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"True Blood"
Showdown der queeren Vampire
- 26. Juli 2014 6 Min.

"Du hast das noch niemals getan, nicht wahr?": In der vierten Episode der sechsten Staffel hat Jason Stackhouse (gespielt von Ryan Kwanten) einen äußerst homoerotischen Traum
Die vorletzte Staffel von "True Blood" ist in Deutschland gerade auf DVD erschienen, während in den USA das Finale im TV läuft. Ein furioser Doppelabschluss mit noch mehr Sex, Blut und LGBT-Themen.
Von Kevin Clarke
Dass Vampire etwas mit Homoerotik – vielleicht sogar Homosexualität – zu tun haben, hat sich rumgesprochen. Und dass die amerikanische HBO-Serie "True Blood" beide Aspekte ins Zentrum der Geschichte rund um die Menschen und Blutsauger in Bon Temps, Louisiana, stellt, ist auch hinlänglich bekannt.
Nach fünf Staffeln, die Serien-Schöpfer Alan Ball ("Six Feet Under") selbst überwacht hat und in denen so ziemlich alles durchdekliniert wurde, was man durchdeklinieren kann (Werwölfe, Feen, Vampir-Politik etc.), ist der Großmeister der schwulen Serienkunst als Produzent ausgestiegen und hat für die letzten zwei Staffeln das Zepter an Brian Buckner übergeben – der zum großen Doppelfinale ansetzte mit einer Rückkehr zu (noch) mehr Sex, Blut und Schauereffekten.
In den USA läuft derzeit die siebte und letzte Staffel. Sie ist grandios als ultimativer Showdown, in dem Sookie Stackhouse (Anna Paquin) endlich wieder zu Bill Compton (Stephen Moyer) zurückfindet, um eine der großartigsten Liebesgeschichten der Fernsehgeschichten abzurunden – worauf alle seit Ende von Staffel 1 warten. In Deutschland sind wir noch nicht so weit, da ist jetzt erst Staffel 6 auf DVD rausgekommen. Die ist aber nicht nur als Aufwärmübung sehenswert, sondern auch ganz für sich genommen. Vor allem, wenn man sie – wie auf DVD möglich – in der englischen Originalfassung konsumieren kann.
Die Blutsauger sollen ins "Vamp Camp"

FSK 18: Die sechste Staffel von "True Blood" darf in Deutschland nur an Erwachsene verkaufte werden
Es geht diesmal darum, dass der Gouverneur von Louisiana, Truman Burrell (Arliss Howard), beschließt, die Vampire mit einem teuflischen Plan via manipulierter True-Blood-Flaschen mit Hep-V zu infizieren – und die übrigen in einer Art Konzentrationslager à la Guantanamo zu vernichten; hier heißt es schlicht "Vamp Camp". Unterstützt wird er dabei von seiner fanatisch-religiösen Freundin Sarah Newlin (verbittert-eindrucksvoll: Anna Camp), die damit auch Rache nimmt an ihrem Ex-Mann Steve (Michael McMillian), der inzwischen offen schwul ist und sogar anrührend Züge als verlogener ehemaliger Prediger zeigen darf.
Das Ganze als Metapher auf eine Vielzahl von LGBT-Themen zu lesen, dürfte nicht nur lesbischen und schwulen Serienfans leicht fallen. Allerdings tun Buckner und die Drehbuchautoren – plus Alan Ball im Hintergrund – uns den Gefallen, die Sache nicht als simple eins-zu-eins deutbare Geschichte über amerikanische Fundamentalisten und arme verfolgte Homosexuelle ("God Hates Fangs") interpretierbar zu machen. Es bleibt vage – und damit effektvoller, weil gesellschaftlich breiter relevant.
Der Feerich Ben Flynn alias Warlow kehrt zurück
Neu dazu kommt in Staffel 6 der Brite Rob Kazinsky als anfangs sympathisch wirkender Ben Flynn, der mit seinen roten Haaren und der behaarten Brust Sookie bezirzt. (Der ein oder andere wird Kazinsky in "Pacific Rim" gesehen haben, neben Charlie Hunnam.) Der Sex, den Ben und Sookie natürlich sehr bald haben, ist bemerkenswert, weil im US-Fernsehen selten eine Frau so offen und selbstbewusst ihre Wünsche äußert, sieht man mal von Samatha in "Sex and the City" ab. Das ist erfrischend. Und ja, der Gedanke, sich mal eben so auf den gefesselten Mr. Kazinsky zu setzen, wie Sookie das quasi in feministischer Umkehrung von "50 Shades of Grey" tut, ist nicht ohne Reiz.
Dieser Ben Flynn ist eine "half fairy", also eine halbe Fee. Der Witz geht leider in der Übersetzung verloren, weil eine "fairy" im Englischen ein Synonym für "schwul" ist. Ben ist allerdings nicht schwul, sondern der wiedergekehrte Bösewicht Warlow, der Sookie zu seiner Braut machen will, um nach der Weltherrschaft zu greifen. Ein Plan, auf den sich die selbstbewusste Sookie verständlicherweise nicht so ein, zwei, drei einlässt, behaarte Brust und Fesseln hin oder her.
Im Gegensatz zu früheren Seasons hat Staffel 6 nur zehn Folgen statt zwölf, weil die Hauptdarstellerin Anna Paquin schwanger war und nicht länger gefilmt werden konnte. Aber das macht nichts, denn diese zehn Folgen sind spektakulär gut: vom Gruppensex der Werwölfe (mit dem nackten Joe Manganiello als Alcide zwischen Büschen und Bäumen) bis zu Jason Stackhouse, der von den Vampiren "brain raped" wird (was niemand herrlicher spielen kann als Ryan Kwanten), von der lesbischen Bitch-Beziehung zwischen Tara und Pam (wie immer ein Knaller: Kristin Bauer van Straten) ganz zu schweigen.
Zwei der einprägsamsten schwulen Sexszenen aller Zeiten

Der schwule Lafayette ist seit der ersten Staffel von "True Blood" dabei: Er ist ein Medium, hat magische Fähigkeiten, zuletzt hat auch noch ein mexikanischer Dämon von ihm Besitz ergriffen
Der Showdown am Ende von Folge 10 ist ein Sieg der Vampire und ihrer menschlichen Helfer über die Fanatiker. Aber die Folgen von Hep-V bestimmen dann die letzte Staffel, mit der sich "True Blood" in den nächsten Wochen von den US-Bildschirmen verabschieden wird.
So viel sei verraten: Es kommen zwei der einprägsamsten schwulen Sexszenen aller Zeiten in Staffel 7 vor, die in Amerika für heftigste Diskussionen gesorgt haben. Eine zwischen Jason Stackhouse und Eric Northman und eine zwischen Lafayette und dem in Staffel 6 eingeführten Vampir James, den ursprünglich der langhaarige Luke Grimes spielt, der aber für Staffel 7 gegen Nathan Parsons eingetauscht werden musste, weil Grimes angeblich keine schwule Liebesgeschichte spielen wollte. Stattdessen wird er demnächst – Ironie des Schicksals? – in "50 Shades of Grey" den Mr. Grey spielen, wo man ihn im Trailer aber kaum wiedererkennt, so kurz geschoren ist er und so anders.
Ob diese Sexszenen in den deutschen Medien auch so heftige Diskussionen auslösen werden wie im anglo-amerikanischen Raum, darf man gespannt abwarten. Speziell die Lafayette/James-Story gibt der Darstellung von schwulem Sex im Fernsehen eine neue Dimension. Er verführt einen Hetero-Vampir und liefert anschließend ein laustarkes Plädoyer, warum James bei ihm besser aufgehoben sei als bei Jessica. Was diese akzeptiert!
Die ersten schwulen Vampire wurden von Oscar Wilde inspiriert
Nebenbei bemerkt: Die Zeitschrift "The Gay & Lesbian Review" hat in ihrer März/April-Ausgabe 2014, quasi als Auftakt zur letzten Staffel in den USA, einen Essay von Richard S. Primuth veröffentlich, der den Titel "Vampires Are Us" trägt. Darin beschreibt Primuth, wie man an Vampirgeschichten ablesen kann, wie es jeweils um LGBT-Rechte und Akzeptanz steht. Der für mich persönlich spannendste Punkt in dem Essay ist, dass Primuth die Entstehung der vielleicht berühmtesten Vampirgeschichte überhaupt erläutert: Bram Stokers "Dracula".
Mir war bislang nicht bekannt, dass Stoker ein "closeted homosexual" war, eng befreundet mit Oscar Wilde. Stoker begann seinen "Dracula" in größter emotionaler Verzweiflung zu schreiben, einen Monat nachdem er zusehen musste, wie sein Freund Wilde zu Zuchthaus und harter Arbeit verurteilt wurde. Als Hommage an Wilde benutzte Stoker den Tonfall der Briefe Wildes an Lord Alfred Douglas in den diversen homoerotischen Szenen in "Dracula" – und nutzte die Geschichte eines im Dunkeln lebenden Vampirs als Metapher für die unterdrückten und geächteten Homosexuellen in England.
In seinem Essay schließt Primuth den historischen Überblick mit "True Blood" und deutet die Serie als genaues Abbild der aktuellen LGBT-Situation in den USA, wo es "Vampire Rights"-Gruppen gibt, eine Subkultur der "Fang Banger", die man mit der schwulen Bareback-Szene gleichsetzen kann, und wo die Hauptfigur Sookie allen religiös Verwirrten selbstbewusst entgegenschleudert: "Ich glaube nicht, dass Jesus etwas dagegen hätte, wenn jemand Vampir ist."
Dazu kann ich nur "Amen" sagen. Und mich auf die zweimal zehn Folgen von Staffel 6 und 7 freuen, die ein würdiges Finale zu dieser bahnbrechenden Serie sind. (Und, ja, ich fand Staffel 6 sogar beim zweiten Mal gucken toll, in Vorbereitung für diesen Artikel.)
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