https://queer.de/?20359
Mit Pistole und Baseballschläger
St. Petersburg: Angriff auf LGBT-Organisation, Aktivist verliert durch Schuss Auge
- 04. November 2013 5 Min.

Der junge LGBT-Aktivist Dima, links auf einem früheren Foto, wurde durch einen Schuss schwer an einem Auge verletzt (Röntgenbild des Gesichts rechts). Er werde damit nicht mehr sehen können, gab er am Montag bekannt.
Zwei vermummte Männer stürmten eine Gesprächsrunde für Schwule und Lesben der Aids-Organisation LaSky. Zwei Teilnehmer wurden dabei schwer verletzt.
Von Norbert Blech
Neuer Schock für die Szene in St. Petersburg: Am Sonntag stürmten gegen ca. 19.30 Uhr Ortszeit zwei maskierte Männer ein geschlossenes Treffen für Schwule und Lesben im Community-Zentrum der Organisation LaSky, die im Bereich der HIV-Prävention arbeitet. Während ein Mann mit einer Druckluftwaffe um sich schoss, attackierte ein anderer die Besucher mit einem Baseballschläger.
Bis zu 30 Teilnehmer hatte das "Regenbogencafé", zwei wurden bei dem Überfall schwer verletzt: Auf einen jungen Mann wurde im Eingangsbereich zweimal geschossen. Eine Kugel blieb dabei im Auge oder in Teilen davon stecken. Am Montag gab der 27-Jährige in einem sozialen Netzwerk an, das das Auge auch nach einer Notoperation verloren ist. Eine junge LGBT-Aktivistin erlitt zudem durch Schläge mit dem Baseballschläger Prellungen. Die Täter flüchteten nach diesem kurzen Überfall; sie hätten noch erheblich mehr Schaden anrichten können.
Die Polizei hat erste Ermittlungen aufgenommen, die Hintergründe der Tat sind zunächst unklar. Allerdings wird mit einem rechtsradikalen Hintergrund gerechnet: "Wir glauben, dass das eine Racheaktion für den gestrigen 'Marsch gegen Hass' ist", sagte die am Rücken verletzte Aktivistin Anya, die selbst an diesem Marsch teilgenommen hatte. In rechten Internet-Foren habe es am Sonntag Ankündigungen gegeben, man solle auf die Nachrichten achten.
"Pogrome werden Wirklichkeit"

Die bei dem Angriff verletzte Anya bei einer LGBT-Demo. Bereits beim CSD in St. Petersburg im Sommer war sie verletzt worden.
Am Samstag hatten sich zahlreiche LGBT-Aktivisten mit Regenbogenflaggen an einer größeren Demonstration gegen Rechts beteiligt, worüber auch das "Heute-Journal" des ZDF in einem sehenswerten Beitrag berichtete.
"Pogrome werden Wirklichkeit", schrieb die russische Aktivistin Anastasia Smirnowa vom LGBT-Netzwerk zu dem Überfall am Sonntag bei Facebook. "Unter Schwulen, Lesen, Bisexuellen und Transgender ist der Überfall eine neue Stufe in der homophoben gesellschaftlichen Stimmung in Russland – Angriffe geschehen nun nicht mehr nur bei öffentlichen Aktionen, sondern betreffen auch geschlossene Veranstaltungen in den Räumen von NGOs", sorgt sich die deutsch-russische Gruppe Quarteera.
Laut LaSky hatte es auf der russischen Facebook-Variante VKontakte bereits vor einem Monat Aufrufe zu Aktionen gegen das Zentrum gegeben. "Die heutige Attacke ist das Ergebnis der Eskalation des homophoben Klimas in der Stadt", schrieb die Organisation am Montag in einer Pressemitteilung.
Am Abend bedankte sich das Projekt LaSky bei Menschen und Organisationen aus aller Welt, die das Zentrum nach dem Vorfall aus Solidarität angeschrieben hatten: "Wir sind nicht allein – und das ist sehr wichtig!" Die Attacke sei wohl als Abschreckung gedacht gewesen: "Sehr wahrscheinlich glaubten sie selbst nicht, jemanden eine so schwere Verletzung zuzufügen". Aber sie wollten einschüchtern, "uns noch unsichtbarer machen, als wir ohnehin schon sind."
Das Community-Zentrum werde so schnell wie möglich an diesem oder an einem anderen Ort öffnen, mit verstärkten Sicherheitsvorrichtungen. Inzwischen haben verschiedene Gruppen zu einer Demonstration am Dienstag auf dem Marsfeld in St. Petersburg aufgerufen. Dort fand im Sommer auch der CSD statt, der in Verhaftungen und Angriffe durch Nationalisten endete (queer.de berichtete). Bereits damals war die 22-jährige Anya verletzt worden.
Solidarität aus Berlin
Die Organisation LaSky hatte kürzlich ihren achten Geburtstag gefeiert, Stephan Jäkel von der Schwulenberatung Berlin und Ludger Schmidt von der Deutschen Aids-Hilfe waren dabei zu Gast und haben im DAH-Blog darüber berichtet. "Der gestrige Angriff auf das 'Regenbogen-Café' trifft LaSky ins Mark", sagt Jäkel. "Bei unserem Besuch vor 14 Tagen haben wir in diesem Café trotz der homophoben Stimmung im Land eine diskussionsfreudige und freundlich-entspannte Atmosphäre vorgefunden. Uns wurde gesagt, wie wichtig solche Räume für die Community sind, in denen sie sich offen und unbefangen geben und gegenseitig unterstützen können. Ich hatte den Eindruck, dass sie sich dort sicher fühlen. Ich habe größte Achtung vor den Mut der Menschen dort, die für ihre elementaren Menschenrechte auf die Straße gehen. Sie benötigen unsere Solidarität und Unterstützung."
Inzwischen hat die Schwulenberatung Berlin einen eigenen Bericht zu dem Angriff verfasst, zusammen mit der Deutschen und der Berliner Aids-Hilfe sowie zik wurde auch eine gemeinsame Pressemitteilung verfasst. "Homophobie tötet", sagte DAH-Vorstand Carsten Schatz. "Wir dürfen die Opfer der Gewalt und die demokratischen Kräfte in Russland jetzt nicht alleine lassen. Politik und Wirtschaft demokratischer Länder stehen in der Pflicht, gegenüber der russischen Regierung klar Position zu beziehen – auch mit Blick auf die bevorstehenden olympischen Winterspiele in Sotschi."
Russische Neonazis stören Treff in der Ukraine

LGBT-Aktivisten bei einer Demo gegen Rechts in St. Petersburg am Samstag. War der Überfall am Sonntag Rache dafür?
Vor rund einem Jahr hatten bereits maskierte Männer einen LGBT-Club in Moskau überfallen und mehrere Teilnehmer verletzt (queer.de berichtete), die Hintergründe wurden nie aufgeklärt. Seit Monaten locken zudem mehrere Neonazigruppen aus allen Ecken Russlands junge Schwule in eine Falle: Sie werden bei einem Treffen gedemütigt und zu einem Coming-out gezwungen, die teils gewalttätigen Videos dazu ins Netz gestellt (queer.de berichtete). Im Fall eines vorgeführten Zwölfjährigen wurden die Ermittlungen ohne Anklage eingestellt (queer.de berichtete), gegen eine andere Neonazigruppe wird noch ermittelt (queer.de berichtete).
Laut einem ukrainischen Medienbericht lebt einer der führenden Neonazis der "Occupy Pedophilia"-Bewegung, Maxim Martsinkewitsch, inzwischen im ukrainischen Odessa – und ist nun dort aktiv: Auf seine Aufforderung in einem sozialen Netzwerk hin kamen am Sonntag 150 Neonazis zum Club Domino, in dem ein Drag-Queen-Contest stattfinden sollte.
Dem Bericht zufolge riefen die Organisatoren die Polizei, die die Neonazis vertreiben konnte. Der Contest konnte ohne weitere Störung abgehalten werden. Einem weiteren Bericht zufolge kommen jetzt allerdings auch aus der Ukraine Bilder und Videos von gedemütigten Jugendlichen – Maxim Martsinkewitsch ist darauf klar als Anführer zu erkennen.
mehrfach aktualisiert, zuletzt 20.15h: Neue Stellungnahme von LaSky















ja#c8