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Lush-Kampagne zu Olympischen Winterspielen
Sotschi, der Rosa Winkel und das Geld
- Von Norbert Blech
27. Januar 2014 5 Min.
Während Sponsoren der Olympischen Winterspiele keine Haltung zum Putin-Regime zeigen, will eine andere Firma den Protest kommerzialisieren. Ausgerechnet am Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus nutzt sie dazu den Rosa Winkel.
Eigentlich ist das ja eine gute Sache: Das britische Kosmetik-Unternehmen Lush startet in seinen 700 Filialen in über 40 Ländern unter dem Titel #SignOfLove eine Kampagne gegen die homophobe Politik Russlands – ein aufmunterndes Zeichen an LGBT vor Ort ebenso wie ein Zeichen an die eigenen Kunden und Mitarbeiter.
Eine gute Sache, gerade im Vergleich zu den Sponsoren der Olympischen Winterspiele, die derzeit keine rechte Distanz zum Putin-Regime finden, und vielen anderen Firmen, die sich in der Frage nie engagieren würden.
Eine gute Sache, wäre da nicht die Kampagne selbst und die Art, wie sie Medien verkauft wird. Es geht um ein pinkes Dreieck, das sich Kunden per Lippenstift anmalen oder in den Filialen anmalen lassen sollen, was dann zu Fotos in sozialen Netzwerken und letztlich wohl vor allem zu PR für Lush führen soll. Ein Verdacht, der sich nach dem Studieren der Presseunterlagen aufdrängt.
Zunächst erreichte uns am Morgen eine Pressemitteilung der Schweizer Abteilung des Konzerns, eine reine Textmeldung, in der es hieß:
Drei Wochen lang werden weltweit Bilder mit dem "Rosa Winkel" gesammelt. Das rosafarbene Dreieck ist seit den späten 70er Jahren ein international anerkanntes Zeichen für den Protest zugunsten der LGBT Bewegung und ihrer Rechte.
Am Nachmittag folgte dann die Version aus Deutschland bzw. der PR-Agentur Hermanns aus Köln (PDF 1, 2), mit vielen Bildern und zusätzlichen Infos ("Das satte Pink des verwendeten Lippenstifts namens Glaube – ein flüssiger Lippenstift auf der Basis von Bio-Jojobaöl, Candelilla- und Rosenwachs der dekorativen Kosmetiklinie Emotional Brilliance von Lush – hat Signalwirkung"). Und dem folgenden Satz:
Als international anerkanntes Zeichen steht das rosafarbene Dreieck seit den späten 70er Jahren für den Protest zugunsten der Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender und Queer (LGBTQ) Gemeinschaft.
Das steht so in zwei Pressemitteilungen, die an diesem Montag, an einem 27. Januar verschickt wurden. Am Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus. An einem Tag, an dem weltweit Menschen in Demut Reden halten und Kränze niederlegen. Und das auch in Erinnerung an die homosexuellen Opfer des Terror-Regimes (wie auf dem Bild rechts soeben am Homo-Mahnmal in Berlin), oft an Denkmalen in der Form des Rosa Winkels, mit dem die Nazis diese Menschen kennzeichneten.
Darauf bezog sich die Homo-Bewegung, als sie das Symbol aufgriff. Darauf bezieht sich heute ausdrücklich die russische Gruppe "Russian Straight Alliance for LGBT Equality", wenn ihre Mitglieder auf Demos, auf denen sie verhaftet werden, T-Shirts mit dem Rosa Winkel tragen.

Der Rosa Winkel ist nicht einfach "ein international anerkanntes Zeichen für die RECHTE Homosexueller", wie Lush schreibt, sondern das Symbol für die VERFOLGUNG Homosexueller und des Widerstands dagegen. Wer diese Vorgeschichte und Erklärung des Protest-Symbols verschweigt, zeigt entweder ignorante Geschichtsvergessenheit oder die Angst, zu wenig nach einer unbeschwerten Lifestyle- und Konsumbotschaft zu klingen – dass Lush den NS-Hintergrund auf der deutschen Homepage in einem Nebensatz, nicht aber in den Pressemitteilungen erwähnt, lässt letzteres erahnen wie auch der unverbindliche Lush-Slogan "We believe in Love", der mehr nach Eurovisiontrallalamotto als nach Protestparole klingt (die deutsche Version, "Wir glauben an Liebe für alle und jeden", ist nur bedingt besser).
In dem Zusammenhang ist es auffällig, dass Lush den "Rosa Winkel" auf den Kopf stellt. Nun ist es vielleicht gut, dass der Konzern seine Läden nicht mit dem Original-Winkel kennzeichnet.

Zugleich aber tauchen auf Twitter und Instagram Fotos von hübschen jungen Leuten auf, die sich mit einer Fahne mit dem umgedrehten Pink Triangle oder entsprechend bemalten Gesichtern an Protesten vor russischen Botschaften beteiligen. Das auf den Kopf gestellte Dreieck war mal das – alleinige – Symbol der wütenden Act-Up-Bewegung (die sich dabei klar auf den Rosa Winkel bezog), nun ist es ein halbpolitisches Fashion-Accesoire. Man kann sich vorstellen, wie da Lush-Winkel-Träger bei den Demos aufeinander treffen und schnell bei einer Diskussion über die neuesten Angebote der Kette landen.

Lush hat sich für die Kampagne die umtriebige US-LGBT-Organisation allout.org ins Boot geholt, die mit teils arg plakativen viralen Aktionen zur Unterzeichung von oft sinnlosen Online-Unterschriftensammlungen auffordert und dabei zugleich für Spenden wirbt – hauptsächlich für sich selbst. Damit geht der Ausverkauf der Bewegung übrigens nur weiter: Bereits im letzten Herbst hatten Lush und allout.org eine "Rosa Winkel"-Aktion durchgeführt.
Der aufgewärmte Protest "gegen die Entrechtung Homosexueller in Russland", von Lush ernsthaft "Foto-Petition" genannt, "gipfelt mit der Zustellung aller gesammelten Bilder an die russische Botschaft in Bern am Valentinstag", schreibt noch die schweizer Abteilung des Konzerns, in der deutschen darf sich die Botschaft Unter den Linden über ein Fotobuch freuen. Womit Schwulen, Lesben und Transsexuellen in Russland nun endlich mal geholfen ist. "Wir werden nicht damit aufhören, eindeutige Signale an die russische Regierung zu senden", sagt Tanja Umbach, "Brand Managerin" von Lush Deutschland in ihrer Pressemitteilung.
Die Lush-Filialen in Russland nehmen an der Aktion übrigens nicht teil, weil man nach eigener Aussage damit gegen das Gesetz gegen "Homo-Propaganda" verstoßen könnte. In den anderen Ländern sollen hingegen noch lokale Sportverbände gebeten werden, bei der Aktion mitzumachen – das andere gehypte Medien-Thema aus dem LGBT-Bereich, Sport und speziell Fußball, will man sich offenbar auch nicht entgehen lassen. Man sehnt die Zeiten zurück, als sich PR-Abteilungen mit Scheck-Übergaben begnügten, die halfen wenigstens den Empfängern.
Wie es besser geht, zeigt in diesen Tagen etwa die "taz". Die bietet einfach ein zweiwöchiges Sotschi-Probeabo für zwanzig Euro an, wovon zehn an die deutsch-russische LGBT-Organisation Quarteera gehen. Der kleine Verein braucht derzeit Unterstützung, um einer zunehmenden Zahl von Flüchtlingen und Asyl suchenden LGBT aus Russland mit Beratung helfen zu können. Auch das Berliner SchwuZ gibt im Februar einen Euro von jedem Eintrittsgeld an Quarteera und sammelt beim Getränkeverkauf Spenden.
Wer sich weiter engagieren möchte: Auf der Quarteera-Homepage gibt es Details zu einem Spendenkonto für absetzbare Zuwendungen. Und in den nächsten Tagen gibt es einige Demos und Veranstaltungen in Berlin, Hamburg und München. Um unlasche Teilnahme wird gebeten. (nb)
Fotos: Jörg Steinert, Russian Straight Alliance for LGBT Equality, Instagram















Richtig wichtig finde ich es jedoch, dass LGBT-Medien sich damit kritisch auseinander setzen, statt jeden dahin geworfenen Brotkrumen an gut gemeinter Charity-Gönnerhaftigkeit bedenkenlos mit einem lieben Dankeschön zu schlucken.