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Diskurs über Macht und Widerstand

Melange aus queerem Feminismus und Kapitalismuskritik

  • 02. August 2014 34 3 Min.

Judith Butler, Professorin für Rhetorik und Komparatistik an der University of California in Berkeley, diskutiert in ihrem neuesten Buch mit der griechischen Feministin Athena Athanasiou (Bild: Andrew Rusk / flickr / by 2.0)

In ihrem Buch "Die Macht der Enteigneten" versuchen die beiden Philosophinnen Judith Butler und Athena Athanasiou, die Möglichkeiten einer linken Politik neu auszuloten.

Von Bodo Niendel

Judith Butler, Hebamme der Queer-Theory, und Athena Athanasiou, bedeutende feministische Philosophin aus Griechenland, diskutieren über Macht und Widerstand. Das Gespräch ist – sicherlich nicht ungewöhnlich für zwei Philosophinnen von diesem Kaliber – auf hohem Abstraktionsniveau und findet doch vor einem sehr konkreten Hintergrund statt – der aufgezwungenen Austeritätspolitik Griechenlands und den unglaublichen Folgen, die diese Politik für die Menschen dort hat.

In dem Gespräch geht es um Armut, Entrechtung, Deregulierung der Ökonomie, (Total-)Abbau sozialer Sicherung, das Erstarken nationalistischer und faschistischer Kräfte, aber eben auch ein enormer Widerstand gegen eine griechische Politik, die sich dem Diktat der EU und des IWF unterwirft. Es ist kein Streitgespräch, vielmehr ergänzen sich die Beiträge in dem Versuch, "neue politische Strategien zu entwickeln, die der Enteignung durch Verschuldung begegnen" (Athanasiou).

Keine zweitrangigen Formen der Unterdrückung


Enteignung als Chance: Das Buch von Butler und Athanasiou ist im Schweizer Verlag Diaphanes erschienen

Doch "Enteignung" wird dabei nicht nur auf eine ökonomische Perspektive verkürzt. "An der Ökonomie ist nichts rein ökonomisch", wie Athanasiou bemerkt, deshalb sind für beide Diskutantinnen die Situation von Trans­sexuellen und die hohe Jugendarbeitslosigkeit gleich bedeutsam.

Rassistische Strukturen, kapitalistische Vergesellschaftung und Geschlechterverhältnisse sowie Sexualität werden zusammen gebracht. Von einer "Spielart des Marxismus (…), die weiterhin eine Unterscheidung zwischen wesentlichen und zweitrangigen Formen der Unterdrückung propagiert" (Butler), wird sich bewusst distanziert.

Das Buch "Die Macht der Enteigneten" steht zugleich für eine bedeutsame Erweiterung im Werk Butlers, das sich in den letzten Jahren zunehmend mit dem Kapitalismus auseinandersetzt. Dennoch geht es ihr darum, "darüber nachzudenken, wie eine Vorstellung erotischen 'Zusammenseins' losgelöst und freigesetzt von Heteronormativität aussehen könnte". Butler und Athansiou wollen kollektive Handlungsmacht stärken und Anerkennung unter den Bedingungen der Enteignung – die sie als Chance verstehen – neu denken.

Athanasiou formuliert es wie folgt: "Eine der entscheidenden Herausforderungen, vor denen wir heute – theoretisch wie politisch – stehen, lautet, eine Politik der Anerkennung zu denken und voranzubringen, die sich mit der allgemeinen Wahrnehmung – sowie den Staats- und sonstigen Apparaten, in denen die herrschenden Mechanismen der Anerkennung monopolisiert sind – konfrontiert, sie infrage stellt und erschüttert."

Antisemitismus kommt nicht zur Sprache

Butler und Anthanasiou wollen das Politische zum Tanzen zu bringen und die Möglichkeiten einer neuen linken Politik auszuloten – queerer Feminismus und Kapitalismuskritik bilden eine Melange. Auf der theoretischen Ebene gelingt es den beiden Autorinnen, spannende Akzente zu setzen, doch bei den Möglichkeiten kollektiver Handlungsmacht versagen sie auch meiner Sicht. Sie subsumieren verschiedene Formen des Widerstands und feiern diesen ab.

In dem Buch wird nonchalant gesprungen vom Widerstand gegen die "koloniale Besatzungsmacht" (Butler) Israel zur weltweiten Occupy-Bewegung hin zu den teils militanten Demonstrationen gegen die griechische Sparpolitik. Gerade Israel dient beiden als Staat, der für die schlimmste Form der Enteignung steht – und dies verstört, da der Antisemitismus in diesem Gespräch nicht zur Sprache kommt.

Butler, die gern Adorno als Instanz heranzieht, aber auch Athanasiou müssten doch berücksichtigen, dass in der europäischen Geschichte in Krisenzeiten die Juden immer einer besonderen Gefahr ausgesetzt waren, und dies gerade dieser Tage, da der Konflikt Israel/Gaza zum Anlass genommen wird, "gegen die Juden" zu wettern.

Unser Autor Bodo Niendel ist Queer-Referent der Bundestagsfraktion Die Linke und wissenschaftlicher Mitarbeiter des Bundestags­abgeordneten Harald Petzold.

Infos zum Buch

Judith Butler, Athena Athanasiou: Die Macht der Enteigneten. Das Performative im Politischen. Aus dem Englischen von Thomas Atzert. 272 Seiten. Klappenbroschur. Diaphanes Verlag. Zürich 2014. 22,95 €. ISBN 978-3-03734-428-6

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-w-

#1 goddamn liberalAnonym
  • 02.08.2014, 19:07h
  • Spannende Kritik für ein Buch, auf das ich schon sehr gespannt bin.

    Auch in der Kritik hat Bodo Niendel natürlich recht. Ein blinder Fleck bei 'uns Juidth' ist, dass sie das lebensrettende Glück der Juden in der US-amerikanischen Diaspora, die eine große Erfolgsgeschichte hat, nicht so recht erkennt.

    Den Juden im Land der anderen großen Bürgerlichen Revolution war im 20. Jahrhundert großes Unglück beschieden.

    Von der deutschen Schande ganz zu schweigen.
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#3 udo aus kölnAnonym
  • 02.08.2014, 19:25h
  • gefällt mir, dass bodo sich auch um rentenbescheide der anderen kümmert.
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