https://queer.de/?20963
Konferenz vor Sotschi
"Wir müssen die Leute von uns überzeugen"
- 04. Februar 2014 7 Min.

Von links: "taz"-Chefin Ines Pohl, Andrew Obelensky (Rainbow Association), Waleri Sosajew (LaSky) und Marcel De Groot von der Schwulenberatung lauschen einem Bericht von Anna Prutskowa (Lubi, Mitte). (Bild: Stefan Lutz)
Auf der Tagung "Gold for Equal Rights" in Berlin erzählten LGBT-Aktivisten aus Russland von ihren Befürchtungen und Erfolgen.
Von Norbert Blech
Sie werde jetzt traurig werden müssen, entschuldigt sich Anna Prutskowa. Das sympathische Lächeln der jungen Gründerin der St. Petersburger Bisexuellen-Gruppe Lubi ist da längst verflogen wie das Funkeln und der Fokus ihrer Augen. Dann erzählt sie von dem Überfall auf einen Treff für LGBT-Jugendliche in den Räumlichkeiten der Aids-Organisation LaSky.
Anna stand im Eingang, als Maskierte im letzten November das Haus stürmten. Sie wurde durch Schläge mit einem Baseballschläger verletzt, ihr Freund Dima verlor durch einen Schuss mit einer Pneumatikwaffe ein Auge. Seitdem werden Veranstaltungen wie diese nicht mehr öffentlich beworben; einige Teilnehmer kommen nicht mehr, einige leiden laut der Haus-Psychologin an Symptomen, die an Posttraumatische Belastungsstörungen erinnern. "Es ist wie im Krieg", sagt Anna. Sie war bereits bei einer Demo im Sommer angegriffen und verletzt worden. Derzeit sieht sie sich "nicht in der Verfassung für neue Proteste".
Schlimme Berichte wie diese hatte fast jeder der elf Aktivisten aus Russland im Gepäck bei der Tagung "Gold for Equal Rights", die an diesem Samstag im Roten Rathaus in Berlin stattfand. Die Gesetze in Russland werden homophober, Fälle von Diskriminierung und Gewalt krasser und häufiger. Der Umgang mit dem Erlebten ist unterschiedlich: Die einen sind eingeschüchtert, die anderen hält nicht mal mehr angedrohte Gewalt von Protesten ab, berichtet Anna. Dima, der das Auge verlor, kämpft dafür, dass die Polizei aufgrund eines Hassverbrechens ermittelt – und nicht wie derzeit aufgrund von "Hooliganismus". Und er hat eine Organisation gegründet, "Stop Hate", um den Kampf gegen Gewalt zu aufzunehmen.
HIV-Aufklärung in Zeiten des "Propaganda"-Gesetzes
Organisiert wurde die gut besuchte Tagung mit Unterstützung von Quarteera von der Schwulenberatung in Berlin und der Deutschen sowie der Berliner Aids-Hilfe, die kurz vor dem Überfall bei LaSky in St. Petersburg zu Besuch gewesen waren. LaSky ist eine landesweite Aids-Organisationen für schwule Männer mit Hauptsitz in Moskau, sie arbeitet in zwölf Regionen und verfügt über drei Zentren – und hat neben einem drohenden finanziellen Aus auch mit internen Streitigkeiten zu kämpfen, etwa bei der Frage, ob man Minderjährige wegen des "Propaganda"-Gesetzes abweisen muss. Und sollte. Es gibt Lockvögel, die Fragen sind nicht unberechtigt. Zugleich ist Aufklärung dringend nötig: Es gibt keine Sexualkunde in russischen Schulen, in den Medien fehlt die Thematik ebenfalls.
Entsprechend hoch sind die HIV-Infektionsraten, auch unter schwulen Männern; derzeit sind offiziell 750.000 Menschen mit dem Virus infiziert, Organisationen rechnen mit dem Doppelten. Dass laut offiziellen Meldungen Kontakte zwischen Männern nur ein Prozent der Infektionen ausmachen, zeigt eine doppelte Stigmatisierung. Sehr viele Schwule würden sich nie als schwul bezeichnen oder gar ansehen, heißt es auf der Tagung. So wie viele auch der Idee anhängen, dass sie mit den LGBT-Aktivisten nichts zu tun haben.
Das erschwert die Prävention zusätzlich. Man schickt Aufklärungstrupps in Szeneclubs und auf Festivals, berichtet Waleri Sosajew von LaSky in St. Petersburg, aber bereits bei Cruising-Orten verzichte man aus Sicherheitsgründen auf Aufklärung. Dating-Portale und -Apps spielen gerade in einem homophoben Land eine große Rolle, ihre Nutzer sind kaum zu erreichen. Die homophobe Politik verstärkt den Rückzug der Menschen aus dem öffentlichen Leben.
Immerhin gibt es eine kostenlose HIV-Therapie für Infizierte, aber nur an ihrem gemeldeten Wohnort. In manchen Regionen seien die Rationen öfters knapp und es gebe eine inoffizielle Reihenfolge, wer dann Medikamente zuerst bekommt, so Sosajew. "Schwule sind am Ende der Liste", müssten auch mal Tage ohne Therapie auskommen.

Die Ängste der Teilnehmer
Das Beispiel von LaSky zeigt die Probleme, die Gesetze wie das gegen Homo-"Propaganda" und das dadurch homophobere Klima aufwerfen; aus den anderen Organisationen hört man eigene, aber verwandte Probleme. Es gibt viele weitere Bereiche der alltäglichen Homophobie, sie wurden hier oft erwähnt und seien nur kurz angerissen: Aktivisten haben zunehmend Schwierigkeiten, Räumlichkeiten für Treffen zu finden, werden in den Staatsmedien immer verzerrter dargestellt, werden von keinen Parteien gestützt, im besten Fall von ihnen ignoriert. Transsexuelle haben eine in Teilen bessere Gesetzeslage als in einigen Regionen Europas, werden im Alltag aber oft geächtet – drei regionale "Propaganda"-Gesetze umfassen auch sie.
Aktivisten befürchten eine neue Welle von Verfolgungen von LGBT-Organisationen nach dem Gesetz gegen internationale "Agenten" und die Verabschiedung aufgeschobener Gesetze, die Schwulen die Blutspende verbieten und homosexuellen Eltern das Sorgerecht für ihre Kinder nehmen. Man befürchtet eine Verschlimmerung der Lage nach den Spielen, wenn weniger Leute hinschauen. Vor allem befürchtet man die Auswirkungen der Gesetze, die Gewalt. "Unsere Priorität ist die Sicherheit", sagt die Anwältin Maria Koslowskaja vom LGBT Network. Es gibt eine 24/7-Hotline und gut belegte Selbstverteidigungskurse.
Zugleich erfährt man, dass die Moskauer Rainbow Association für diesen Samstag eine Demonstration zu den Spielen plant, und dass es mit einem immer mal wieder nebenbei erwähnten internationalen LGBT-Sportfestival Ende Februar in der Hauptstadt Moskau doch noch etwas werden könnte. Auch aus Berlin gibt es Interessenten an den Russian Open Games, aber noch hat sich niemand ein Visum besorgt. Zum Moskauer CSD werden hingegen definitiv Unterstützer aus Deutschland einreisen.
Der Mut der Jungen

Bulat, Chef einer Marketingagentur, kämpft in Nowosibirsk mit Botschaften. So hing seine Organisation Gord ein Plakat an eine Verkehrsbrücke mit der Aussage, dass Männer, die Schwule hassen, in Experimenten oft ein Interesse an anderen Männern zeigten. (Bild: Stefan Lutz)
Die Proteste aus der russischen Szene nehmen zu: "Die Gesetze haben uns gestärkt", meint Andrew Obelensky von der Rainbow Association. "Immer mehr wollen ihre Rechte verteidigen. Es gibt mehr Coming-outs." Gerade Jugendliche seien "großartig und mutig", findet Maria Koslowskaja. Es sei falsch, dass Leute, die sich verstecken oder aus dem Aktivismus zurückhalten, nicht von der Gesetzgebung betroffen seien. Die Jungen spürten das, verstärkt auch durch den Austausch in sozialen Netzwerken.
Dort verbreiten die Jugendlichen internationale Serien und Filme mit Rollenmodellen, die im russischen Fernsehen fehlen – mit eigens erstellten Übersetzungen als Untertitel, berichtet der Aktivist Bulat Barantaew aus Nowosibirsk. Sie verlinken auch die Nachrichten und Reportagen der wenigen Medien, die ausgewogen berichten. Der 30-jährige Aktivist hat selbst erlebt, wie die Staatspresse gewöhnlich mit dem Thema umgeht: Er ist kürzlich Vater geworden von einem Kind, das bei einem lesbischen Paar aufwächst und um dass er sich selbst dreimal die Woche liebevoll kümmert. "Bei einem Interview dazu haben sie Bilder von mir in Lederkluft bei einem CSD-Besuch gezeigt." Die Aufmachung entsprechender Artikel und TV-Berichte erinnert oft an kreuz.net.
Dass nach der professionellen Agentur RIA Novosti nun auch dem unabhängigen TV-Sender Doschd das Aus drohen könnte, besorgt alle Aktivisten. Das Ausland müsse die Menschenrechtslage in Russland, die Presse-, Versammlungs- und Meinungsfreiheit immer wieder ansprechen, von der großen Politik über den Sport bis zu den Städtepartnerschaften, heißt es immer wieder. Und das natürlich auch in Sotschi: "Wer nicht hinfährt, findet keine Erwähnung in den Medien", sagt Bulat. Anders als etwa Elton John oder Lady Gaga, deren Solidaritätsadressen auch über die Massenmedien verbreitet wurden. Wer Boykotte und ähnliches fordert, fördert nur die Isolation der Community.
Kampf im eigenen Land nicht vergessen

Wanja Kilber von Quarteera befürchtete, dass Putin nach den Spielen seinen Kampf für vermeintliche Werte noch mehr nach Europa tragen werde. Von der aus Russland finanzierten "Compact"-Konferenz führe eine Linie zu dem Streit um den Bildungsplan. Nur wenn man hier entschlossen den Anfängen wehre und gleiche Rechte im eigenen Land durchsetze, könne man auch in Russland seine Stimme erheben und Erfolg haben. (Bild: Stefan Lutz)
Über die breite Unterstützung und Spenden aus dem Ausland freue man sich ebenso wie über Proteste in allen Ecken der Welt – möglichst mit einer positiven Betonung des homosexuellen Lebens, weniger mit platten Putin-Bildern oder gar Russenfeindlichkeit. Genauso freut man sich, das hört man immer wieder, über Erfolge der ausländischen Bewegungen in ihren eigenen Ländern. Ein internationaler Austausch wie diese Konferenz sei immer hilfreich, lobten die meisten Besucher, Einladungen an Jugendliche zu CSD-Veranstaltungen im Ausland weckten Selbstbewusstsein, Mut und Hoffnung.
Die eigentliche Arbeit kann das Ausland den Russen aber nicht abnehmen: "Harvey Milk hat die Leute dazu aufgerufen, sich zu öffnen", sagt Bulat. "Auch ich muss noch mehr aus meinem persönlichen Leben erzählen". Durch die private Überzeugungsarbeit würden immer mehr Menschen aus seinem Umfeld offener. "Wenn man sich selber nicht für normal hält, wird das niemand anderes glauben."














