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Aufklärung über sexuelle Vielfalt
DGSS-Präsident gegen "Abwertung" von Heteros
- 19. November 2014 6 Min.

Prof. Dr. Jakob Pastötter, Jahrgang 1965, ist seit 2006 Präsident der von Rolf Gindorf gegründeten Deutschen Gesellschaft für Sozialwissenschaftliche Sexualforschung (DGSS) mit Sitz in Düsseldorf (Bild: DGSS)
Nach Vizechefin Karla Etschenberg kritisiert auch Jakob Pastötter fortschrittliche Bildungspläne. Die Hirschfeld-Stiftung reagiert und macht das Thema "Sexuelle Vielfalt in der Bildungsarbeit" zum Schwerpunkt.
Von Micha Schulze
Bei ihrem umstrittenen Interview mit der extrem rechten Wochenzeitung "Junge Freiheit" hat Prof. Dr. Karla Etschenberg, Vizepräsidentin der Deutschen Gesellschaft für Sozialwissenschaftliche Sexualforschung (DGSS) und für diese Mitglied im Fachbeirat der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld, die Meinung ihres Verbandes vertreten. Dies stellte DGSS-Präsident Jakob Pastötter auf Nachfrage von queer.de klar.
In dem Interview hatte Etschenberg u.a. gesagt: "Wenn Homosexuelle in der Schule homosexuell veranlagten Jugendlichen den Umgang mit ihrer Sexualität erleichtern wollen, ist das anerkennenswert. Wenn dabei aber für homosexuelles Handeln geworben wird, ist das inakzeptabel." Im Sprachgebrauch der Bildungsplan-Gegner warnte die emeritierte Professorin darüber hinaus u.a. vor "Umerziehung" und "Sexualisierung von Kindern" und denunzierte Mitarbeiter des Schulaufklärungsprojekts SchLAu als "Lobbyisten" (queer.de berichtete).
"Tendenziöse Isolierung und Interpretierung von Textstellen"

Die homophobe und extrem rechte Wochenzeitung "Junge Freiheit" machte in ihrer jüngsten Ausgabe den Widerstand gegen Bildungspläne zum Schwerpunktthema – als Kronzeugin fungierte ausgerechnet eine Fachbeirätin der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld
Pastötter kann die Kritik an seiner Stellvertreterin nicht nachvollziehen. Es würden Etschenberg "Aussagen unterstellt, die nur durch tendenziöse Isolierung und Interpretierung von Textstellen zu dem Eindruck verleiten, […] sie gehe davon aus, dass man für Homosexualität werben könne", erklärte er gegenüber queer.de – obwohl Etschenberg dies ja wörtlich gesagt hatte. "Ihre Kritik richtet sich deshalb nicht gegen einen Bildungsplan und seine Ziele, sondern gegen eine auffällige Akzentsetzung, die der Sache nicht dienlich ist, weil sie – wie die Vorgänge in Baden-Württemberg zeigen – unnötigen Widerstand provoziert."
Auch an dem Medium "Junge Freiheit", das u.a. vom Zentralrat der Juden und der Berliner SPD boykottiert wird, findet Pastötter nichts Verwerfliches: "Dass ihr Interview in einer Zeitung erscheint, die als konservativ gilt, ist erfreulich, weil damit auch ein Adressatenkreis angesprochen wird, der sich dem Thema eventuell sonst entzieht." Etschenbergs Kritikern warf der DGSS-Präsident Voreingenommenheit vor: "Gerade weil sie keiner Interessengruppe zugeordnet ist und keine Eigeninteressen vertritt, werden ihre Argumente auch von Menschen ernst genommen, denen von ihrer spontanen Grundeinstellung her die Akzeptanz sexueller Vielfalt schwer fällt."
Die Akzeptanz sexueller Vielfalt hat bei der DGSS gewisse Grenzen
Die DGSS veröffentlichte darüber hinaus eine öffentliche Stellungnahme (PDF), die sich etwas gemäßigter liest. Darin heißt es: "Die Akzeptanz sexueller Vielfalt und die Gleichbehandlung von hetero-, bi- und homosexuellen Menschen ist bei allen Mitgliedern der DGSS selbstverständlicher Bestandteil ihrer Grundeinstellung. Von dieser Grundeinstellung zu unterscheiden ist die Meinung der DGSS bzw. einzelner Mitglieder zu Strategien und Methoden der Umsetzung, insbesondere in der schulischen Sexualerziehung."
Pastötter selbst gehört zu den wenigen Unterzeichnern der "Prinzipien Sexualpädagogik", die vor wenigen Tagen veröffentlicht wurden und bereits von den Bildungsplan-Gegnern und von ultrareligiösen Seiten gefeiert werden. Darin wird u.a. gefordert, die heterosexuelle Kleinfamilie aus Vater, Mutter, Kind zur "Regel" zu erheben, sowie vor der "Abwertung" von Mehrheiten und der "Idealisierung" von Minderheiten gewarnt. Wörtlich heißt es: "Sexualpädagogik erläutert das biologische und kulturelle Mann-Frau-Verhältnis und vermittelt ein lebenswertes Bild beider Geschlechter. […] Die Kernfamilie (Vater, Mutter, Kind/er) wird dabei als Regel betrachtet, weil sie sowohl der Herkunft als auch der Sehnsucht der Heranwachsenden entspricht." Zum Thema "Sexuelle Vielfalt" gaukeln die Unterzeichner Toleranz vor: "Sexualpädagogik stellt verschiedene sexuelle Orientierungen altersgemäß vor, entsprechend ihrer realen Verteilung in der Bevölkerung. Minderheiten werden weder diskriminiert noch idealisiert, Mehrheiten weder unterschlagen noch abgewertet."
Markus Johannes fordert "personelle Konsequenzen"

Magnus Hirschfeld Medaille für Karla Etschenberg: Vor zwei Jahren überreichte Jakob Pastötter seiner Stellvertreterin die Auszeichnung des eigenen Verbandes (Bild: DGSS)
In den Organen der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld wird unterdessen kontrovers über den Umgang mit Etschenberg und ihren Thesen diskutiert. Als erstes Kuratoriumsmitglied forderte Markus Johannes vom Schwulen Netzwerk NRW "personelle Konsequenzen".
Ihm stellten sich zwei Fragen, erklärte Johannes gegenüber queer.de: "Hat sie das Interview in vollem Wissen über das Medium 'Junge Freiheit' und somit über die Folgen ihrer Aussagen gegeben? Dann halte ich eine weitere Zusammenarbeit für schwer tragbar. Oder hat sie tatsächlich nicht gewusst, wem sie damit fachlich schädigend in die Hände spielt? Dann muss ich ihr professionelles Arbeiten anzweifeln." Etschenberg habe sich "direkt gegen die Interessen der Bundesstiftung gestellt, ohne ihre Bedenken intern zu benennen und zu diskutieren", kritisierte der Geschäftsführer des Schwulen Netzwerks NRW. "Das ist keine Grundlage für eine vertrauensvolle Zusammenarbeit und muss zu – auch personellen – Konsequenzen führen."
Auch Thorsten Brück, der für das Jugendnetzwerk Lambda im Kuratorium der Hirschfeld-Stiftung sitzt, möchte wissen, ob sich Etschenberg im Vorfeld über die "Junge Freiheit" informiert habe. "Sollte sie das in ausreichendem Umfange getan haben, so war ihre Entscheidung, diese Plattform zu nutzen, eine falsche", sagte er gegenüber queer.de. "Ihre Positionen und ihr Handeln sind in diesem Falle meines Erachtens damit nicht in Einklang mit den Zielen und Werten der Magnus-Hirschfeld-Stiftung, was für mich dann eine weitere Zusammenarbeit untragbar macht."
Jan Feddersen, Kuratoriumsmitglied und Sprecher der Initiative Queer Nations, plädierte dagegen für einen Verbleib Etschenbergs im Fachbeirat. Er würde es "begrüßen, wenn man die inhaltlichen – nach unserem Dafürhalten – Misslichkeiten in dieser Bundesstiftung erörtert. Streit macht nicht dumm, sondern klüger – und Ausgrenzung verfehlt den Gegenstand, also das Klügerwerden, ums Ganze."
Der ehemalige FDP-Bundestagsabgeordnete Michael Kauch, der den Völklinger Kreis im Kuratorium vertritt, wollte gegenüber queer.de keine Stellungnahme abgeben – LSVD-Vorstandsfrau Uta Kehr reagierte auf eine Anfrage nicht. Das Kuratorium der Hirschfeld-Stiftung tritt regulär erst wieder am 1. Juli 2015 zusammen. Laut Stiftungsordnung sind jedoch Sondersitzungen oder Beschlüsse im Umlaufverfahren möglich.
Der Fachbeirat wird am 31. Januar über Etschenberg diskutieren
Bereits am 31. Januar 2015 trifft sich der Fachbeirat der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld. Etschenbergs Interview in der "Jungen Freiheit" werde "Gegenstand interner Beratungen" sein, kündigte der Vorsitzende, Prof. Dr. Michael Schwartz, an. "Unser Gremium befindet sich derzeit in einem Prozess der Meinungsbildung, den ich in Ruhe und Sachlichkeit zu führen rate – was deutliche inhaltliche Kritik durchaus einschließt."
Der Vorsitzende des Fachbeirats plädierte dafür, von Abberufungsforderungen abzusehen, "da diese nur allerletztes Mittel in ernstesten Fällen sein sollen und dürfen", und mahnte zur Toleranz: "In unseren Communities und entsprechend in der Bundesstiftung ist eine große Vielfalt an Personen, Gruppen und entsprechend an Meinungen versammelt", sagte Schwartz. "Diese Vielfalt macht manchmal Probleme, bietet aber auch große Chancen. Um diese Vielfalt zu erhalten, bedarf es eines hohen Maßes an Toleranz – und das heißt im Wortsinn: eine Meinung, die einem nicht gefällt, zwar nicht zu teilen, aber zu dulden."
Schwartz sprach sich allerdings dafür aus, dass die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld verstärkt in den öffentlichen Diskurs um das Thema "Sexuelle Vielfalt in der Bildungsarbeit" einsteigen sollte, um Fehlmeinungen oder Fehlwahrnehmungen korrigieren zu helfen. "Dazu können die derzeitigen internen Diskussionen, wie sie das Etschenberg-Interview angestoßen hat, wichtige Beiträge leisten, wenn sie verantwortungsvoll geführt werden."
Jörg Litwinschuh, geschäftsführender Vorstand der Hirschfeld-Stiftung hat unterdessen bereits gehandelt. Für den 22. November lud er Schulaufklärungs- und Bildungsprojekte aus ganz Deutschland, Bildungsexperten, Sexualpädagogen, Aids-Hilfen, Forschungsinstitute und Bildungsverbände zu einer nicht-öffentlichen Veranstaltung ein. Die Teilnehmer sollen sich dort sowohl austauschen als auch diskutieren, wie man zum Beispiel auf die zunehmenden Attacken der Bildungsplan-Gegner strategisch und inhaltlich reagieren sollte.
"Die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld wird in den kommenden Jahren die Vernetzung dieser Bildungsarbeit fördern", sagte Litwinschuh gegenüber queer.de. "Wir wollen Workshops und Podiumsdiskussionen organisieren, den Projekten und Trägern bei der Entwicklung von Medienkompetenz helfen und den Dialog mit Eltern, Schule, Unternehmen und Universitäten verbessern helfen."
Mit Kritik aus den eigenen Reihen muss die Stiftung dabei vermutlich leben – ob mit oder ohne Etschenberg: Die DGSS hat, so hatte es die schwarz-gelbe Bundesregierung vor drei Jahren gewollt, einen festen Sitz im Fachbeirat.
Links zum Thema:
» Homepage der DGSS
» Homepage der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld
Mehr zum Thema:
» Ein Kuckucksei in der Hirschfeld-Stiftung? (17.11.2014)















Im Übrigen ist die Überschrift des Berichts irreführend und skandalisierend.