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Nach monatelanger Debatte
Baden-Württemberg stellt Überarbeitung des Bildungsplans vor
- 08. April 2014 3 Min.

Kretschmann hofft auf eine "Versachlichung der Debatte" ohne allzu große Zugeständnisse (Bild: Grüne NRW)
Das bisherige Querschnittsthema "sexuelle Vielfalt" wird im neuen Arbeitsentwurf ein neuer eigener Unterpunkt, um "Missverständnisse" abzubauen. Lob vom Netzwerk LSBTTIQ, Kritik von der Union.
Der umstrittene Entwurf der grün-roten Landesregierung von Baden-Württemberg für einen neuen Bildungsplan ist Geschichte. Am Dienstag kündigten Kultusminister Andreas Stoch (SPD) und Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) in Stuttgart ein neues Arbeitspapier an, das den Druck aus der seit Monaten anhaltenden Debatte nehmen und zugleich an der Aufklärung über Homo- und Transsexualität festhalten soll.
Bislang war "sexuelle Vielfalt" als Unterpunkt aller Schwerpunkte des Bildungsplans vorgesehen. Der Grund: Die vorherigen schwarz-gelbe Landesregierungen hatten diesen Punkt ignoriert. Arbeitsgruppen sollten deshalb für die Entwicklung der eigentlichen Bildungsinhalte und -ziele anhand der Leitlinien des Plans gezielt schauen, wo sich das Thema gut unterbringen ließe und wo es erforderlich wäre. Das hatte allerdings zu "Missverständnissen" (Kretschmann) bzw. auch zu klaren Falschinformationen durch Gegner des Bildungsplans geführt – etwa zu der Aussage, die Diskriminierung Homosexueller werde über alle anderen Diskriminierungen gestellt.
Nun sollen die entsprechenden Themen als Teilbereich eines neuen Schwerpunktes in den Bildungsplan aufgenommen werden. "Statt eines Querschnittsthemas sexuelle Vielfalt gibt es die neue allgemeine Leitperspektive 'Bildung für Toleranz und Akzeptanz von Vielfalt'", so Kretschmann. Kultusminister Stoch ergänzte: "Es werden darin neben der sexuellen Vielfalt die Themen Toleranz und diskriminierungsfreier Umgang mit Vielfalt in personaler, religiöser, kultureller, ethnischer und sozialer Hinsicht in einem größeren Kontext behandelt. Das Thema 'Akzeptanz sexueller Vielfalt' erhält in diesem Zusammenhang einen hohen Stellenwert im neuen Bildungsplan."
Festhalten am Ziel der Akzeptanz

Auf Facebook verbreitet sich gerade ein Text der FAZ, der Kretschmann als großen Rückzieher darstellt. Die CDU sieht hingegen nur kosmetische Korrekturen am Bildungsplan
Einen entsprechenden Kompromiss zur Befriedigung des Konfliktes zeichnete sich schon seit Wochen ab, zuletzt nach einem Treffen Kretschmanns mit Evangelikalen (queer.de berichtete). Auch die Bildungsgewerkschaft GEW hatte eine entsprechende Überarbeitung gefordert (queer.de berichtete). Während einige vor allem konservative Medien von einem Einknicken der Landesregierung sprechen und andererseits Gegner des Bildungsplans kaum mit der Neuformulierung zufrieden sein werden, sagte Kretschmann, dass man an den Zielsetzungen des Bildungsplans festhalten werde.
"Im Kern verfolgen wir das Anliegen, das Thema Toleranz und Akzeptanz im Bildungsplan zu verankern. Daran halten wir weiterhin ohne Wenn und Aber fest", so der Ministerpräsident. Die Aufklärung über Homo- und Transsexualität werde einen wichtigen Stellenwert einnehmen. "Ich möchte noch einmal explizit darauf hinweisen, dass es bei der sexuellen Vielfalt nicht um sexuelle Praktiken geht, sondern um die Vielfalt der sexuellen Orientierung und geschlechtliche Vielfalt. Es geht darum, junge Menschen zu unterstützen, sich zu mündigen Bürgern mit eigener Urteilsfähigkeit zu entwickeln", so Kretschmann.
Auch Stoch betonte, das ursprüngliche Ziel einer besseren Aufklärung solle nicht "verwaschen" werden, von einem "Einknicken" könne nicht die Rede sein. Während die FDP von einer "Kehrtwende" sprach, kritisierte die CDU denn auch eine "rein kosmetische Korrektur". Ohnehin haben Experten längst mit den Arbeiten an dem eigentlichen Bildungsplan begonnen, die Leitprinzipen (bzw. "Leitperspektiven", wie sie nun heißen) aus dem Entwurf sind dafür nur ein loser Rahmen.
Lob vom Netzwerk LSBTTIQ
Das Netzwerk LSBTTIQ Baden-Württemberg, das über 70 Organisationen vertritt, hat die Überarbeitung des Bildungsplans am Dienstag in einer Pressemitteilung begrüßt. "Damit kommen wir unserem Ziel näher, dass lesbische, schwule, bisexuelle, transsexuelle, transgender, intersexuelle und queere Jugendliche angstfrei an Schule teilhaben können", betonte Sprecherin Angela Jäger. "In einem persönlichen Gespräch mit Vertreterinnen und Vertretern des Netzwerks LSBTTIQ sicherte der Ministerpräsident am gestrigen Abend die explizite und verbindliche Verankerung der Vielfalt von Geschlecht sowie der Vielfalt sexueller Orientierung im baden-württembergischen Bildungsplan zu."
Bei der Pressekonferenz sagte Kretschmann: "Ich bin überzeugt, dass die Weiterentwicklung des Arbeitspapiers zu einer Versachlichung der Debatte führt und wir damit vor allem denjenigen den Boden entziehen, die bewusst Missverständnisse geschürt haben. Im Rahmen meiner Gespräche mit unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen habe ich festgestellt, dass letztlich alle mit der Zielsetzung des Bildungsplans in der konkreten Frage einverstanden sind." (nb)














