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  • 27. Dezember 2014 81 5 Min.

Sie vollbringen oft einen Spagat zwischen Familie und dem eigenen Glück: Schwule Türken beim CSD

Diskriminierung in der Familie, aber auch in der LGBT-Community: In ihrem Buch "Spagat ins Glück" nimmt sich Constance Ohms einer Minderheit in der Minderheit an.

Von Angelo Algieri

Sie stellen eine Minderheit in der Minderheit dar: LGBT mit Migrationshintergrund. Mit welchen spezifischen Problemen sehen sie sich konfrontiert? Fühlen sie sich in der Community wohl? Wie werden sie von der Mehrheitsgesellschaft angenommen? Wie gehen sie mit ihren Coming-outs in Familie und Diaspora-Gemeinschaft, wie Migranten-Communitys im Soziologendeutsch genannt werden, um?

Mit diesen und anderen Fragen beschäftigt sich das neue Buch "Spagat ins Glück" der bekannten lesbischen Aktivistin und Antidiskriminierungspolitik-Expertin Constance Ohms. Der Band ist im Berliner Querverlag erschienen.

Grundlage sind zwölf Interviews von sieben Schwulen und fünf Lesben in Deutschland, die eine Migrationsbiografie haben. Aus ihnen entwickelt die Autorin Reflexionen und stellt bestimmte Charakteristika vor.

Ein Coming-out kann existenzielle Folgen haben


Das Buch von Constance Ohms ist im Herbst im Berliner Querverlag erschienen

Die Familie steht bei vielen Interviewten im Mittelpunkt. Vor allem, wenn es um das Coming-out geht: Wie umgehen? Wem sich anvertrauen? Ein Muster scheint zu sein, dass sich viele den Geschwistern offenbaren und/oder einem Elternteil, meist der Mutter. Sich gegenüber der gesamten Verwandtschaft zu outen, ist eher die Ausnahme. Viele haben Angst – das ist nichts Ungewöhnliches. Doch ihre Angst im Vergleich zu Deutschen scheint existenzieller, hat breitere Auswirkungen.

Denn im schlimmsten Fall verlieren sie alles in einem "fremden Land". Etwa wenn Eltern noch das Studium finanziell unterstützen. Lohnt es sich dann wirklich, den eigenen Abschluss aufs Spiel zu setzen? Auch religiöse Rituale würden sie auf einmal verlieren, die ihnen Geborgenheit, Vertrautheit und eine Bestätigung ihrer Identität geben.

Doch Familie bedeutet auch Bürde, insbesondere wenn es um heteronormative Erwartungen geht: So schnell als möglich zu heiraten und Kinder zu kriegen. Das können homo­sexuelle Kinder von Migranten nicht erfüllen und viele ziehen dann weg. Um ihr Leben zu leben – und, wenn sie zu Besuch kommen, den "braven" Sohn bzw. Tochter zu spielen. Auch um die Familie in der Diaspora-Gemeinschaft nicht in "Unannehmlichkeiten" zu bringen. Denn: Die Nicht-Tolerierung von Homosexualität gäbe der Diaspora-Gemeinschaft ein Unterscheidungsmerkmal von der Mehrheitsgesellschaft, glaubt Ohms. Ein Thema von "den" Deutschen.

Wenn Familie und Diaspora-Gemeinschaft keinen Rückhalt als Homo­sexueller bieten, dann etwa die Community? Auch hier stellt sich eine Ernüchterung ein: Einige Interviewte sind zu Jugend-Hilfsgruppen gegangen, doch die Homos dort beschäftigten sich mit anderen Themen; so war das Coming-out in der Familie kaum ein Thema. Dagegen haben Homo-Ehe und Adoptionsrecht bei Nicht-Deutschen keine Dringlichkeit. Auch erleben viele Schwule und Lesben mit einem Migrationshintergrund die Szene als "Fleischbeschau" und exotisches Sexabenteuer. Viele der Befragten wünschen sich eine monogame Beziehung; die Szene wird als zu sexlastig empfunden. Doch auch auf negative Vorurteile stoßen die Interviewten, etwa wenn in Dating-Portalen die Hautfarbe auf Ablehnung stößt. Ohms sieht hier einen Rassismus-Zusammenhang.

Auffällig ist, dass jüngere Schwule und Lesben mit einer Migrationsbiografie Homophobie in der Schule erfahren haben und von Lehrern im Stich gelassen wurden. "Homo­sexuell und Migrationshintergrund – das passt nicht!", scheint noch in vielen Köpfen zu haften. Ein Problem, dass angegangen werden muss, wie Ohms folgerichtig fordert.

Die zwölf Interviewten sind kaum repräsentativ


Constance Ohms, Jahrgang 1961, gilt europa­weit als eine der wenigen Expertinnen im Bereich der Antidiskriminierungs­politik sowie häuslicher Gewalt in gleich­geschlechtlichen Partnerschaften (Bild: Broken Rainbow e.V.)

Doch "Spagat ins Glück" ist nicht nur eine erkenntnisreiche, sondern auf mehreren Ebenen leider auch ärgerliche Lektüre. Zum einen sind die Interviews nicht als solche zu erkennen. Ohms hat sie in Erzählungen gepackt – also mit ihren eigenen Worten die Lebenssituation verfasst. Zudem liegt es in Ohms Ermessen zu entscheiden, welche Aspekte sie eher hervorhebt und welche nicht. Außerdem hätte ich schon gern gewusst, wo sie sich mit den Gesprächspartnern getroffen hat, welche Fragen wie gestellt und welche Wörter benutzt wurden.

Des Weiteren frage ich mich, warum sie überhaupt die Interviews in dieser "prosaischen" Form wiedergegeben hat; hätte sie das nicht besser unter bestimmten Aspekten – wie sie ja im Übrigen in ihren Überlegungs-Kapiteln macht -, verweben können? Ähnlich wie es Patrick Bauer in seinem sehr zu empfehlenden Buch "Die Parallelklasse" (Amazon-Affiliate-Link ) getan hat.

Auch die Auswahl der Befragten ist nicht glücklich: Ich frage mich, inwiefern diese interviewten zwölf Personen repräsentativ sind, um Schlussfolgerungen oder Tendenzen zu beschreiben. Auch die "ethnischen" Herkunftsfamilien scheinen hier nicht repräsentativ zu sein. Es fehlen Interviews mit Personen mit italienischem (die drittgrößte Minderheit), türkischem (aber nicht kurdischem) oder arabischem Hintergrund. Auch Interviews mit Migranten aus dem asiatischen oder lateinamerikanischen Raum wären aufschlussreich gewesen. Zusätzlich hätte mich ein Vergleich der unterschiedlichen Migrationsgenerationen interessiert. Hat es etwa die zweite Migrationsgeneration einfacher als jemand, der erst vor ein paar Jahren nach Deutschland kam?

Ärgerlich ist zudem, dass Ohms einen wichtigen Aspekt noch nicht einmal in ihren Überlegungen berücksichtigt – die sozio-ökonomische Schichtszugehörigkeit. Vor allem nach der Sarrazin-Debatte haben unterschiedliche Publikationen groß darauf verwiesen, dass bestimmte Normvermittlungen als auch sozialer Aufstieg stark von der Schichtszugehörigkeit der Eltern in Deutschland abhängt. Oder geht Ohms davon aus, dass alle Migranten oder deren Eltern aus der Arbeiterschicht kommen? Das wird aus ihren Erzählungen eines jeden Befragten nicht immer klar. Wenigsten eine Überlegung dazu hätte ich mir gewünscht!

Unreflektiert scheint mir zudem zu sein, dass Ohms davon ausgeht, dass Diaspora-Gemeinschaften immer und ewig bestimmte Werte vermitteln und sich niemals an die Werte der Mehrheitsgesellschaft annähern. Der britisch-kanadische Journalist Doug Saunders, der sich seit 9/11 mit Migration in verschiedenen Ländern auseinandersetzt (etwa in seinem höchst lesenswerten Buch "Mythos Überfremdung" (Amazon-Affiliate-Link )), zeigt klar auf, dass in Kontinentaleuropa Migranten ihre Einstellungen über die Jahre ändern. So zeigt er Statistiken auf, dass Einstellungen gegenüber Frauen und Homo­sexuellen sich in den jeweiligen Ländern – etwa Deutschland, Frankreich und Niederlande – an Werte der Ankunftsgesellschaft annähern.

Unbefriedigend ist auch, dass Constance Ohms nicht die Aussagen oder Muster mit aktueller Statistik vergleicht. Stattdessen verbreitet sie selbst Vorurteile. Ganz skurril ist ihre Aussage, dass allgemein deutsche Schwule einen Fetisch hätten für asiatische Jungs – ähnlich wie bei "den" Heteros mit asiatischen Frauen. Und das steht einfach so im Raum, ohne irgendeinen Beleg. Nicht nur einmal greifen Ohms' Formulierungen komplett daneben: "stehen bei vielen Schwulen hoch im Kurs", "das untere Hirn der schwulen Männer übernimmt die Herrschaft", "wird generell vermutet". Was soll das?

Fazit: Trotz einiger guter, lobenswerter Überlegungen – etwa von Inklusion zu sprechen statt von Integration -, ist diese Lektüre unzureichend, unausgewogen und unbefriedigend. Äußerst bedauerlich, wenn man sich des spannenden Themas LGBT und Migration annimmt!

Infos zum Buch

Constance Ohms: Spagat ins Glück. Lesben und Schwule mit Mitgrationsbiografie. 192 Seiten. Querverlag. Berlin 2014. 14,90 €. ISBN: 978-3-89656-227-2

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-w-

#1 FoXXXynessEhemaliges Profil
  • 27.12.2014, 16:11h
  • Danke an die 12, daß sie sich offenbart haben!
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#2 UweBerlin
  • 27.12.2014, 16:34hBerlin
  • Ich persönlich befürworte das Abverlangen von INTEGRATION - nämlich in und unter die Grundwerte des Aufnahmelandes (festgeschrieben in Grundgesetz und intern. Menschenrechten, die dann aber natürlich auch ohne Wenn und Aber für ALLE hier Lebenden um- und durchgesetzt werden müssten....).
    Wenn man dann von Inklusion spricht müssten noch viel mehr Dinge stimmen. Wie sehr schwierig das bereits im Bildungsbereich läuft, wissen inzwischen alle - da stimmen zum Teil noch nicht mal die Grundvoraussetzungen, die als Standards dafür vorgesehen waren.

    Wenn man das nicht verlangt und aus falscher, blinder Toleranz auch noch Dinge duldet, wegschaut, eigentlich komplett illegale "Traditionen" über JobCenter finanziert und den eigenen Grundwerten in den Rücken fällt, erhält man eben Dominanzgehabe, Gewalt der untersch. Niveaus - und Diskriminierung von Schwulen, Lesben und Juden.

    Wer sich da als Täter in diesen Bereichen hervor getan hat in den letzten Jahren, waren jedenfalls nicht unbedingt böse deutsche Nazis und Rechte.

    Wer wegen seiner sexuellen Präferenz etwa wie in Russland (menschenunwürdige und verbrecherische sogen. Safaris, bei denen die stahlharten Heteros sich auch gerne mal in Sachen Gaysex ausprobieren) verfolgt und mit Gewalt behandelt wird, sollte natürlich Asyl und dauerhaftes Bleiberecht in Deutschland erhalten, aber eben auch für die Grundwerte des Landes sein und für deren Durchsetzung mit kämpfen.
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