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Interview zur geplanten Todesstrafe für Homosexuelle
Schwule in Brunei: Keine Angst vor Steinigung?
- 19. Juli 2014 5 Min.

Kein Märchen aus 1.001 Nacht: Im absolutistisch regierten Sultanat Brunei wurde im Mai die Scharia eingeführt (Bild: Jim Trodel / flickr / by-sa 2.0)
Dieses Interview dürfte für Kontroversen sorgen: Ein schwuler Student aus Brunei berichtet über das Leben von Homosexuellen im Sultanat nach Einführung der Scharia.
Interview: Martin Aldrovandi
Im Mai 2014 wurde in Brunei die islamische Gesetzgebung eingeführt. Während im ersten Schritt bereits die Haftstrafen für bestimmte Verbrechen wie "anstößiges Benehmen" erhöht wurden, sollen in einem nächsten Schritt auch altertümliche Bestrafungsmethoden wie Amputation von Gliedmaßen oder die Todesstrafe wieder angewendet werden. Für Homosexualität ist dann die Steinigung vorgesehen – bislang droht Schwulen und Lesben "nur" eine zehnjährige Gefängnisstrafe (queer.de berichtete).
Die Einführung der Scharia hatte im Mai für weltweite Empörung gesorgt, selbst Hollywood-Stars riefen zum Boykott von Hotels auf, die dem Sultan des kaum bekannten Kleinstaats gehören. Was Homosexuelle in Brunei selbst denken, interessierte westliche Medien bisher kaum. Wir haben uns deshalb mit einem schwulen Studenten aus Brunei unterhalten.
Mohammed Karim (Name geändert) ist 25 Jahre alt. Er studiert Sozialwissenschaften im westlichen Ausland und befasst sich in diesem Rahmen auch mit Homosexualität in seiner Heimat. Der Kontakt kam über Empfehlungen verschiedener Akademiker aus Brunei und Singapur zustande.

Wird auch von Schwulen verehrt: Bruneis Sultan Hassanal Bolkiah auf einer Propaganda-Tafel (Bild: watchsmart / flickr / by 2.0)
Was ging dir als erstes durch den Kopf, als du vom neuen Gesetz gehört hast?
Zuerst hatte ich natürlich ein wenig Angst davor, dass sich Brunei dadurch verändern würde. Da wurde mir aber bewusst, dass es dieses Gesetz schon immer gegeben hat.
Homosexualität war auch schon vorher illegal, und auch Sex zwischen Heteros außerhalb der Ehe war bereits verboten. Aber kümmert es jemanden? Nein, natürlich nicht. Die Gesetze sind zwar da, sie sind aber eher Richtlinien. Schließlich ist Brunei seit der Unabhängigkeit 1984 ein islamisches Land.
Wir lieben unseren Sultan. Er ist jetzt 67 Jahre alt. Wenn er eines Tages vor Gott steht, will er zeigen können, dass er sein Land gut geführt hat. Deshalb wird das Gesetz erneut eingeführt, aber ich denke nicht, dass es tatsächlich praktiziert werden wird. Wir haben ja auch die Todesstrafe, doch vollstreckt wurde sie seit der Unabhängigkeit Bruneis noch nie.
Welche Haltung hat die Bevölkerung von Brunei gegenüber Homosexuellen?
Meine Eltern wissen, dass ich schwul bin. Sie kennen sogar meinen Ex-Freund. Ich würde sogar sagen, dass auch religiöse Familien ihren Sohn deswegen nicht aus dem Haus werfen würden. Im schlimmsten Fall sagen sie ihm einfach, dass er es lassen soll. Bei der jüngeren Generation gibt es noch weniger Probleme. Viele Schwule haben heterosexuelle Freunde, mit denen sie abhängen.
Also, alles kein Problem?
Früher hatte man in Brunei keine Vorstellung von Homosexualität. Sex zwischen Männern war nicht unüblich, man sah sich aber deswegen nicht als schwul an. Diese Männer hatten Freundinnen bzw. waren verheiratet. Es waren die Briten, die 1888 hierher kamen und Brunei zu ihrem Protektorat machten. Mit dem britischen Einfluss kam auch die damalige negative Vorstellung von Homosexualität nach Brunei. Dies ändert sich nun erneut. Westliche Serien wie "Queer as Folk" kommen ebenfalls nach Brunei und verändern die Haltung der jungen Bevölkerung gegenüber Homosexuellen.

Das Luxushotel "The Beverly Hills" in Los Angeles, das sich im Besitz des Sultans von Brunei befindet, wird seit Einführung der Scharia von zahlreichen Prominenten boykottiert
Und dennoch gibt es in Brunei keine Gay-Bars. Gibt es Treffpunkte für Schwule?
In meinem ersten Jahr an der Universität haben mich Freunde zu einer Party mitgenommen. Das war mein erstes Mal auf einer Gay-Party, die fand natürlich in einem Privathaus statt. Dieses wurde umfunktioniert in eine Bar mit allem drum und dran. Weil wir als Muslime keinen Alkohol einführen dürfen, bringen die chinesischen Schwulen alkoholische Getränke mit, die sie legal aus Malaysia importieren.
Alle drei Monate gibt es eine große Party, an der fast alle Schwulen aus Brunei teilnehmen. Weil Brunei so klein ist, kennt sowieso jeder jeden. Dann gibt es noch kleinere Cliquen, die ihre eigenen Treffpunkte veranstalten. Wir nennen diese "Chilling Sessions". Dazu mieten wir zum Beispiel ein Hotelzimmer und trinken dort, oder wir setzen uns einfach in ein Café. Den Alkohol nehmen wir in einer Wasserflasche mit und bestellen zum Beispiel eine Cola. So können wir unsere Getränke selbst mixen.
Und die Polizei interessiert sich weder für die Gay-Partys noch für den Alkoholkonsum?
Wieso sollte sie sich die Polizei für eine Party interessieren? Es handelt sich ja um eine private Veranstaltung. Es wäre für die Polizei ein leichtes, diese Partys aufzusuchen, aber solange wir diskret sind und keinen Lärm machen, lassen sie uns in Ruhe. Wenn der Veranstalter damit Geld verdienen würde, müsste die Polizei wohl intervenieren. Normalerweise ist es aber so, dass derjenige, der die Party veranstaltet, sowieso für alles bezahlt. Und auch wenn wir diskret in der Öffentlichkeit trinken, interessiert das die Polizisten nicht.
Und was denkst du über die Protestaktionen im Ausland?
Im Westen sagt man vielleicht, dass die Sexualität in Brunei unterdrückt wird. Unsere Vorstellung von Unterdrückung sieht jedoch anders aus. Wir würden uns unterdrückt fühlen, wenn wir keine kostenlose Bildung oder Gesundheitsversorgung erhielten. Sein Schwulsein nicht gegenüber der Öffentlichkeit zeigen zu können, bedeutet für uns nicht Unterdrückung.
Die USA sollten uns nicht ihre Werte aufdrücken oder ihre Vorstellung von Freiheit. Dass die Hotels [bekannte Luxushotels im Besitz von Brunei, Anm.d.R.] boykottiert werden, hat man natürlich auch in Brunei mitbekommen. Wer weiß, womöglich verschlimmern sie unsere Situation damit sogar.
Du willst weder deinen richtigen Namen noch dein Foto veröffentlichen?
Bis jetzt wurde die Scharia nicht gegen die Gay-Community angewandt. Wenn jetzt aber mein Name öffentlich publiziert würde, könnte ich womöglich der erste sein, der deswegen verurteilt wird. Oder ich könnte mein Stipendium verlieren, wenn ich öffentlich das Image von Brunei beschädige. Sie wollen, dass Brunei als islamisches Land gesehen wird, in dem alle Regeln befolgt werden. Aber das ist nicht die Realität.
Das kleine Sultanat auf der Insel Borneo zählt 420.000 Einwohner, knapp 80 Prozent davon sind Muslime. Seit 1984 ist Brunei unabhängig, dank Erdölvorkommen hat es das Land zu enormen Reichtum gebracht. Mit der Einführung der Scharia im Mai 2014 hat Brunei weltweit für Empörung gesorgt. Das schrittweise eingeführte Gesetz sieht unter anderem die Todesstrafe für Homosexuelle durch Steinigung vor. Aus Protest boykottieren Aktivisten und Hollywoodstars bekannte Luxushotels wie das "Beverly Hills" in Los Angeles oder das "Le Meurice" in Paris, die dem Sultan von Brunei gehören.













