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Infoabend der LAG Lesben
LGBT-Flüchtlinge in Deutschland erwartet Homophobie, Bürokratie und Isolation
- 02. November 2014 4 Min.

Regina Elsner, Judith Kopka und Birgit Naujoks am 18. September im Düsseldorf zakk (Bild: Dietrich Dettmann / fresh NRW)
In Düsseldorf erzählten Expertinnen von den Beweggründen und der Lage von Refugees in Deutschland – und suchten Mitstreiter.
Von Norbert Blech
Homophobe Dolmetscher, katastrophale Unterbringung und ein ungewisser Ausgang des Verfahrens – wer als Schwuler, Lesbe oder Transsexuelle in Deutschland Asyl sucht, den erwartet alles andere als ein Paradies. Bei einem gut besuchten Infoabend im Düsseldorfer zakk, zu dem die LAG Lesben eingeladen hatte, sprachen kürzlich drei Expertinnen über die Lage von Flüchtlingen.
In mehr als 75 Ländern werden Homosexuelle noch strafrechtlich verfolgt; in acht gibt es die Todesstrafe. Wie Judith Kopka von Queer Amnesty berichtete, droht ihnen aber auch in vielen weiteren Staaten staatliche Verfolgung und Inhaftierung oder auch Schikane und Erpressung durch die Polizei.
Dazu kommen homophob motivierte Gewalttaten bis zum Mord, dazu die Ächtung, die Diskriminierung. Im Senegal werden beispielsweise homosexuelle Handlungen "nur" mit fünf Jahren bestraft – allerdings stehen 95 Prozent der Bevölkerung dahinter. Man kann sich ausmalen, welches Klima dort herrscht.
Asylverfahren möglichst vermeiden
Ein Land, in dem das Klima auch ohne Strafverfolgung rauer wird, ist Russland; angetrieben durch das Gesetz gegen Homo-"Propaganda" und eine regelrechte Dämonisierung in den Medien. Seit dem letzten Jahr kümmere man sich um zirka 20 Flüchtlinge aus dem Land, berichtet Regina Elsner von Quarteera, der Vereinigung russischsprachiger LGBT in Deutschland. Drei sind inzwischen anerkannt, bei zweien gilt ein Abschiebeverbot.
Es sind vor allem junge Schwule, die Asyl suchen: Entweder diejeningen, die Gewalt erfahren haben, oder solche, die als Aktivisten tätig waren. Dazu gesellen sich Transsexuelle, vor allem aber lesbische Paare mit Kindern, die aufgrund angekündigter Gesetze Angst um ihre Familie haben. Quarteera, ein kleiner, nur wenige Jahre alter Verein, wurde mit der Problematik regelrecht überrannt; er organisiert Unterstützung und Hilfe für die Flüchtlinge, Anwälte und Übersetzer.
Dabei rät Quarteera nicht dazu, in Deutschland einen Asylantrag zu stellen. Die Gründe sind divers: Das Verfahren dauert lang, in der Zwischenzeit ist man größtenteils zum Nichtstun verdammt, die Unterbringung ist oft menschenunwürdig und selten am erwünschten Ort. Der Ausgang des Verfahrens im Rahmen von Einzelfallentscheidungen ist ungewiss. Und selbst danach ist die Lage kompliziert: Pawel, ein im letzten Jahr anerkannter Flüchtling, mit dem Quarteera an die Öffentlichkeit gegangen war, schlägt sich inzwischen mit dem Jobcenter herum – dessen bürokratische Eigenheiten und Unfähigkeiten hatte er zunächst mit der homophoben Schikane in der Heimat verwechselt.
Besser sollten die Leute zur Arbeit, zum Studium anreisen, so Elsner – was freilich nur geht, wenn sie es sich denn leisten können. Mittlerweile wenden sich wieder weniger Personen an Quarteera, die bereits einen Antrag gestellt haben.
EhrenamtlerInnen gesucht
Von unzähligen Problemen berichtet auch Birgit Naujoks vom Flüchtlingsrat NRW. Bei der Anhörung träfe man oft auf unsensible Bearbeiter; der Dolmetscher traue sich oft nicht, die geschilderten Erlebnisse zu übersetzen. Dabei können eingeschränkte oder verspätete Aussagen zu Problemen führen. Denn für die Einzelfallentscheidungen ist der Nachweis einer Verfolgung wichtig.
Und die ist nicht immer so einfach darzulegen. Oft wird verlangt, dass nachgewiesen wird, dass eine strafrechtliche Verfolgung im Herkunftsland nicht nur auf dem Papier existiert. Oder, bei einer Verfolgung durch private Personen, der Beweis, dass man zunächst die lokalen Behörden informiert hat, die aber untätig blieben – und das in Ländern, in denen Homosexualität teilweise kriminalisiert wird.
Immerhin gibt es Fortschritte: Nach einem Urteil aus Straßburg aus dem letzten Jahr können Flüchtlinge nicht mehr mit dem Hinweis, sie könnten in ihrer Heimat ja ihre sexuelle Orientierung verstecken, abgelehnt werden. Denn die sexuelle Orientierung sei ein wesentliches Merkmal der eigenen Identität.
Auch gibt es politische Initiativen, LGBT-Flüchtlinge in der Nähe einer Szenestadt unterzubringen, um einen besseren Anschluss zu finden. Derzeit landen Flüchtlinge oft fernab der Welt, häufig mit homophoben Personen aus dem Herkunftsland in einem Zimmer. Manchmal werden gar Paare getrennt.
Bis sich diese Situation bessert, suchen Quarteera & Co. nicht nur Spenden für Rechtsanwälte und ähnliches, sondern vor allem auch Ehrenamtler, die die Flüchtlinge besuchen, ihnen zur Seite stehen und einfach etwas Freizeit mit ihnen verbringen.
Links zum Thema:
» Queer Amnesty
» Quarteera
» Flüchtlingsrat NRW
» LAG Lesben NRW
Mehr zum Thema:
» Aktuell 15 Asylverfahren schwuler und lesbischer Russen (09.02.2014)














