https://queer.de/?22679
Kinostart "Gardenia"
Rhapsodie über schwule Einsamkeit
- 12. November 2014 5 Min.

Rudy Suwyns in der Garderobe: Der Blick hinter die Kulissen und ins Alltagsleben der sechs Travestie-Darsteller ist eine Studie über die Einsamkeit im Alter. Ist sie typisch für eine ganze Generation? (Bild: Axel Schneppat)
Im Dokumentarfilm "Gardenia" stellt Regisseur Thomas Wallner sechs reife Drag Queens vor, die in einem fiktiven Cabaret eine letzte Performance geben.
Von Kevin Clarke
Vorweg: Es gibt viele Möglichkeiten, diesen Dokumentarfilm von Thomas Wallner zu sehen. Und es gibt viele Gründe, sich von seinen sechs Geschichten zutiefst rühren zu lassen.
Ganz oberflächlich betrachtet geht es um alte belgische Travestie-Darsteller, die eine glitzernde Freak Show vorführen, wie sie auch Ryan Murphy in der aktuellen Staffel von "American Horror Story" präsentiert. Hier gibt's den Klassiker "Somewhere Over the Rainbow" als Auftakt und Hymne einer Generation von Schwulen, die vor Stonewall von einem Leben anderswo-irgendwo träumten, das regenbogenbunt sein und sie weit weg führen sollte aus dem miefigen homophoben Alltag der 1950er und 1960er Jahre.
Vom Cabaretstar zur Putzkraft im Rotlichtviertel

Poster zum Film: "Gardenia – Bevor der letzte Vorhang fällt" startet am 13. November bundesweit in ausgewählten Programmkinos
Das eigentliche Thema des Films ist allerdings nicht die Vergangenheit, sondern das Altwerden, egal ob als Schwuler oder als Transsexueller. Die sechs Hauptdarstellerinnen und Hauptdarsteller sind alle um die 70 und blicken in vielen Interviewpassagen auf ihr Leben zurück, wie es damals war, wie es heute ist. Und das Heute, das man sieht, ist doch ziemlich ernüchternd.
Da leben diese vormals strahlenden und umschwärmten Cabaret-Akteure in trostlos eingerichteten Wohnungen mit ihren Hunden, Wellensittichen, Fotoalben und Porträts der Mutter. Und arbeiten, wie Danilo Povolo, als Putzkraft im Rotlichtviertel von Gent, wo er in den Zimmern der Nutten die "Mayonnaise" der Freier wegwischt und bei einer Zigarette von der großen Liebe träumt. Immer noch. Dass er sie in den Armen seines hypermuskulösen schwarzen "Lovers" eher nicht finden wird, weiß er; aber er will das Drama und die Frustration. Denn sie geben seinem Dasein den nötigen Kick, wie er erzählt.
Eine andere eingefangene Geschichte handelt von einem Jungen, der mit 18 in die Drag-Szene gerät, beschließt als Frau zu leben, Hormone nimmt, Brüste bekommt, dann aber nach 26 Jahren keine Jobs mehr als "Transvestit" bekommt und wieder anfängt, als Mann zu leben und Möbel zu polstern. Das tut er in viel zu engen Shirts, die sicher nicht altersgerecht sind und die verblasste Jugend des ehemals attraktiven Mannes eher betonen als kaschieren. Er lebt seit Jahrzehnten alleine, weil er den Glauben an die Männer aufgegeben hat. "Früher war ich sexuell sehr aktiv. Heute klopft niemand mehr an. Vielleicht sollte ich die Tür offen lassen und es kommt jemand rein? Das wäre schön, im Herbst meines Lebens."

Dann wäre da noch Andrea de Laet, der sich im Alter von 45 "umoperieren" ließ: "Ich ging als Julius Cäsar in den Operationssaal und kam als Kleopatra wieder heraus." Jetzt lebt sie in einer asexuellen Beziehung mit ihrem Labrador. Und will als Politikerin die erste kommunistische Bürgermeisterin ihrer Gemeinde werden (die Wähler spielen allerdings nicht mit).
Viele der einstigen Drag-Stars in ihrem aktuellen Alltag zu sehen, hat etwas Beklemmendes. Die Einsamkeit, die man spürt, ist ohrenbetäubend. "Dreiviertel aller Homosexuellen sind im Alter allein", sagt ein Interviewter. Mir schoss bei diesen Worten die Diskussion um die Homo-Ehe durch den Kopf: Ist die Ehe nicht dafür da, dass man ein soziales Stützsystem kreiert, eine Familie erschafft, die sich im Alter um einen kümmert? Wären die sechs "Gardenias" heute weniger alleine, wenn es zu ihrer Zeit schon eingetragene Partnerschaften oder gar die Ehe für alle inklusive Adoptionsrecht gegeben hätte?
Als "Schaufensternutte" die OP finanziert

Über 200 Shows in 25 Ländern: Für die Protagonisten wie Kinderkrankenpfleger Richard Dierick, die dachten, ihre besten Jahre seien vorbei, wurde das Bühnenstück "Gardenia" zum Highlight ihres Lebens (Bild: Axel Schneppat)
Vanessa erzählt sehr anschaulich, was es in den 1960er Jahren bedeutete, zu einer lebensgefährlichen und teuren Geschlechtsanpassung nach Casablanca zu fliegen: "Man kam zurück und wurde von der Gesellschaft ausgestoßen." Um das Geld für die OPs abzuzahlen, musste Vanessa 13 Jahre als "Schaufensternutte" arbeiten: "Da verliert man viele Illusionen, aber ich habe es überstanden und stehe jetzt wieder da, wo ich immer hin wollte – auf der Bühne."
Es war Vanessa van Durme, die die Idee zu einem Theaterstück hatte, in dem sich (à la Sondheims Musical "Follies") noch einmal alternde Stars treffen, um eine letzte Vorstellung in einem alten Theater namens Gardenia zu geben, bevor es geschlossen wird. Van Durme ließ die Idee von Alain Platel und Frank van Laecke ausarbeiten zu einer Tanzperformance für sechs Leute. Die erzählten den Regisseuren ihre Storys, und daraus entwickelte sich dann langsam das Bühnenstück, mit dem die Truppe 200 Vorstellungen in 25 Ländern absolvierte. Im Film sieht man Ausschnitte der letzten Vorstellung in Gent, plus einen Blick hinter die Kulissen sowie viele Gespräche auf Flämisch und Französisch (untertitelt) mit den Darstellern in ihren Wohnungen.
Die Mischung ist melancholisch bis zum Äußersten, aber auch effektvoll. Als großartige Rhapsodie über die verlorene Jugend. Mit Geschichten aus einer Zeit, die sich viele junge Schwule (und Transsexuelle) vermutlich nicht vorstellen können.

Die Momente von Glück, die alle sechs Darsteller während der "Gardenia"-Tournee finden, sind teils bemerkenswert. Besonders im Fall des schwulen ehemaligen Regierungsmitarbeiters Richard, der sich sein Leben lang nicht traute, sich zu outen. Nach all den Jahren ziert nun ausgerechnet sein Gesicht das Tourneeposter von "Gardenia". Er sagt, hierbei mitgemacht zu haben, hatte etwas Therapeutisches.
Gerade als man im Finale denkt, dieser Film führe den Zuschauer wirklich in die Abgründe der Depression, von der all der Glitzer kaum ablenken kann, kommt ein ganz überraschendes Finale. In dem wird gezeigt, was die Darsteller nach dem Ende der Tournee machen. Zu sehen, wie in der allerletzten Einstellung Rudy und Richard während der 200 "Gardenia"-Vorstellungen zu besten Freunden geworden sind und nun beim Abendessen in einem Restaurant mit Weißwein anstoßen, gibt dem Film einen unpathetisch-schönen und optimistisch stimmenden Schluss.
Denn mehr als ein Liebhaber holt diese Freundschaft beide aus ihrer jeweiligen Einsamkeit heraus und gibt ihnen etwas, das vorher – offensichtlich – in ihrem langen Leben fehlte. Und dieses "Etwas" ist vermutlich das schönste Happy End von allen.
Gardenia – Bevor der letzte Vorhang fällt. Dokumentation. Deutschland/Belgien 2014. Regie: Thomas Wallner. Darsteller: Darsteller: Gerrit Becker, Andrea De Laet, Richard Dierick, Danilo Povolo, Rudy Suwyns Vanessa Van Durme. Laufzeit: 88 Minuten. Originalfassung mit deutschen Untertiteln. Verleih: Real Fiction. Bundesweiter Kinostart: 13. November 2014
Links zum Thema:
» Mehr Infos zum Film und alle Kinotermine
» Fanpage zum Film auf Facebook
Mehr zum Thema:
» Sechs Travestie-Senioren zum Knuddeln (06.05.2014)
Mehr queere Kultur:
» auf sissymag.de
00:00h, WDR:
Matthias & Maxime
Xavier Dolans Drama bietet alles, was ein Werk auszeichnet: unterdrückte Gefühle, verkorkste Mutter-Sohn-Beziehung, großartig komponierte Szenen.
Spielfilm, CDN 2019- 8 weitere TV-Tipps »















