https://queer.de/?21302
- 31. März 2014 7 Min.

Tunesien ist ein Land im Aufbruch. Doch der jungen Queer-Bewegung mangelt es noch an Zusammenhalt, Strategie und Mut (Bild: 54679131@N05 / flickr / by 2.0)
Drei Jahre nach dem arabischen Frühling bleibt Homosexualität ein Tabu und eine Straftat in Tunesien. Trotzdem will die junge queere Generation für ihre Rechte kämpfen.
Von Falk Steinborn
Es war ein besonderer Moment im Januar 2011. Während der Demonstrationen gegen Diktator Ben Ali zückten junge Tunesierinnen und Tunesier die Regenbogenflagge. Das erste Mal. Öffentlich. Ein Zeichen des Wandels. Ein Foto von diesem Moment hat Ràm'y aus Tunis auf seinem Notebook gespeichert. In einem Café in Marsa, dem schicken Stadtteil der Hauptstadt, zeigt er es stolz.
Dass andere Menschen es sehen könnten, stört ihn nicht. Denn das ist nicht der Ort, an dem er sich verstecken muss. Das Café könnte in Berlin oder Paris stehen. Stil: Hipster. Jung, wohlständig, gebildet. Der einzige Unterschied ist, dass ein kühler Wind vom Mittelmeer über die Terrasse weht.
Dort sitzt Ràm'y, raucht und erzählt. Seine Mum weiß, dass er schwul ist. Sein Dad nicht. Ihm ist das egal. Er lebt sein Leben. Auf Facebook postet er Fotos und Texte übers Schwul-, Bi- und Lesbischsein. Er nimmt kein Blatt vor den Mund – auch wenn sich die meisten daran stören und nicht selten Kommentare wie "Bist du eine Schwuchtel, oder was?" gepostet werden.
"Ich will, dass die Leute sich daran gewöhnen. Mit der Zeit wird Homosexualität normal werden", sagt Ràm'y. Für seine 20 Jahre spricht er überraschend reflektiert. Er hat noch Großes vor im Leben und wünscht sich, dass es in Zukunft einfacher wird für Queers in Tunesien. "Ich hätte gern mehr Möglichkeiten für uns: einen Gay Pride, eine Selbsthilfegruppe, mehr Akzeptanz."
Es geht um die Zukunft von jungen Menschen, deren sexuelle Identität in Tunesien verachtet wird – vom Staat als auch von der Gesellschaft. Der Paragraph 204, der für gleichgeschlechtlichen Sex mit bis zu drei Jahren Haftstrafe droht, kommt zwar nur noch selten zur Anwendung. Aber er ist in Kraft, kann jederzeit härter verfolgt werden und hat zudem symbolischen Charakter für die tunesische Gesellschaft. In dieser sind Homo-, Bi- und Transsexualität ein Tabu.
Vom Cousin gefesselt und im Zimmer eingeschlossen

Ràm'y träumt von einem Tunesien, in dem Schwul- oder Bisein keine Schande mehr ist (Bild: Louise Monlau)
Das musste auch der 17-jährige Aymen spüren, der in Ràm'y einen besten Freund und großen Bruder gefunden hat. Er wohnt in Manouba, einem weniger modernen Stadtteil von Tunis, der jüngst für Aufsehen sorgte, weil Salafisten Studentinnen vom Betreten der Universität ohne Kopftuch abhalten wollten. Sein Elternhaus bezeichnet Aymen aber als "nicht besonders traditionell oder religiös".
Trotzdem war sein Coming-out ein Drama, wie es der Boulevardjournalismus nicht hätte besser erfinden können. Aymen wurde von seinem Bruder bei seiner Mutter fremdgeoutet. 15 Jahre war er damals alt. Aus Angst vor ihrer Reaktionen floh er von zu Hause. Am Telefon beschimpfte sie ihn später mit den Worten, "Du bist eine Schwuchtel, ein Tier. Du hältst deinen Arsch anderen Männern hin. Du bist kein Mensch", so Aymen.
Zwei Monate kehrte er nicht nach Hause zurück. Als er es dann später doch tat, wartet sein Cousin in der Wohnung. Er fesselte ihn an den Händen und schloss ihn in seinem Zimmer ein. "Sie wollten, dass ich nicht mehr die Wohnung verlasse. Niemand sollte erfahren, dass ich schwul bin."
Aymen lebt heute noch immer bei seinen Eltern. Und trotz allem, was passiert ist, sagt er, dass er sie noch immer liebt. Das Thema Schwulsein haben sie abgehakt. Es wird nicht darüber gesprochen. "Sie lassen mich mein Leben leben, solange ich es nicht öffentlich mache."
Einer der wenige Orte, wo dies geschieht, ist im Club "Le Plug". Fotografieren ist hier verboten, denn hier tanzen nicht nur Männer mit Frauen, sondern auch Männer mit Männern. Der Club ist ein Schutzraum. Nicht wenige der Besucher haben vermutlich eine Freundin oder gar Frau zu Hause. Dieses Schicksal ereilt sie alle – früher oder später. Denn ein unverheiratetes Kind ist eine Schande für die Familie.
Doppelt verheiratet für den heterosexuellen Schein
Das hat auch Methi* erlebt. Er wohnt mittlerweile zweieinhalb Stunden von Tunis entfernt. Er braucht den Abstand zu seiner Familie. Er benötigt "Luft zum Atmen". Von seinem Ein-Personen-Apartment aus blickt er auf den Strand einer Touristenstadt an der Ostküste. In seiner Wohnung zeigen kleine Ölgemälde saftig-grüne Wälder. Deutsche Wälder.
Methi liebt Deutschland. Sieben Jahre hat er dort gewohnt und Germanistik studiert. Es war die freieste Zeit seines Lebens, erzählt er. Mittlerweile ist er 35 Jahre alt. Dass er bisexuell ist, deutlich mehr Richtung Männer, ist ihm seit seiner Pubertät klar. Ein Coming-out kam für ihn damals wie heute nicht in Frage , "zu gefährlich". Auf den Druck seiner Familie hin heiratete er zweimal dieselbe Frau, mit der er mittlerweile auch ein Kind hat. Jetzt lebt er wieder in Scheidung und einsam.
Die Revolution hat für ihn, genauso wie für viele anderen homo- und bisexuelle Tunesier über 30, nur wenig geändert. "Die Situation für Homosexuelle ist unter Ben Ali nicht so schwierig gewesen, weil sie seine Macht nicht störten", sagt Methi. Er fürchtet nun sogar eine Verschlimmerung, falls die konservativ-salafistische Bewegung ihre Macht ausbaut.
Für Methi ist deshalb klar: Er wird wieder heiraten und heterosexuell leben. Profitieren werden seiner Meinung nach dafür die jungen Tunesier: "Das Internet hat nicht nur die Revolution hierher gebracht, sondern auch junge Leute mit Gleichgesinnten zusammengebracht. Das ist die wirkliche Revolution", sagt er.
Am Pranger: Das erste queere Magazin hat es schwer

"Wenn das Gesetz gegen die Leute ist, dann...", steht auf dem T-Shirt von Ali. Die Antwort darauf kann jeder selbst finden. Ali hat sich für den Protest entschieden (Bild: Huam MC'hirgui)
Das World Wide Web ist der Ort, wo sich Queers vernetzen. Die Dating-Community Planetromeo bringt Männer mit Männern zusammen – sei es für Sex, Beziehungssuche oder um neue Freunde kennenzulernen. Auf Facebook haben viele ein anonymes Zweitprofil, um sich mit anderen auszutauschen und zu organisieren.
So ist auch Kemlty entstanden, die ersten LGBT-Organisation des Landes. Sie verbreitet Neuigkeiten, Informationen und unterstützende Botschaften. Dies ist dank der Meinungs- und Pressefreiheit, einer der wichtigsten Errungenschaften der Revolution, möglich. In ihrem Zug ist auch eine queere Radiosendung entstanden, die allerdings mittlerweile wieder off air ist.
Ebenso haben Aktivisten das "GayDayMagazine" gegründet. Nach dem anfänglichen Hochstart wird dessen Webseite allerdings nur noch spärlich aktualisiert. Seit der frühere tunesische Minister für Menschenrechte das Magazin öffentlich an den Pranger gestellt hat, lebt der Gründer in Angst. "Er zieht fast alle zwei Monate um, um nicht gefunden zu werden", sagt Ali.
Der 25-jährige Student engagiert sich unter anderem als Webadmin für das Magazin und ist außerdem bei Amnesty International aktiv. Er ist einer dieser jungen Tunesier, die gut vernetzt sind und für eine breite Demokratisierung eintreten. Seine Abende verbringt er statt vorm Fernseher auf Diskussionsveranstaltungen in alternativen Kulturzentren.
seine Freunde sind nicht nur zum Zeitvertreib da – sie wollen gemeinsam etwas bewegen, auch in Sachen LGBT-Rechte. Aber das braucht Zeit. Ali wartet auf den "bon moment", den richtigen Moment, um aktiv zu werden. Das unterscheidet ihn von anderen Leuten, die nach der Revolution eilig Initiativen gründeten: "Alle haben mit irgendwas angefangen, ohne zu wissen, was sie konkret und wie erreichen wollen."
Angst vor dem unfreiwilligen Coming-out
Ali hingegen agiert etwas ruhiger. Bisher analysiert er noch, wie eine Strategie für die Queer-Bewegung aussehen könnte. Er spricht mit Aktivisten anderer Länder, holt sich Rat ein, versucht sich mit anderen LGBT zu vernetzen. Leicht ist vor allem letzteres nicht. Viele haben Angst, dass ihr Engagement zwangsläufig zu einem unfreiwilligen Coming-out führt.
Hinzukommt, dass keine gefestigte Community existiert, die gemeinsam an einem Strick zieht. In den verschiedenen Stadtteilen von Tunis gibt es zwar informelle Gruppen von Schwulen oder Lesben. Diese stehen aber teilweise in Konkurrenz zueinander. "Wenn wir nicht untereinander solidarisch sind, dann ist es schwer, Solidarität von außen zu bekommen", sagt Ali.
Für ihn steht die Queer-Bewegung drei Jahre nach der Revolution deshalb noch ziemlich am Anfang. Aber die Zeit drängt. Denn sonst ergeht es noch mehr Schwulen und Lesben so wie Methi: Zwangsheirat und Scheinleben aufgrund des gesellschaftlichen Tabus. Keine gute Aussicht.














