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Homo- und transphobe Gewalt
"Wenn wirklich was passiert, nimmt mich niemand ernst"
- 26. März 2014 4 Min.

Eine Transfrau und zwei heterosexuelle Männer, die offenbar für schwul gehalten wurden, wurden beim Hamburger CSD 2013 Opfer brutaler Schläger. Am Dienstag diskutierte die Community, wie man sich besser schützen kann (Bild: Eric Schmuttenmaer / flickr / by-sa 2.0)
In Hamburg wurde am Dienstagabend über homo- und transphobe Gewalt diskutiert, die rund um den CSD im letzten Jahr nicht nur die Community erschütterte.
Von Kendra Eckhorst
"Ich freue mich, dass trotz des Themas die Veranstaltung so gut besucht ist", sagte Michael Schilf vom Magnus Hirschfeld Centrum (mhc) in Hamburg und eröffnete die Diskussion. Rund 25 Menschen kamen am Dienstagabend in das Zentrum am Borgweg, um über die homo- und transphoben Überfälle und Angriffe rund um die letztjährige Pride Week zu sprechen und gemeinsam zu überlegen, wie die diesjährige Parade sicherer werden kann. Eingeladen hatte die Landesarbeitsgemeinschaft Lesben und Schwule (LAG).
Den inhaltlichen Einstieg übernahm Reingard Wagner, eine der drei Vorstandsfrauen des Lesbenvereins Intervention, mit der rhetorischen Frage, warum sie überhaupt hier sitze. Gewalt gegen Lesben sei medial wenig präsent und auch sonst kein großes Thema in der Öffentlichkeit.
Von Vandalismus bis zu schwerer Körperverletzung

Titelseite der "MoPo" vom 8. August 2013: Die homo- und transphoben Übergriffe rund um den Hamburger CSD 2013 versetzte nicht nur die Community in Schock
Als Beispiel führte sie den Titel der "Hamburger Morgenpost" vom 8. August 2013 an, der nach den gewalttätigen Angriffen mit Fotos der zwei verprügelten Männer und dem Titel "Schwulen-Hass" aufmachte. Allerdings lasse dies nicht den Schluss zu, dass es keine antilesbische Gewalt gebe, sondern dass es Lesben gewohnt seien, als Frauen angemacht zu werden, und eine Unterscheidung zwischen einem sexistischen und einem homophoben Übergriff schwer falle.
Steve Behrmann von der LAG stellte anschließend unter dem Stichwort "Vorurteilsmotivierte Kriminalität" eine Auflistung aller bisher bekannten Überfälle und Angriffe rund um den CSD vor. Sie reichten von Vandalismus an Stolpersteinen, die an ermordete Homosexuelle im Nationalsozialismus erinnern, über die tätlichen Angriffe mit schweren Verletzungen an zwei Männern und einer Transfrau bis hin zu Angriffen gegen Besucher der Cruising-Area im Stadtpark sowie Beleidigungen und Grabschereien während des CSD-Straßenfestes. Außerdem wurde nur wenige Tage vor dem CSD das mhc mit Pflastersteinen angegriffen, die glücklicherweise nur einen Sachschaden anrichteten.
In fast allen Fällen führten die Ermittlungen ins Leere, gibt es keinen Kontakt zu den Betroffenen. Um hier die Informationen besser zu bündeln und Angriffe zu dokumentieren, hat die LAG einen Fragebogen entwickelt, in dem Betroffene anonym ihre Erfahrungen aufschreiben können.
Die Wissenslücke über den Angriff auf die Transfrau und ihre Begleiterin konnten zumindest zwei Menschen aus dem Publikum füllen, die eine als Zeugin in dem Verfahren, die andere als Prozessbeobachterin. Sie berichteten von einer klassischen Täter-Opfer-Umkehr. Ausgerechnet die angegriffene Person musste sich als Angeklagte verantworten, da ihre Notwehr – ein Schlag ins Gesicht – als schwere Körperverletzung ausgelegt und zur Anzeige gebracht wurde. Die Täter wiederum wurden in erster Instanz freigesprochen, aber das Verfahren dauert noch an.
Ein weiteres Ärgernis im Prozess stellte nach Angaben der beiden Frauen die sture und falsche Anrede mit dem männlichen Personenstand dar, der erst, nachdem ein offizielles Papier eingereicht wurde, korrigiert worden sei.
Unwillige Behörden, die homo- und transphobe Gewalt herunterspielen

Nur wenige Tage vor dem CSD wurden im vergangenen Jahr die Frontscheiben des Magnus Hirschfeld Centrums (mhc) mit Pflastersteinen zertrümmert (Bild: mhc)
Zwei weitere Anwesende fügen ihre Erfahrungen nach Angriffen mit der Polizei und der Justiz hinzu und verstärkten das Bild von unwilligen Behörden, die homo- und transphobe Gewalt herunterspielen und sich schwer damit tun, sie als eben jene Gewalt anzuerkennen. Bei allen drei Fällen fand demnach keine Einstufung als Hasskriminalität statt, auch wenn eindeutige Beleidigungen erfolgten. Hier müsse sich etwas ändern, so die einhellige Meinung der Runde.
Ein Betroffener fasste es wie folgt zusammen: "Als Schwuler habe ich mittlerweile alle möglichen Freiheiten, aber wenn wirklich was passiert, nimmt mich niemand ernst."
In einem ersten Brainstorming, wie die Community sich sicherer fühlen und sich auch besser gegenseitig unterstützen kann, wurden verschiedene Bereiche angeschnitten. Zum einen wurde die Vermittlung von juristischem Wissen genannt, damit sich Opfer besser wehren zu können. Zum anderen wurde eine Anlaufstelle, die Betroffene mit Rat und Tat unterstützt, als hilfreich und notwendig angesehen. Auch eine bessere und vorurteilsfreiere Zusammenarbeit mit der Polizei wurde angeregt. An dieser Stelle wurde auf einen ausgelegten Flyer der Polizei Hamburg verwiesen, in dem sich fünf Kontaktpersonen vorstellen, die explizit bei Hasskriminalität ansprechbar sind. Und schließlich wurde eine Sensibilisierung der Öffentlichkeit sowie eine stärkere mediale Aufmerksamkeit auf Gewalt gegen LGBT gefordert.
Wie die Teilnehmenden des diesjährigen Hamburg Pride sich sicherer fühlen können, konnte im MHC nur noch angerissen werden und muss weiter diskutiert werden. Denn niemand hat Lust auf ein martialisches Aufgebot an Sicherheitskräften. Auch Fragen, wie diese Zunahme homo- und transphober Gewalt politisch und gesellschaftlich einzuschätzen sei, blieben unberührt. Dennoch: Am Dienstagabend wurde in Hamburg ein erster Schritt gemacht und persönlichen Erfahrungen von Gewalt und Diskriminierung Raum gegeben.













