund für die Abspaltung gilt.
Neben einigen fast unbekannten Ländern und Regionen wie Altai oder Baschkortostan sind unter anderem auch Aserbaidschan und Weißrussland bei der ersten "Türkvizyon"-Ausgabe dabei. Trotzdem glaubt derzeit niemand, dass diese Länder die Chance verstreichen lassen wollen, sich beim ESC von der vermeintlich guten Seite zu zeigen. Weißrussland hat eine Teilnahme in Kopenhagen bereits bestätigt. (nb)










