https://queer.de/?22080
Nach Überfall im November
Russland: Angeschossener LGBT-Aktivist beantragt Asyl in den USA
- 08. August 2014 3 Min.

Dima Tschischewski nach dem Überfall im letzten November
Dima Tschischewski, der beim Angriff auf die St. Petersburger Organisation LaSky am Auge verletzt wurde, hat das Land verlassen.
Ein weiterer russischer LGBT-Aktivist lässt sein Heimatland hinter sich. Wie mehrere russische Medien berichten, will Dima Tschischewski seinen derzeitigen Aufenthalt in den USA nutzen, um einen Antrag auf Asyl zu stellen.
Der 27-Jährige war im letzten November bei einem Überfall von maskierten Männern auf eine Gesprächsrunde für junge Schwule und Lesben in den Räumlichkeiten der Aids-Organisation LaSky in St. Petersburg verletzt worden (queer.de berichtete). Bei einem von zwei Schüssen auf ihn blieb eine Kugel der Druckluftwaffe in seinem linken Auge stecken.
Eine weitere Aktivistin, Anna Prutskowa von der Bisexuellengruppe Lubi, war bei dem Überfall durch Baseballschläger verletzt worden (queer.de berichtete). Die Polizei nahm danach Ermittlungen wegen "Rowdytums" auf; ein Versuch Tschischewskis, Ermittlungen wegen eines Hassverbrechens zu erzwingen, scheiterten vor Gericht. Pläne für eine eigene Organisation, die Opfer homophober Hassverbrechen eine Stimme geben und sie unterstützen sollte, hat er später aufgegeben.
Exodus aus Russland

Gray Violet stellte in Finnland einen Antrag auf Asyl – und wurde in weniger als zwei Monaten anerkannt
Tschischewski befindet sich seit rund zwei Wochen auf einem Besuch in den USA. In sozialen Netzwerken schrieb er: "Lasst uns kein Geheimnis machen aus dem, was allen längst klar sein wird: Ja, ich bin in die Staaten gereist, und ja, ich werde Asyl beantragen." Vor sechs Monaten habe er noch anders über die Frage des Auswanderns gedacht, so der Aktivist.
In den USA haben in den letzten Monaten bereits einige russische LGBT-Aktivisten zumindest vorläufigen Unterschlupf gefunden, weitere stellten in Spanien oder Schweden einen Asylantrag. Am Freitag berichteten russische Medien, ein weiterer Transgender-Aktivist aus Moskau, bekannt von mehreren LGBT-Demos unter den Namen Gray Violet und Maria Stern, habe im Juni in Finnland um Asyl gebeten – und bereits gestern die Anerkennung als Flüchtling erhalten.
In Deutschland hatten zuletzt unter anderem ein Aktivisten-Paar aus Moskau, das zuvor in Kopenhagen geheiratet hatte, und ein junger Aktivist aus Woronesch, der durch einen Protest beim Olympischen Fackellauf weltweit bekannt wurde, einen Asylantrag gestellt. Pawel Lebedew, der dazu einen Besuch beim Kölner CSD nutzte, befindet sich derzeit im Aufnahmelager Friedland bei Göttingen; in einem Video bedankte er sich für die zahlreichen Spenden.
Insgesamt werden in Deutschland derzeit rund zwei Dutzend Asylfälle von LGBT aus Russland bearbeitet, neben Aktivisten sind das vor allem Lesben(-paare) mit Kindern. Aufgrund der unvorhersagbaren Einzelfallentscheidungen der deutschen Behörden sowie der belastenden Zeit bis zu einer Anerkennung oder Ablehnung rät die Organisation Quarteera in der Regel von dem manchmal spontanen Schritt ab; LGBT sollten etwa besser die Möglichkeit eines Studiums oder eines Sozialen Jahres nutzen (mehr zur Arbeit der Organisation mit Flüchtlingen in diesem Interview).
UN-Menschenrechtskomitee schaltet sich ein
Derweil hat sich am Donnerstag das Menschenrechtskomitee der Vereinten Nationen der Lage von LGBT in Russland angenommen. Für den nächsten Landesbericht wurden zahlreiche Fragen an russsische Behörden gestellt, darunter wie man gegen Volksverhetzungen in der Öffentlichkeit vorgeht oder wie man die Versammlungs- und Meinungsfreiheit von LGBT garantiere.
Einen besonderen Augenmerk legt das Komitee auf den Überfall auf LaSky. So will die UN wissen, warum das Verbrechen nicht als Gewalt gegen eine Bevölkerungsgruppe bewertet wurde, wieviele Überfälle es auf LGBT gegeben habe und was die Ergebnisse der polizeilichen Ermittlungen zu diesen Fällen sind.
Der letzte Menschenrechtsreport zu Russland aus dem Jahr 2012 hatte noch keine spezielle diskriminierende Politik gegenüber LGBT festgestellt. Russische LGBT-Organisationen hatten vor wenigen Wochen dem Menschenrechtskomitee einen alternativen Bericht (PDF) vorgelegt. (nb)














