https://queer.de/?20876
Mit Regenbogenfahne erhängt
Aserbaidschan: LGBT-Aktivist nimmt sich das Leben
- 22. Januar 2014 3 Min.

In Interviews hatte sich Isa ein mit Regenbogenflaggen geschmücktes Baku gewünscht
Der erst 20-jährige Vorsitzende von "Free LGBT Azerbaijan" wurde am Mittwoch in Baku tot aufgefunden. Er hatte sich mit einer Regenbogenflagge erhängt.
In der aserbaidschanischen Hauptstadt Baku hat sich am Mittwoch der 20-jährige Isa S. das Leben genommen, der Vorsitzende der Homo-Organisation "Free LGBT Azerbaijan". Er sei nicht stark genug, um die Welt auf seinen Schultern zu tragen, hatte er zuvor auf Facebook in einem Eintrag geschrieben.
Eine alarmierte Freundin fand den leblosen Körper des Mannes – er hatte sich mit einer Regenbogenflagge erhängt. Ihr und erst später eingetroffenen Sanitätern war es nicht möglich gewesen, das Leben des Aktivisten zu retten.
Obwohl man nach diesen Umständen von einer Reaktion auf allgemeine oder konkrete Homophobie als (einen) möglichen Hintergrund des Freitodes schließen kann, verbieten sich zunächst Spekulationen. Auf Facebook schrieb ein Mitglied von "Free LGBT Azerbaijan", Familie und Freunde erwünschten sich Geduld für eine gründliche Aufklärung.

Isa hatte in sozialen Netzwerken seinen Abschied verkündet
Das aserbaidschanische Fernsehen griff den Selbstmord am Abend in verstörenden Bildern auf: Abwechselnd zeigte es Szenen eines Interviews mit einem strahlenden Isa aus dem letzten Herbst, in dem er stolz von seinem Coming-out erzählte, dann unverpixelt Ausschnitte, wie Sanitäter ihn wiederzubeleben suchen. Im Hintergrund oben an der Wand: Ein Fetzen einer Regenbogenflagge. Als die Sanitäter aufgeben, fahren einem die Schreie der Angehörigen durch alle Glieder.
Isa, dessen Vorname die arabisch-muslimische Entsprechung für Jesus ist, hatte sich in der Facebook-Message bei seiner Mutter bedankt, die er nun zurücklässt. Und auch geschrieben: "Ihr seid alle Schuld an meinem Tod." Er könne in diesem Land, auf dieser Erde nicht mehr leben; die Welt habe nicht genug Farben für seine Farben. In dem TV-Interview hatte er gesagt: "Ich hoffe, dass ich eines Tages den Tag erlebe, an dem die Straßen von Baku in Regenbogenflaggen geschmückt sind."
Das schwule Leben in Baku und dem Rest Aserbaidschans findet größtenteils im Verborgenen statt, woran auch der Eurovision Song Contest im vorletzten Jahr wenig änderte. Damals mussten die wenigen öffentlichen Aktivisten wie Ruslan Balukhin von gay.az oder Vugar Adigozalo von Isas Free LGBT sogar erklären, keinen CSD veranstalten zu wollen, nachdem Medien fälschlicherweise von einer entsprechenden Planung berichtet hatten. Homosexuelle Handlungen sind erst seit dem Jahr 2000 legalisiert, es gibt Berichte über Gewalt und Erpressung durch die Polizei, Gerüchte über Homosexualität werden von Politikern und Medien gegen Gegner gestreut. Dass ein 20-Jähriger in Interviews offen über seine Homosexualität sprach, galt als Lichtblick.
Für Jugendliche, die in Deutschland Unterstützung beim Umgang mit ihrer sexuellen Orientierung oder einfach Freunde suchen, gibt es zahlreiche LGBT-Jugendgruppen und -zentren (eine nicht mehr ganz aktuelle Liste gibt es hier). Auch mehrere Webseiten, etwa dbna (Du bist nicht allein) oder die des bundesweiten Jugendnetzwerks Lambda, richten sich gezielt an junge Schwule, Lesben, Bisexuelle und Transgender. Aufklärungsprojekte wie SchLAU gehen gezielt in Schulen und suchen immer wieder Mitstreiter. (nb)

Am Donnerstag wurde Isa beigesetzt
Update 23.1., 10h: Weitere Informationen
Der Tod des Aktivisten hat weltweit Betroffenheit ausgelöst. Im türkischen Ankara wird es am Sonntag eine Mahnwache geben. Isas Organisation Free LGBT, in deren Büro sich der junge Mann das Leben genommen hatte, hat darum gebeten, bei seiner Beerdigung farbenfrohe Kleidung zu tragen.
In einem englischsprachigen Interview hatte Isa im letzten Herbst mehr über sein schwieriges Coming-out und die Lage von LGBT in Russland erzählt.
Update 12.15h: Vorfall bei Beerdigung
Isa wurde am Donnerstag in der Kleinstadt Bina beerdigt. Dabei kam es zu unschönen Szenen: Bewohner der Stadt mit rund 26.400 Einwohnern bedrohten Besucher der Beerdigung mit Steinen. Journalisten wurden angefeindet, eine Kamera von ANS TV beschädigt.













