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- 24. Mai 2014 5 Min.

Ein schräges Magazin-Duo für die Schwuppe und ihre beste Freundin: Man stelle sich vor, die "Brigitte" und die "Du & Ich" würden in Deutschland gemeinsam verkauft... (Bild: Kevin Clarke)
In den Niederlanden wird die Frauenzeitschrift "LINDA." im eingeschweißten Doppelpack mit der Schwulenzeitschrift "L'HOMO." angeboten. Ein Modell für Deutschland?
Von Kevin Clarke
Linda de Mol kennt man in Deutschland zwar auch, aber so berühmt wie in den Niederlanden ist sie diesseits der Grenze natürlich nicht. Ihre zwei größten "claims to fame" bei unseren Nachbarn sind – neben der Tatsache, dass sie die Schwester von Fernsehmogul John de Mol ist – erstens die witzige TV-Soap "Gooische Vrouwen" ("Feine Freundinnen") über eine Gruppe bescheuerter Fußballergattinnen, wo Linda als Type mehr oder weniger sich selbst spielen darf, was sie großartig tut.
Und sie ist zweitens Chefredakteurin der glossy Zeitschrift "LINDA." [mit Punkt!], die sie als NL-Variante des Oprah-Magazins stets mit sich selbst auf dem Cover herausgibt – alterslos blond und straff gezogen. Dieses Magazin ist seit langem ein Erfolg bei unseren Nachbarn, es wurde sogar zur "Zeitschrift des Jahres" gewählt, mit seinem Mix aus Frauenthemen und Mode, Kosmetik und Reise. Vergleichbar mit der "Brigitte" oder "Freundin", nur hipper in der Aufmachung.
Ebenfalls vor Jahren schon hat "LINDA." einen Ableger herausgebracht, der den Schwulenmarkt anzeigentechnisch abgrasen sollte. Das Resultat, "L'HOMO." [ebenfalls mit Punkt], war in der ersten Ausgabe ziemlich attraktiv und informativ, weil das Layout genauso hipp war wie das Schwester- (oder Mutter)-Heft und weil die Themen rund ums Party- und Drogenleben in Amsterdam ehrlich und anrührend waren, auf eine lifestylige Weise.
Homo- und Hetera-Ausgabe in einer Tüte für 7,88 Euro

Mag Homos "wirklich gerne": Linda de Mol outet sich im Editorial als Schwulenmutti
Nach dem Launch von "L'HOMO." kam das Blatt nur sporadisch raus, wahrscheinlich gab's nicht genug Anzeigenkunden, so dass man die publizistischen Anstrengungen bündelte und sich auf eine Ausgabe pro Jahr konzentrierte. Die neueste ist im April als Doppelpack auf den Markt geworfen worden, also Homo- und Hetera-Ausgabe in einer Tüte für 7,88 Euro (statt zwei Mal 5,50 Euro). Auf dem einen Cover sieht man Linda als Love-Boat-Kapitänin, auf dem anderen den ukrainischen Ex-Fußballer Evgeniy Levchenko (36) – was "political awareness" suggeriert, sind doch sowohl die Ukraine und Russland als auch Profifußball in Kombination mit Homosexualität "hot items", zu denen es einiges zu sagen gäbe. Auch wenn man das lifestylig tut.
Wer nun denkt, Linda de Mol würde sich als Chefredakteurin und "straight ally" mit Lust ins politische Schlachtfeld stürzen, der wird gleich beim Vorwort stutzig. Da sagt sie zu den "lieben Homos der Niederlande", dass sie als "Homomutter" erschrocken sei darüber, was da in Russland und Uganda gerade alles passiere. Und dass sie deshalb das Bedürfnis habe öffentlich zu äußern, dass sie "verrückt nach uns" sei bzw. uns wirklich "gerne" mag ("Wat ben ik toch dol op jullie"). Doch dann geht's weiter mit Statements wie diesem: "Vielleicht gibt's da draußen auch tödlich langweilige Homos, knauserige bürgerliche Homos mit schlechtem Geschmack, aber denen bin ich noch nie über den Weg gelaufen. Die, die ich treffe, sind alle kreativ, gut gekleidet, gastfreundlich, riechen gut, sprechen nicht nur über sich selbst, sondern fragen auch nach deinen Geschichten, und sie haben Humor und Stil. Qualitäten, die viele Heteromänner, die ich treffe, nicht immer aufweisen."
Tja, soll man das als Kompliment verstehen? Als Statement im globalen Kampf gegen Homophobie? Oder ist es das Banalste und Peinlichste, was seit langem zur LGBTQI*-Situation geäußert wurde, weil Linda hier der Realität mindestens zwei Jahrzehnte hinterherhinkt, wo Schwule noch ausschließlich als smarte Modedesigner oder sonstige "Beste Freunde" durch Heteroromanzen mit Julia Roberts spukten?
Man könnte einwenden, dass es ja egal sei, was Frau de Mol da vorn so sagt oder schreibt, wenn das restliche Heft interessant ist. Optisch ist es das zweifellos, die Produktseiten und Fotostrecken sind mit dem sichtbaren Professionalismus gemacht, der bei Frauenzeitschriften Standard ist, für den die durchschnittliche deutsche Schwulenzeitschrift jedoch kein Geld hat. Ein Blick auf die Anzeigen macht schnell deutlich, wo das Geld herkommt. Und die Produktionsteams sind halt die gleichen wie bei "LINDA." Das ist ein bisschen so, als würde die "Brigitte"-Chefredakteurin mal eben zu "Männer" oder "Du & Ich" sagen: Wir übernehmen alle zu produzierenden Bilder in Absprache mit eurem Art Director, und unser großes Vollzeit-Grafiker-Team mit Tarifverträgen bastelt das Layout zusammen! (Das wäre mal was!)
Evgeniy Levchenko, François Sagat und große Schwänze

Hübsches Abfallprodukt: Der heterosexuelle Coverboy und Ex-Fußballer Evgeniy Levchenko hatte sich einen Monat zuvor schon in "LINDA." entblättert
Über ziemlich allgemeines Blablabla kommen die hübsch aufbereiteten Artikel und Interviews in "L'HOMO." dann aber leider nicht hinaus. Das gilt auch für den Coverboy. Obwohl er als David-Beckham-Ersatz hübsch anzusehen ist in Badehosen, irgendwo am Sonnenstrand, und obwohl's grundsätzlich sympathisch ist, dass ein ukrainischer Hetero "keine Angst" vor Schwulen hat … Ein bisschen mehr könnte er schon erzählen aus seiner Heimat oder der Umkleidekabine, als nur darauf zu verweisen, dass viele Schwule viel Energie in ihre durchgestylten Körper stecken, was er bewundert. So wirkt die Story wie ein Abfallprodukt aus "LINDA.", wo der hübsche Evgeniy sich bereits einen Monat zuvor entblättert hatte.
Das François-Sagat-Interview "Porno als Therapie" enthält auch nichts, was man von ihm nicht anderswo bereits gelesen hätte (plus Modekollektionsfotos, die ebenfalls bekannt sind aus anderen Quellen). Immerhin ist Erwin Olaf ein sympathischer Gesprächspartner, auch – oder weil? – er in diesem Gespräch nichts Bahnbrechendes zur Weltpolitik zu vermelden hat, sondern stattdessen sehr offen über sein Leben mit neuem Freund und übers Älterwerden spricht. Der Erkenntniswert ist fast null, aber die Story ist trotzdem schön. Den neuen Freund sieht man allerdings nicht…
Die Schwarzweiß-Fotogeschichte über große Schwänze ist nur deshalb bemerkenswert, weil hier als "groß" durchgeht, was bei jeder Schwulenzeitschrift mit Verbindung zur Pornowelt (z.B. "Männer") nicht mal ein Achselzucken hervorrufen würde. Da war Armin Morbach mit seiner Uhren-und-Erektionen-Strecke in "Horst" weit kreativer (um Lindas Wort zu gebrauchen) und verschreckte seine exklusiven Markenkunden total, von Rolex aufwärts. Bei "L'HOMO." wird niemand verschreckt, geschweige denn als Leser visuell fasziniert. (Eine Rolex-Anzeige gibt's in "L'HOMO." übrigens tatsächlich.)
Was bleibt also? Die ernüchternde Erkenntnis, dass man als schwuler Zeitschriftenliebhaber nicht viel davon hat, wenn eine typische Hetero-Frauenredaktion sich "unserer" Belange annimmt. Jedenfalls nicht so, wie Linda de Mol und ihre Kolleginnen das hier tun. Wir brauchen in Deutschland also einer unrealisierten Gay-Ausgabe von "Brigitte" und "Freundin" nicht nachweinen. Außer, dass es wünschenswert wäre, die hiesigen queeren Print-Erzeugnisse mal über die Vertriebswege von diesen Frauenzeitschriften an den Kiosk zu bringen, damit überhaupt mal jemand merkt – wirklich merkt! – dass es sie gibt. Und dass da etwas Lesenswertes drinsteht, worüber es manchmal lohnt nachzudenken!
Links zum Thema:
» Online-Leseprobe der neuen "L'HOMO."-Ausgabe
» Mehr Homo-Themen von "LINDA."














