https://queer.de/?22315
Polit-Tunten und der ganz gewöhnliche Homosexuelle
Festival der Tuntigkeit
- 18. September 2014 8 Min.

Patsy l'Amour laLove (vorne rechts) organisiert seit einem Jahr im Berliner SchwuZ die Veranstaltungsreihe "Polymorphia". Im Hintergrund: Berta
Am Freitag feiert "Polymorphia – die TerrorTuntenNacht" einjähriges Bestehen in Berlin, mit einer Soli-Veranstaltung gegen die homofeindlichen "Besorgten Eltern". Ein Interview mit Festivalgründerin Patsy l'Amour laLove.
Von Kevin Clarke
Seit genau einem Jahr findet im Berliner SchwuZ das "Festival der Tuntigkeit" statt. Was darf ich mir darunter vorstellen?
Ursprünglich konnte ich mich in meinem Trümmertuntenzirkel nicht entscheiden, welchen Namen ich wählen sollte: "Perversia" oder "Polymorphia"? Ich entschied mich für "Polymorphia – die TerrorTuntenNacht", denn das bezaubernd Perverse bringen die Leute auf der Bühne und im Publikum selbst mit. Mit Tunten und Tuntigkeit ist da mehr gemeint als bloß Fummel und Perücke. Es bedeutet, scheinbar widersprüchliche Aspekte zusammenzubringen. Also etwa einen theoretisch-politischen Vortrag mit einer Show zu koppeln und das Ganze in einer schwulen Diskothek mit Berghain-Charme stattfinden zu lassen.
Hast du das Festival allein gegründet?
Ich wurde im Sommer 2013 von Michaela von Fischbach angerufen und darum gebeten, etwas Politisches ins SchwuZ zu tragen. Da ich seit Jahren regelmäßig Shows, Partys und Vorträge organisiere, war es das einzig Logische, alles zu einem schwuzigen Dreier zu kombinieren. Die Durchführung der "Polymorphia" übernehme ich komplett alleine. Und das SchwuZ bietet die Infrastruktur, von der Night-Managerin über die Tür, Backstage-Verpflegung, den Aufbau und die Technik. Michaela von Fischbach unterstützt mich wohlwollend.

Melitta Poppe (li.) prägte das SchwuZ in den 1980er Jahren – Patsy l'Amour laLove hat sie wieder auf die Bühne geholt (Bild: Dragan Simicevic)
Gehören SchwuZ und Polit-Tunten zwangsläufig zusammen?
Polit-Tunten gehören überall hin! Nur leider gibt es sie nicht überall. (lacht) Das SchwuZ hat eine lange Tradition von politisch engagierten Tunten. Es wurde ja in den 1970er Jahren von Bewegungsschwestern gegründet – wenn auch unter großen Streitigkeiten. In den 1980er Jahren waren es Tunten wie Melitta Poppe oder Chou Chou de Briquette, die den Laden mit ihren Shows und ihrer Anwesenheit aufmischten und politisierten. Das Tuntentum ist ja nun auch durch einige Entwicklungen gegangen oder hat sich vielmehr mit glamourösen Drag Queens und den Party-Transen der Stadt vermischt. Trümmer- und Polit-Tunten waren irgendwann nicht mehr diejenigen, die im SchwuZ die Partys schmeißen und bekannt sind. Das sind heute eher Glamour-Transen und Party Queens. Mit der "Polymorphia" versuche ich, den Tunten-Wahnsinn wieder etwas mehr in den Mittelpunkt zu rücken und Polit-Trinen eine Bühne zu geben.
Jungen Schwulen wird oft vorgeworfen, sie seien politisch desinteressiert, regressiv und unkritisch. Du bist selbst recht jung, wieso hast du dich für einen anderen Weg entschieden?
Ich kann es gut verstehen, dass man sich als junger Schwuler um nichts scheren möchte, außer gefickt zu werden und in einer Riesendisco Cocktails trinken zu können. Wir sind dazu trainiert, Schwulenfeindlichkeit nicht als solche wahrzunehmen und uns mit den widrigsten Umständen zu arrangieren und zu behaupten, wir lebten in einer freien Gesellschaft. Da kommt es schlecht an, wenn man sich trotzdem politisch engagiert. Die Worte "politisch" und "Aktivist" werden schnell zu Schimpfworten, ähnlich wie "Emanze".
Hinzu kommt, dass jeder, der sich politisch engagiert, gleich damit rechnen muss, von Leuten, die selbst häufig gar nichts machen, eins auf den Deckel zu bekommen. Leider. Das schreckt viele ab. Ich halte das nur durch einen mittlerweile ausgefeilten "Ignore"-Modus aus.
Wo ist überhaupt der Unterschied zwischen Tunten und Mega-Transen, also sagen wir mal: dir und Jurassica Parka?
Mit Jurassica verstehe ich mich sehr gut, das möchte ich vorab betonen. Die Einteilung in Travestie, Drag Queens, Transen und Tunten trifft zwar nicht immer den Punkt, hat aber doch eine reale Referenz, wenngleich es wichtig ist anzuerkennen, dass auch nicht jede Tunte unter ihrem Tuntesein jeweils das Gleiche fasst! (lacht) Ich persönlich würde beispielsweise sagen, was mich von einer Party-Transe oder Drag Queen unterscheidet, ist der Umstand, dass ich keinen Wert darauf lege, Ansprüche zu erfüllen oder andere zu entertainen.
Gleichzeitig ist es mir wichtig, eine Mischung hinzubekommen und unterschiedliche Formen des Auftritts und des LGBT- und Tunteseins wertschätzend miteinander in Verbindung zu bringen. Das ist etwas, was ich als großen Erfolg der "Polymorphia" sehe: wenn Melitta Poppe sagt, sie möchte wieder auftreten, sich Drag Queens und Tunten im Backstage knutschen und Mainstream-Schwestern am Info-Buffet mit Trümmertunte Flatter Lenzia schnacken, dann geht für mich ein kleiner Traum in Erfüllung.

Du hast dich selbst entschieden, äußerlich als erkennbare "Tunte" zu leben.
Seit meiner frühen Jugend gehe ich sehr offensiv mit meinem Schwulsein um, und als Grufti lief ich dann zusätzlich noch geschminkt, mit Stiefeln und im Minirock rum. Da war das, was ich unter Tunte verstehe, eigentlich schon angelegt, auch wenn ich den Begriff nicht benutzt habe. Was Leute bis heute irritiert, ist die Tatsache, dass ich das Tuntesein vor allem für mich selbst mache. Und das ist es, was in der schwulen Subkultur auch vielen Schwulen nicht gefällt: Ich gehe zwar grell geschminkt zu einer Party und trage Perücke, aber ich bin nicht da, um irgendwen zu bespaßen.
In der Öffentlichkeit ist es für mich unmöglich, aufgefummelt rumzulaufen. Bereits als Schwuler aus dem Haus zu gehen, mit meinem Freund Händchen zu halten, führt dazu, dass ich fast jeden Tag mindestens einen blöden Spruch abbekomme. Nach der letzten "Polymorphia" bin ich im Fummel vom Taxi bis zur Haustür gelaufen, drei Meter Fußweg. In dieser kurzen Zeitspanne kamen zwei Typen von der anderen Straßenseite angeschossen, bedrohten mich. Die Haustür aufzuschließen, hätte ich nicht geschafft, also habe ich mich ins "Ficken 3000" geflüchtet, die mir glücklicherweise sofort aufmachten. Aber nicht jede hat das Glück, neben einem schwulen Laden zu wohnen, der einem in solch einer Situation hilft. Dieses Erlebnis war kein Einzelfall. Und so fahre ich keine U-Bahn mehr, laufe keine weiten Strecken alleine und nehme fast immer ein Taxi.
Trotz dieser Gewalt-Erfahrungen macht es mir aber nach wie vor großen Spaß, Tunte zu sein. Ich liebe es, wie eine schlecht geschminkte, konservative Lady mit Bartschatten zu wirken und dabei mit Kippe in der Hand sektschlürfend laut über Analsex zu schwärmen. Die Mischung ergibt meine eigenständige Person.

Auch Charlotte aus Szczecin kann man auf der "Polymorphia"-Bühne erleben (Bild: Dragan Simicevic)
"Tunten" sind, mal wieder, in der aktuellen schwulen Szene ein heiß diskutiertes Thema: die einen finden sie schrecklich, die anderen sehen in ihnen gesellschaftspolitische Vorkämpferinnen. Wieso diese ewige Kontroverse?
Es stimmt immer noch, was Martin Dannecker und Reimut Reiche in "Der gewöhnliche Homosexuelle" 1974 festgesellt haben: Schwule sehnen sich aufgrund der schwulenfeindlichen Gesellschaft danach, heterosexuell zu sein, einen "echten" Mann im Bett zu haben, also keinen Schwulen, da sie sich in ihm zu spiegeln suchen. Darum ist der Hetero-Typ immer noch das begehrte Objekt unter Schwulen.
Da von Schwulen verlangt wird, sich gefälligst wohl zu fühlen und ihre Umwelt als tolerant und liberal zu erleben, gleichzeitig die aggressive Homofeindlichkeit aus der Mitte der Gesellschaft offen zu Tage tritt (etwa bei den Demos gegen die Bildungspläne), wird traditionell in der marginalisierten Gruppe lieber nach innen geschossen: auf die Ausreißer in der eigenen Gruppe. Dadurch kann die eigene gesellschaftlich vermittelte Minderwertigkeit ausgelagert werden. So haben wir ja durchaus Schwule, die sehr akzeptiert sind – immer zum Preis der kompletten Anpassung an heterosexuelle Normen.
Die "Polymorphia"-Veranstaltungen haben einen Solidaritätsanspruch. Es soll ein Gewinn erwirtschaftet werden, der an eine Institution oder Gruppe gespendet werden kann. Wen unterstützt ihr?
Ich orientiere mich bei den Spendenzwecken an aktuellen Ereignissen oder Diskussionen. Zum Beispiel die unsägliche Debatte zu Prostitution. Hier gab und gibt es eine Medienöffentlichkeit, die sich gegen Prostitution als kriminelles Geschäft ausspricht und sich damit schlussendlich gegen die Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter richtet, sie kriminalisiert. So lud ich eine Frau vom Fach ein, Juanita Henning von "Doña Carmen", die einen Vortrag zur aktuellen Hetze und den gefährlichen rechtlichen Veränderungen hielt. Oder als der feministische Infoladen FAQ in Neukölln dringend Geld brauchte, ging die Soli-Kohle an den Laden.
Bei der "Polymorphia"-Veranstaltung am 19. September geht es um Solidarität mit dem Aktionsbündnis gegen die homofeindlichen "Besorgten Eltern" in Köln…
Die "Besorgten Eltern" müssten eigentlich als besorgniserregende Eltern bezeichnet werden. Sie sind unglaublich viele und es gibt sie in ähnlichen Konstellationen in fast jedem Bundesland, vor allem aber in NRW, Baden-Württemberg und Bayern. Sie kämpfen für eine heterosexuelle Vormachtstellung und gegen die Möglichkeit der Benennung von Homosexualität im Unterricht. Sie sind christlich-konservativ orientiert und kommen aus der Mitte der Gesellschaft bis hin zum linksliberalen Lager. In ihnen wird das homofeindliche Fundament unserer Gesellschaft deutlich. Das sind keine Neonazis, das ist der deutsche Volksmob, die ganz normalen Bürgerinnen und Bürger der BRD.
Marco Kammholz aus Köln wird bei uns einen Vortrag halten, darin auf die konkreten homo- und transfeindlichen Demos eingehen und dann die Aktualität von Homo- und Transfeindlichkeit diskutieren.

Du bist auch viel im wissenschaftlichen Bereich in Sachen "queer" unterwegs. Aus deiner Sicht: Haben die Erkenntnisse der Queer-Forschung mit dem tatsächlichen Alltagsleben der LGBT-Community etwas zu tun, oder läuft beides völlig losgelöst voneinander neben sich her, ohne sich gegenseitig zu befruchten?
Tatsächlich gibt es aus den Gender Studies viele Abhandlungen und Ansätze, die überhaupt nicht mit konkreter Alltagswelt zusammenzuführen sind und diese auch nicht beeinflussen. (lacht) Das muss man Wissenschaft aber zugestehen, und das ist etwas, das sie positiv auszeichnet. Ich würde sogar sagen, dass an den Punkten, wo Queer Theory besonders praxisnah geworden ist, sie besonders problematisch wird. Das zeigt sich konkret in der aktivistischen queeren Szene, wo theoretische Überlegungen zu dogmatischen Regeln führen, etwa in Bezug auf Sprache oder der Frage, wie man Beziehung zu führen hat. Das hat einschränkende und Ressentiment-beladene Auswirkungen auf die Personen, die sich in der Szene aufhalten.
Was wäre deine Buch- oder Film-Empfehlung zum Thema "Tunte"?
Kürzlich hat Melitta Poppe in einer privaten Vorführung tuntige Filme aus den 1980er Jahren präsentiert, Auftritte mit Melitta Sundström. Das war himmlisch. Eine überall erhältliche Doku über einen bestimmten Ausschnitt der tuntigen Geschichte in den 1990er Jahren ist Rosa von Praunheims Film "Tunten lügen nicht". Ich würde vorschlagen, sich diesen Film anzuschauen und dann Ichgola Androgyn auf ihrem Friedhof zu besuchen, auf dem auch Ovo Maltine begraben ist. Das Video zur Diskussion mit den beiden 1970er-Jahre-Polit-Tunten Elmar Kraushaar und Mechthild Freifrau von Sperrmüll bei der "Polymorphia" ist außerdem recht spannend (siehe unten).
Links zum Thema:
» Mehr Infos zur "Polymorphia" am 19. September 2014
Mehr zum Thema:
» SchwuZ Berlin: Neustart in Neukölln (09.11.2013)












