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Hauptstadt auf Droge
Die Zeitreise des Matthias Frings
- 16. März 2014 5 Min.

Matthias Frings, 1953 in Aachen geboren, lebt seit 35 Jahren in Berlin. In den 1980er Jahren veröffentlichte er mehrere Sachbücher, darunter den legendären schwulen Ratgeber "Männer. Liebe" (Bild: Wiki Commons / Milena Schlösser / CC-BY-SA-2.0)
In seinem neuen Roman "Manchmal ist das Leben" erzählt der Ex-"Liebe Sünde"-Moderator von Freundschaft, Wandel und Tod im Berlin der 1990er Jahre.
Von Angelo Algieri
Berlin, Sommer 1995. Der Reichstag wird verhüllt. Das Künstlerpaar Christo und Jeanne-Claude hat 24 Jahre lang dafür gekämpft, bis der Bundestag endlich sein Okay gab – trotz Missbilligung des damaligen Bundeskanzlers Helmut Kohl. Ein Highlight für die wiedervereinigte Hauptstadt. Massen pilgerten, übernachteten, grillten. Eine Riesenparty!
Während der Reichstag verhüllt wird, enthüllt Matthias Frings in seinem neuen Roman "Manchmal ist das Leben" Personen mit Schicksalen, Abgründen und persönlichen Wendungen. Der in Berlin lebende Journalist, Jahrgang 1953, arbeitete jahrelang beim Sender Freies Berlin (SFB), war Moderator bei "Liebe Sünde" Mitte der 1990er Jahre. Als Autor sorgte er im Jahr 2009 mit seiner Schernikau-Biografie "Der letzte Kommunist" für Furore und wurde mit der Nominierung des Preises der Leipziger Buchmesse honoriert. Nicht nur Sachbücher schreibt Frings, sondern auch Romane wie seine Medien-Satire "Ein makelloser Abstieg" (queer.de besprach).
Ein Schwuler infiziert seinen Hetero-Freund mit HIV

Im Jahr 1995 wurde der Reichstag verpackt. Matthias Frings erinnert an ein Berlin, in dem irgendwie jeder kreativ war (Bild: Arne List / flickr / by-sa 2.0)
Doch zurück zur Neuerscheinung, die im kleinen Querverlag erschienen ist: Im Mittelpunkt des Romans stehen Fex, 39 Jahre, und Hahn, 41 Jahre alt. Sie sind seit ihrer Jugend befreundet. Hahn, hetero, ist seit über einem Jahr mit Isa zusammen. Er ist Radioreporter für den SFB. Er hängt gerne mit Fex zusammen. Der wiederum hat sich anfangs in Hahn verliebt – und hat sich letztlich damit abgefunden, ihn platonisch gern zu haben. Fex jobbt mal hier, mal dort. Er möchte sich nicht festlegen, weder beruflich noch privat.
Doch ihre langjährige Freundschaft wird auf eine harte Probe gestellt: Hahn erfährt, dass er HIV positiv ist. Es steht bereits schlecht um ihn: Er ist bereits in Phase 2 von 3 Aids-Stufen. Doch wo hat er sich bloß angesteckt? Bei seinen Ex-Freundinnen? Den wenigen One-Night-Stands? Eine aus Rumänien? Hahn ist sich allerdings sicher, dass er immer Kondome benutzt hat. Bis ihm ein verdrängtes Ereignis wieder einfällt: An Fex' 30. Geburtstag, beide arg betrunken, hatten sie aus einer spaßigen Laune heraus Sex. Diese schockierende Erkenntnis weicht bald der blanken Wut: Sein bester Freund hat ihn infiziert!
Hahn taucht zunächst unter, ohne jemanden Bescheid zu sagen. Isa und Fex sind ratlos. Sie machen sich Sorgen. Fex schaut nach mehreren Tagen bei Hahn vorbei und trifft ihn. Und auch Hahn trifft ihn – mit der Faust. Nachdem er gebrüllt hatte: "Du beschissenes Arschloch hast mir dein Aids angehängt!" Er schlägt und tritt ihn. Bis er erschrocken aufhört. Fex flüchtet aus dem Haus.
Daraufhin lässt er sich testen: positiv! Doch seine T-Helferzellen sind im grünen Bereich. Er fühlt sich gegenüber Hahn schuldig. Aber es dauert lange, bis beide wieder miteinander sprechen. Isa hat ein negatives Ergebnis. Zwischen Hahn und Isa festigt die Krankheit ihre Beziehung. Auch als es Hahn schlechter geht. Wie lange wird er überleben? Soll er Suizid begehen? Mit einer Überdosis Heroin, wie er sich das vorstellt? Wird die Freundschaft zwischen Hahn und Fex wieder so sein wie früher? Was wird aus Fex? Kommt er mit Louis zusammen?
Matthias Frings gelingt es, das Zerbröckeln einer Freundschaft treffend zu beschreiben. Mehr noch: Er kreiert eine altgriechische Tragödienkonstellation: "schuldig unschuldig", wie es im Roman steht. Beeindruckend entflechtet Frings verschiedene Ebenen dieser Freundschaft und zeigt so den daraus resultierenden Vertrauensbruch. Doch dieser Bruch birgt auch Chancen; beide entwickeln sich, sind weniger voneinander abhängig. Doch wird das reichen?
Eine Stadt an der Schwelle eines Neubeginns

Szeneverlag statt Aufbau: Matthias Frings Roman "Manchmal ist das Leben" ist im kleinen Berliner Querverlag erschienen
Dennoch handelt dieser Roman nicht nur von Aids und Freundschaft. Frings stellt Berlin und das Jahr 1995 in den Fokus. Das gelingt ihm durch verschiedene, zusätzlichen Figuren, die ein eigenes Kapitel für sich und mit der Fex-Hahn-Story kaum zu tun haben. Wir tauchen in verschiedene Subkulturen ein. Da gibt es den arbeitslosen Wolle, der seinen Tag mit den Tafeln abstimmt und irgendwie überlebt.
Natürlich darf nicht die hedonistische House- und Techno-Szene fehlen, die gleich durch zwei Figuren repräsentiert wird. Einmal Ka(roline), die von der Szene desillusioniert ist – die einst geglaubte peace-love-unity-Subkultur ist längst Mainstream und gehorcht den Gesetzen des Marktes. Zum anderen Missy. Sie ist die Veranstalterin der Sex-Dresscode-Party "Skin Klub"- erinnert an den "Kit Kat Club" -, wo jeder und jede seinen Fetisch ausleben kann. Es gibt dunkle Ecken, Matratzen, Darkrooms. Und natürlich einen DJ, der mit House für Stimmung sorgt. Klar werden jede Menge Drogen konsumiert…
Doch beschreibt Frings auch allgemein die dazugehörige Zeit. Eine Zeit, bevor Berlin Regierungssitz wird, bevor Handys und Internet massentauglich sind. Eine Zeit, wo der Palast der Republik noch steht und der Potsdamer Platz eine Riesenbaustelle ist. Eine Zeit, in der Arbeitslose in ABM (Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen) gesteckt werden und die Teilung noch in den Köpfen ist. Eine Zeit, in der eine HIV-Infektion noch oft den schnellen Tod bedeutet. Eine Zeit, in der die Gentrifizierung erst langsam beginnt. Eine Zeit, in der jeder kreativ ist. Eine Stadt auf Droge. Eine Stadt in Desillusion. Eine Stadt an der Schwelle eines Neubeginns.
Kleiner Wermutstropfen: Einerseits hätten einige Kapitel ruhig gestrafft werden können. Es gibt leider unnötige, langwierige Abschnitte. Anderseits fängt Frings das Jahr 1995 nicht emotional-atmosphärisch ein, lediglich distanziert beobachtend. Ein Tick zu reportagenhaft. Schade!
Fazit: Matthias Frings kombiniert in "Manchmal ist das Leben" den Wandel einer Stadt im Ganzen meisterhaft mit den persönlichen Wendungen seiner Figuren. Am Ende tragen alle ihre Wunden – sofern sie diese überleben. Frings bietet mit seinem Roman eine Erklärung für das jetzige Berlin, für die heutige Gesellschaft. Es ist somit kein Nostalgie-Buch geworden. Denn es geht um Freundschaft, um das Leben, um den Tod.
Ein gelungener, mehrschichtiger wie spannender Roman!
Matthias Frings: Manchmal ist das Leben. Roman. Querverlag, Berlin 2014. 288 Seiten. 14,90 €. ISBN: 978-3-89656-218-0.
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So nahm er für mich damals als pubertierender Jugendlicher ein Stück weit Schmutz aus dem Thema Sex und machte das zu etwas selbstverständlichem, normalen, alltäglichen und sehr schönen.
Ich weiß noch, dass ich da auch endlich mal was über Homosexualität erfuhr.
Als dann Jahre später auf RTL das 4-mal jährlich (leider auch schon wieder eingestellte) Homo-Magazin "anders trend" lief, hatte ich mir immer gewünscht, er würde das moderieren.
Ich muss echt auch mal ein Buch von ihm lesen...