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Leseempfehlung
Die Inter-Nationalen
- 13. Dezember 2014 3 Min.

Dreizehn intersexuelle Menschen geben mit ihren Texten Einblicke in ihre Erfahrungen in über zehn verschiedenen Ländern. Darunter: Hiker Chiu aus Taipeh (Bild: privat)
Das Buch "Inter. Erfahrungen intergeschlechtlicher Menschen in der Welt der zwei Geschlechter" vereint Lebensgeschichten aus über zehn Ländern.
Vom Bodo Niendel
Dem Undenkbaren eine Stimme geben – das versucht dieses schmale Büchlein. "Inter" lässt Menschen zu Wort kommen, die es eigentlich nicht gibt. Menschen, die von ihren körperlichen Merkmalen nicht in das Raster "männlich oder weiblich" passen.
Intersexuelle Menschen leben in allen Teilen dieser Erde, und gleichgültig in welchem Land sie leben, fast immer ecken sie allein durch ihre Existenz in der jeweiligen Kultur und Gesellschaft an. Sally Gross, südafrikanische Inter*-Aktivist_in berichtet: "Vor 18 Jahren, als ich um die 40 war, fand ich heraus, dass ich intergeschlechtlich bin, und traf die bewusste Entscheidung, offen und ehrlich damit umzugehen. Dies hatte zur Folge, dass ich geächtet wurde, mir mein Status und selbst meine Identität abgesprochen wurden und ich mit Berufsverbot belegt wurde." Doch sie kämpfte. Fand eine ANC-Abgeordnete und Juristin, die sie unterstützte, und so wurde im Jahr 2005 das "Gesetz zur Förderung der Gleichstellung und Bekämpfung unlauterer Diskriminierung" um das Merkmal Intersex erweitert. Damit wurden intersexuelle Menschen in Südafrika erstmals rechtlich anerkannt und vor Diskriminierung geschützt.
Konflikte im Schlafsaal und auf der Toilette

Die Entstehung des Buches, das auch Gemälde und Fotos enthält, wurde finanziell von der Dreilinden gGmbH, der Hannchen-Mehrzweck-Stiftung und dem Gunda-Werner-Institut in der Heinrich-Böll-Stiftung gefördert
Hiker Chiu lebt in Taiwan und berichtet: "Tatsächlich habe ich nicht wirklich verstanden, was mit meinem Körper los war. Ich hatte einfach das Gefühl, dass es etwas war, worüber man nicht sprechen konnte und auch nicht wollte." Sie entwickelte einen selbstbewussten Umgang mit sich, ihrem Körper und ihrer Umwelt, denn allein der Besuch einer öffentlichen Toilette oder die Benutzung des Schlafsaals (geschlechtergetrennt) zog Konflikte nach sich. "Das lehrt mich, dass es immer das Beste ist, gleich als Erstes in einer neuen Umgebung mein Geschlecht klarzustellen." Sie outete sich als Intersex, machte auf sich beim Gay Pride in Taipeh aufmerksam und schaffte Öffentlichkeit.
Die im Buch erzählten Geschichten sind alle emphatisch. Das ist gewollt, denn es soll Mut machen. Abgerundet wird "Inter" durch die fundierte Einschätzung von Ulrike Klöppel. Sie ist Psychologin, arbeitet am Institut für Medizingeschichte der Charité Berlin und gehört dem wissenschaftlichen Beirat der Internationalen Vereinigung intergeschlechtlicher Menschen an.
Der Erzählband leistet einen wichtigen Beitrag zur überfälligen gesetzgeberischen Debatte. Das deutsche Recht nämlich wahrt die Menschenrechte von Intersexuellen nicht. Unter Leitung des Bundesfamilienministeriums hat sich immerhin endlich eine interministerielle Arbeitsgruppe zum Thema gebildet. Es ist zu hoffen, dass den Debatten auch Taten folgen.
Unser Autor Bodo Niendel ist Referent für queer-Politik der Bundestagsfraktion Die Linke und wissenschaftlicher Mitarbeiter des Abgeordneten Harald Petzold. Die Kurzrezension erschien zuerst auf den Queer-Seiten der feministischen Zeitschrift "Lotta" der Linksfraktion.
Elisa Barth, Ben Böttger, Dan Christian Ghattas, Ina Schneider (Hrsg.): Inter. Erfahrungen intergeschlechtlicher Menschen in der Welt der zwei Geschlechter. 124 Seiten. 22 farbige Abbildungen. NoNo-Verlag. Berlin 2013, 14,90 €. ISBN 978-3-942471-03-9
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