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- 28. April 2014

Sie hat es geschafft - aber ist ihre Botschaft der Toleranz wirklich "unstoppbar"?
Auch zwei Tage nach dem ESC-Finale empören sich Rechte und Fundamentalisten in Russland wie hierzulande. Zugleich erklimmt Conchita Wurst die iTunes-Charts in allen Teilen Europas – in Russland ist sie auf Platz 1.
In Kopenhagen kämpfen 37 Länder um den Sieg beim Grand Prix 2014, darunter Drag-Queen Conchita Wurst, ein homophober Favorit aus Armenien und ein chancenloser deutscher Beitrag. "#JoinUs" hat der dänische Staatssender DR1 als Motto für die diesjährige Show gewählt. Queer.de ist dem Ruf gerne gefolgt; vom ESC berichten für zwei Wochen Michael und Arie Götz-Pijl sowie Norbert Blech, die Fotos stammen wenn nicht anders angegeben von ihnen sowie EBU und DR.
Live-Ticker (abgeschlossen, )
Nun ist es dann doch mal an der Zeit, dieses Liveblog zu beenden. Wir freuen uns auf Wien 2015 und werden natürlich wieder umfangreich über den ESC berichten.
Wir hoffen, dass der NDR bis dahin ein besseres Gespür für Jurys entwickelt. Man muss der deutschen Jury nicht Homophobie vorwerfen, zumindest den meisten Mitgliedern nicht; eine gewisse Ignoranz lässt sich jedoch nicht abstreiten.
Hier erklärt sich auch der Grund der großen Empörung: Mit Ignoranz gegenüber unseren Anliegen, Wünschen und Hoffnungen – und den Anliegen anderer Minderheiten – sind wir in Deutschland noch immer häufig konfrontiert, neben der Politik gerade auch in den Medien.
In anderen Ländern mögen Politiker Zeichen setzen und Flagge zeigen (größtenteils übrigens Länder, deren Jurys Conchita hohe Punktzahlen gaben) – hier sind noch immer wir selbst dafür verantwortlich, ein Zeichen zu setzen. Schaffen wird das, scheitern wir trotzdem an Ignoranz: Von großen Enough-is-Enough-Demos erfährt man nichts in der "Tagesschau", aus 12 Punkten für Conchita und Toleranz, ein Erfolg der Szene wie der mitabstimmenden Hetero-Bevölkerung, werden dank einer fünfköpfigen Jury peinliche sieben Punkte.
Hier fehlte das Gespür für Symbolik und den richtigen Moment – und nebenbei auch für das Musikalische: Conchita Wurst war alles andere als ein Novelty Act. Dass bei der Jury der Tittenpop aus Polen auf Platz 4, das Aggro-Geschrei aus Armenien auf Platz 6 oder der gesanglich vergeigte Beitrag Großbritanniens auf Platz 8 landete, lässt die erwünschte positive Korrektur des Televotings hin zu mehr Qualität nicht ernsthaft erkennen. Im Gegenteil: Die den Wettbewerb auffrischenden Griechen landeten bei den Zuschauern auf Platz 4, bei der Jury auf Platz 22.
Der NDR muss sich also mit der Jury mehr Mühe machen; dass viele Leute keine Lust auf den Job haben, wie sich jetzt NDR-Unterhaltungschef Thoms Schreiber rechtfertigte, kann keine ernste Begründung sein. Jemand wie Sido, der schon vorher einen Kandidaten als Zirkusnummer kritisiert hat, hätte die Aufgabe nicht übernehmen dürfen, ebensowenig kann ein Juryposten ein Ersatz sein für Leute, die ihre Plattenfirmen im Vorentscheid verheizt haben, oder für Leute, die als Ausgleich in der NDR-Sendung vor oder nach dem Finale noch schnell ein Album promoten wollen.
Auch diese beiden Sendungen von der Reeperbahn bräuchten eine liebevolle Überarbeitung, die mehr zur zum eigentlichen ESC passt (kein Jan Delay, kein Wort zum Sonntag, etc.). Ganz zu schweigen vom Vorentscheid, dessen Kandidaten in diesem Jahr niemanden begeisterten.
Conchita Wurst ist am Sonntag zu einem Empfang bei Bundeskanzler Werner Faymann geladen. Danach werde es ein öffentlich zugängliches Konzert von Conchita Wurst auf dem Ballhausplatz geben, so Faymann auf Facebook – Wurst soll offenbar vom Balkon des Kanzleramts singen. Von dort hatte zuletzt Skilegende Karl Schranz 1972 die Massen grüßen dürfen.
Jan Feddersen: Jury-Kritik ist totalitär.
Der Moskauer CSD-Organisator Nikolai Aleksejew hat für den 27. Mai eine Solidaritäts-Demo für Conchita Wurst angemeldet, einen "Marsch bärtiger Männer und Frauen". Vier Tage später soll der diesjährige Moscow Pride stattfinden. Es wird damit gerechnet, das beide Veranstaltungen nicht erlaubt werden und in den üblichen Verhaftungen und Rangeleien enden.
Gestern hatte der Kulturminister Russlands eine Forderung des St. Petersburger Abgeordneten Vitali Milonow, Conchita Wurst ein Einreiseverbot aufzuerlegen, öffentlich zurückgewiesen. "Ein Einreiseverbot für bärtige Frauen und bärtige Männer ist nicht Teil unserer Jurisdiktion", so die Pressestelle des Ministeriums.
Ein Duma-Abgeordneter der russischen Kommunisten hat vorgeschlagen, dass sich das Land aus dem ESC zurückziehen und einen eigenen Contest, "Die Stimme Eurasiens", starten soll. Die Kosten der Teilnahme am ESC seien zu hoch.
Es gibt ja einige schöne Momente in der ORF-Doku "Conchita – Queen of Austria". Conchita mit Oma, Conchita mit den vermeintlichen Bauerntrampeln in der Heimat, Conchita im Kleiderschrank. Wie Kleinkinder über Conchita reden. Wie Konkurrenten über Conchita reden.
Und dann sind da die Sekunden, in denen Aufnahmen des Kleinkindes Tom in Kleidern gezeigt werden. Offenbar auf eine Reporterfrage sagt dazu sein Vater: "Was hätte ich mir denken sollen? Dass er irgendwann einmal schwul wird? Na, damit hab ich nicht gerechnet. Das war er ja schon."
Die Sendung in der ORF-Mediathek (25 Minuten)
Bei ihrer Pressekonferenz am Sonntag in Wien hatte Conchita übrigens gesagt, dass sie nicht erneut antreten wolle. Zugleich winkte sie mehrfach mit dem Zaunpfahl, dass sie allerdings den nächsten ESC gerne moderieren würde. In der Tat wäre das eine gute Möglichkeit, ihre positive Botschaft weiter in die Welt zu tragen.
Stefan Niggemeier befasst sich weiter mit dem Jury-Thema: ARD fordert Respekt und Toleranz auch für deutsche Grand-Prix-Juroren
Was sagt eigentlich Radio Vatikan zum Sieg der Wurst?
Einer der widerlichsten Texte zum Conchita-Sieg erschien übrigens nicht in "Bild", sondern ging gestern im Deutschlandfunk über den Äther.
Burkhard Müller-Ullrich, ein deutscher Schriftsteller, unterstellt zunächst einen "Aufmerksamkeitsboom für das Thema Transsexualität", der auf "eine große gesellschaftliche Verunsicherung in Bezug auf die Biologie" basiere. Die Betroffenen hätten "Orientierungsprobleme", die vergößert würden durch "sich wie durch Kettenreaktion vermehrende Genderpolitiker, die jeden Schambereich nutzen, um Druck aufzubauen und Macht zu gewinnen". Weiter im Text:
Auf diese Bühne biologischer Bedenklichkeiten tritt nun ein Hermaphrodit oder Transvestit und konfrontiert Europa mit sexualpsychologischen Fragestellungen, denen die Tralala-Welt der Eurovision selbstverständlich nicht gewachsen ist. Sie konnte sich dieser Konfrontation nur entziehen, indem sie dem irritierenden Halbwesen, um mit Sibylle Lewitscharoff zu sprechen, dieser Mischung aus Barbie und Jesus, schleunigst den Sieg schenkte.
Das geht dann noch so weiter, zum Nachlesen oder Anhören:
Nach all der Aufregung meldet sich nach und nach auch die deutsche Jury zu Wort.
Der Rapper Sido ließ es sich nicht nehmen, auf Facebook von "Herrn Wurst" zu sprechen (bei über 11.900 Likes):
Yo Leute, ein paar conchita Wurst Fans möchten gerne wissen warum ich den jungen Mann nicht auf Platz 1 gevotet habe ... Man wirft mir fehlende Toleranz vor ... Mein Job in dieser Jury war es zu beurteilen was ich da höre und sehe ... Nichts anderes habe ich getan ... Weil ich ein toleranter Mensch bin habe ich auch jedem Kandidaten die selbe Chance gegeben mich zu überzeugen, unabhängig von seiner Nationalität, seiner Religion oder seiner sexuellen Gesinnung ... Spielt ja auch alles keine Rolle, hier ging es um die Musik, die Komposition, die Stimme, die Performance... Nichts anderes ist in meine Wertung eingeflossen ... Die einzige Diskussion die man also zulassen kann is die warum mir die Komposition und die Performance des Herren aus Österreich nicht gefallen hat ... Wobei das wiederum eine reine Geschmacksfrage ist ...
Nichts desto trotz möchte ich dem Herrn Wurst und und meinem geliebten Österreich natürlich herzlich gratulieren zu seinem Sieg !!!
Jennifer Weist schrieb in dem Netzwerk:
ich freue mich allerdings sehr, dass österreich gewonnen hat, da durch conchita selbst und den text des songs ein eindeutiges zeichen für toleranz und gleichberechtigung in der ganzen welt gesetzt wurde! über den song an sich lässt sich streiten...deswegen landete auch frau wurst bei mir etwas weiter unten im ranking.
Madeline Juno hat gar einen ganzen Roman verfasst.
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Das wichtigste ist, dass der Homohasser aus Armenien schlecht abschneidet. Homophobie darf nicht auch noch erfolgreich sein.
Ansonsten werde ich für Conchita Wurst anrufen. Um Vielfalt zu fördern und alleine schon um die ganzen Homohasser zu ärgern.