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Leslie + Lohman Museum

Pornographische Ostereier in Soho

  • 01. April 2014 10 6 Min.

Im Herzen vom Trendbezirk Soho gelegen, baut das Leslie + Lohman Museum of Gay and Lesbian Art auf der Sammlung von Charles Leslie auf, dessen Spende es erst möglich gemacht hat.

In New York hat das erste Schwule Museum der Welt geöffnet, das sich nicht der Geschichte widmet, sondern der Kunst: das Leslie + Lohman Museum of Gay and Lesbian Art.

Von Kevin Clarke

Natürlich waren die Berliner Pioniere mit ihrem Schwulen Museum, das lange Zeit einzig auf der Welt war. Dann haben irgendwann die Jungs in San Francisco nachgezogen und The GLBT History Museum im Castro-Bezirk eröffnet. Inzwischen gibt's auch ein National LGBT Museum in Washington, DC, mit einer schicken Website. All diesen und weiteren Institutionen geht es primär darum, die Geschichte und damit dem langen Emanzipationsprozess der LGBT-Gemeinde zu dokumentieren, auch wenn sie sich vereinzelt Kunstthemen widmen, da natürlich viele Künstler und Kunstwerke Teil der queeren Geschichte sind.

Das Leslie + Lohman Museum in New York ging von Anfang an einen anderen Weg. Der sich aus seiner Geschichte erklären lässt. Denn das neue Museum, dass inzwischen höchste offizielle Weihen erhalten hat, ging hervor aus der Leslie + Lohman Foundation. Die wiederum ist das Baby von zwei Männern, die ihr Geld u.a. mit Immobilien in Soho verdient und dieses dann wieder in Künstler in Soho und Umgebung zurückinvestiert haben: Fritz Lohman und Charles Leslie.

Homoerotische Ausstellungen in der eigenen Wohnung


Unser Autor Kevin Clarke zu Besuch in der Wohnung von Charles Leslie

Die beiden Herren lernten sich in den 1960er Jahren kennen, wurden ein Paar und kauften leere Lofts in Soho. Dort veranstalteten sie in ihrer Wohnung auch eine Ausstellung. Sie wollten Künstlern aus ihrem Bekanntenkreis eine Plattform geben, wo diese Werke zeigen konnten, die reguläre Galerien nicht ausstellten wollten – wegen des homo­erotischen Inhalts. Diese erste improvisierte Ausstellung war ein derartiger Erfolg, dass Fritz und Charles ein Jahr später wieder eine Galerie-Wochenende in ihrem Loft abhielten. Und wieder. Und wieder.

Irgendwann eröffneten sie in den 1970er Jahren in einer ihrer vielen Immobilien – einem Laden in Soho – eine richtige Galerie. Womit sie sozusagen "offiziell" wurden, auf alle Fälle ein Zentrum für schwule Kunst in New York. Sie kauften selbst viel, weil ihnen Einzelwerke gefielen, aber auch, weil sie arme Künstler unterstützen wollten, die ihnen sympathisch waren. Daraus entstand, im Laufe der Jahre, eine ungeheure eklektische Sammlung, in der sich so ziemlich alles findet, was Rang und Namen hat – von Warhol über Keith Haring und Robert Mapplethorpe bis zu eher unbekannteren, aber nicht uninteressanten Künstlern wie Blade oder Kirwan. Als in den 1980ern die Aids-Krise zuschlug, mussten Charles und Fritz ihre Galerie schließen. Aber es dauerte nicht lange, bis sie in einem Keller in der Prince Street eine Art Untergrundgalerie eröffneten und wiederum vielen Künstlern Gelegenheit gaben, ihre explizit schwulen Werke in einer homophoben Zeit zu zeigen.

Jährliches Budget von über einer Million Dollar

Als vor drei Jahren Fritz Lohman starb, beschloss der damals fast 80-jährige Charles Leslie, die Leitung der Leslie + Lohman Foundation aus der Hand zu geben und das Erbteil von Fritz zu spenden, damit ihr sammlerisches Lebenswerk ein adäquates Heim bekommt, wo sich Menschen professionell um die Kunstschätze kümmern. Daraus entstand das Museum in der Wooster Street, in einer Ladenfläche, die Charles gehört und die er dem Museum zur Verfügung stellt. Von dem Geld, das die Foundation angelegt hat, kann das neue Museum mit einem jährlichen Budget von über einer Million Dollar arbeiten. Es wurde ein Direktor gesucht und in Person von Hunter O'Hanian auch gefunden. Der war zuvor Leiter des Fine Art Work Center in Provincetown, jetzt kümmert er sich intensiv darum, das kleine Museum auf die internationale Museumkarte zu setzen. Mit Erfolg.

Nicht nur, dass das Leslie + Lohman Museum unter O'Hanian von der Stadt und dem Bundestaat New York offiziell anerkannt wurde (wofür das Spektrum erweitert werden musste um lesbische Kunst); nein, inzwischen haben sogar die sehr wählerischen Estates von Warhol und Mappelthorpe dem Museum ihre Unterstützung zugesagt, was wiederum anderswo Türen öffnet. Heute kommen fast täglich Spenden neu in die Museumssammlung, die fast explosionsartig expandiert.

Wer das Museum in der Wooster Street besucht, wird das kaum erahnen. Denn der große Raum ist übersichtlich und zeigt nur einen winzigen Ausschnitt dessen, was tatsächlich der Bestand des Museums (und der Foundation) ist.

Schwule Pornogeschichte an der Museumswand


Bild aus der aktuellen Ausstellung "Stroke: From Under the Mattress to the Museum Wall": "The Mechanic" von Kent erschien in der Ausgabe November 1992 von "MEN"

Seit 28. März wird eine neue Schau gezeigt, bei der zumindest mein Herz schneller schlägt: "Stroke: From Under the Mattress to the Museum Wall". Dabei geht es um Zeichnungen, mit denen in der Vergangenheit schwule Pornogeschichten in Magazinen illustriert wurden. Einige Entwürfe für Werbung (Poppers etc.) in den Retro-Pornoheften sind ebenfalls dabei. Als ich kürzlich in New York war und mir das Museum und sein Archiv in Ruhe anschauen durfte, zeigte mir Hunter einige der Zeichnungen für "Stroke". Sie haben mit teilweise die Sprache verschlagen, vor allen deshalb, weil ich viele wiedererkannte aus Pornoheften, die ich selbst in den 1980er Jahren besaß. (Es war ein seltsamer Moment, wo ich mir wirklich museal vorkam; ein interessantes Gefühl.)

Die "Stroke"-Ausstellung, kuratiert von Robert W. Richards, ist deutlich stärker sexualisiert als die üblichen Schauen im Museum. Das freut niemanden mehr als Charles Leslie, der regelmäßig im Museum vorbeischaut und die "Neue Seriosität" dort mit Schmunzeln verfolgt. Der Kern der Leslie + Lohman-Sammlung, also die wichtigsten und beeindruckendsten Stücke, hängen nach wie vor bei Charles zuhause. In jenem Loft, in dem Ende der 1960er Jahre die erste Ausstellung stattfand.

Wer dieses Loft jemals betreten hat, wird das Erlebnis nicht so schnell wieder vergessen. Denn: Wo man auch hinschaut in der Wohnung, man sieht nur Schwänze, Schwänze und noch mehr Schwänze. Im Januar durfte ich eine Woche bei Charles wohnen, im Rahmen einer Recherche, und muss gestehen, dass die Fülle an Erektionen mir anfangs auf den Geist ging. Aber wenn man einige Tage mit ihnen lebt, sie ständig sieht, sie zur Selbstverständlichkeit werden, dann fängt man an, sie anders zu betrachten. Und sie auf eine ganz eigene Weise zu lieben. Genauso wie man Charles Leslie einfach lieben muss. Denn ich kenne kaum jemanden, der so gastfreundlich sein Haus für Menschen aus aller Welt öffnet wie er, seine Gäste so wunderbar bewirtet und unterhält wie er.

Charles' Wohnung als "National Treasure"?

Hunter O'Hanian sagte im Gespräch wiederholt zu mir, man müsste eigentlich nach Charles' Tod dessen ganze Wohnung 1:1 abtragen und vom Smithsonian Institute zum "National Treasure" deklarieren lassen. Hunters Traum wäre, die Wohnung – genauso wie sie ist – als Museumsraum zu erhalten. Als Gesamtkunstwerk. Ob das gelingt, muss sich noch zeigen. Schließlich ist Charles noch (lange) nicht tot.

Ein Tipp für New-York-Besucher: Wenn Sie ins Museum gehen, fragen Sie nach, ob Sie mal einen Blick in das Archiv vor Ort werfen dürfen. Die im Hinterraum aufbewahrten Objekte sind sehenswert. Und die Mitarbeiter dort wirklich unglaublich nett und hilfsbereit, wenn's darum geht, mit Stolz "ihre" Sammlung zu erklären. Ob das pornographische Ostereier aus den 1970ern sind oder Ken-Puppen mit Riesenerektionen – nur so zum Beispiel.

Das Leslie + Lohman Museum arbeitet übrigens bereits mit dem Schwulen Museum zusammen. Die Objekte der aktuellen Ausstellung "Sascha Schneider – Kunst und Homoerotik um 1900" stammen aus dem L+L Museum und sind eine Leihgabe, der idealerweise noch viele weitere folgen werden. Wie wäre es etwa der grandiosen Ausstellung vom letzten Sommer, "Lust in Uniform: Images of Military Homosexuality", von James Saslow and Wayne Snellen kuratiert?

-w-

#1 Schwul ist geilAnonym
  • 01.04.2014, 11:59h
  • Bilder wie das auf der Startseite verwendete eignen sich bestens für Graffiti im öffentlichen Raum!
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#2 RobbyEhemaliges Profil
#3 seb1983
  • 01.04.2014, 21:32h
  • Antwort auf #1 von Schwul ist geil
  • Ein Bekannter bekommt immer wieder Anfälle wenn er aus seinem kleinem Budget solch "bestens geeignete" Graffitis teuer entfernen lassen muss und ihm das Geld an anderen Stellen dann fehlt.
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