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- 04. Januar 2015 5 Min.

Musical mit politischer Botschaft: Noch bis 25. Februar stehen Andres Esteban als Chantal, Bernd Geiling als Albin/Zaza und Daniel Meßmann als Phaedra auf der Bühne des Potsdamer Hans Otto Theaters (Bild: HL Böhme)
In Berlin und Potsdam laufen noch bis Ende Februar Produktionen von Jerry Hermans LGBT-Musical – als starkes Plädoyer für nichtheteronormative Familienmodelle.
Von Kevin Clarke
Man darf schon ein bisschen staunen, dass da in direkter räumlicher Nachbarschaft gleich zwei Produktionen des LGBT-Erfolgsmusicals "La Cage aux Folles" (1983) um die Gunst der schwulen (und nicht-schwulen) Zuschauer konkurrieren, mit großen Anzeigenkampagnen in der lokalen queeren Presse.
In der Berliner Bar jeder Vernunft wurde zum Jahresende nochmal die Produktion von Bernd Mottl einen Monat lang gezeigt, in Potsdam am Hans Otto Theater ging Jerry Hermans "Käfig voller Narren" in einer Inszenierung von Ulrich Wiggers in Premiere. Und bescherte dem idyllisch am Wasser gelegenen rot-schwarzen Betonneubau zum Jahresbeginn ein ausverkauftes Haus.
Der billige Charme der Wannsee-Riviera

In der Berliner Bar jeder Vernunft ist die Wiederaufnahme von "Ein Käfig voller Narren" bis zum 28. Februar 2015 zu sehen (Bild: XAMAX)
Bemerkenswert ist, dass beide Produktionen eine Art Kammerversion des Werks präsentieren. Statt der großen Showgirl-Reihe in Drag, die das Original vorsieht, wird der Broadway-Klassiker hier auf eine Mini-Tanztruppe reduziert und auf ein Mini-Orchester. In der Bar jeder Vernunft sitzt es am Rand der Bühne und ist Teil des Geschehens, in Potsdam werden die sechs Musiker unter Leitung von Ferdinand von Seebach hinter die Bühne verbannt – und klingen wie ein schlecht aufgenommenes Playback. Das ist wirklich bedauerlich, denn dadurch wirken die Songs und Ensembles von Jerry Herman oft "billig", was sie definitiv nicht sind.
Apropos billig: Im Hans Otto Theater hängen viele Fotos im Foyer, auf denen man sehr stylische Bühnenbilder aus anderen Produktionen sehen kann mit dem jeweiligen jungen, attraktiven Ensemble vor Ort. Wieso ausgerechnet "La Cage" in von Matthias Winkler in ein Bühnengewand gesteckt werden musste, das die Amerikaner als "tacky" beschreiben würden, ist mir nicht klar. Die Handlung spielt – laut Textbuch – in einem der schicksten Nachtclubs der Riviera. Was man in Potsdam sah, war eher ein ziemlich abgefuckter Schlagerladen mit schief hängenden Glitzervorhängen, der an der Riviera vermutlich nach einer Woche schließen müsste.
Bernd Geiling überzeugt als Travestiestar Zaza
An der Wannsee-Riviera wurde das Ganze jedoch begeistert aufgenommen. Das liegt vermutlich daran, dass Bernd Geiling als Travestiestar Zaza eine so sympathische Interpretation abliefert. Mir fehlte die raumgreifende Star Quality, die diese Rolle eigentlich braucht (und die es in der Bar jeder Vernunft auch nicht zu sehen gibt), aber Geiling schaffte es, seinen großen emotionalen Offenbarungsmoment "I Am What I Am" wirklich erschütternd zu gestalten. Und als verkleidete Mutter war er dann im zweiten Akt wirklich perfekt und glaubhaft.
An seiner Seite der stimmlich und darstellerisch blasse Raphael Rubino als Georges, der für diese Zaza als Lebenspartner zu jung und emotional unbeteiligt wirkte, mal abgesehen davon, dass er sich mit den Songs schwertat. Dafür war Dennis Hermann als Sohn Jean-Michel ein Hingucker, der die Balance schaffte, dass man ihn mag, obwohl er die meiste Zeit eher nicht so liebenswerte Dinge von seinen Homo-Eltern verlangt. Auch seine künftigen Schwiegereltern – die politisch konservativen Dindons von der Partei für Tradition, Familie und Moral – waren mit Michael Schrodt und Ilka Sehnert erstklassig besetzt.
Es war schade, dass Regisseur Wiggers das Finale stark zusammengestrichen hat, in dem die Homohasser ausgerechnet durch den Travestie-Club La Cage aux Folles in voller Drag-Montur vor der Presse flüchten müssen. Dadurch gingen viele wichtige Pointen des Stücks flöten.
Ein Musical mit einer politischen Botschaft

Szene aus dem Hans Otto Theater: Das Postdamer (und auch das Berliner) Publikum nutzt die Aufführungen zu lautstarker Zustimmung (Bild: HL Böhme)
Allerdings: Die politische Botschaft des Musicals, das für Akzeptanz von nichtheteronormativen Lebensstilen wirbt, wurde von Bernd Geiling in einer kleinen Extramoderation klar und deutlich hervorgehoben, inklusive eines Verweises auf die AfD als heutigem Äquivalent zur Partei für Tradition, Familie und Moral. So viel hat sich zwischen der Musical-Premiere am Broadway 1983 und der Premiere in Potsdam nicht geändert, könnte man meinen.
Das stimmt allerdings nicht. Denn während sich im Schatten der Aids-Krise damals in den USA unter Präsident Reagan eine unglaubliche Homophobie – staatlich und gesellschaftlich – breitmachte und sich "La Cage" in London bei Reagans Busenfreundin Margaret Thatcher nicht lange im West End halten konnte, weil man zwei schwule Männer als glückliche und gute Eltern geschmacklos fand, bekam Geiling nun in Potsdam für sein Akzeptanz-Plädoyer Szenenapplaus. Und die USA haben Aktivisten inzwischen das Ende der gesetzlichen Diskriminierung von gleichgeschlechtlichen Paaren beim Supreme Court weitgehend durchgeboxt. Während in Deutschland die CDU/CSU alle Gesetzesinitiativen in diese Richtung abblockt.
Dass ausgerechnet "La Cage" da momentan in solcher Häufung in Hauptstadtnähe aufgeführt wird, kann man durchaus auch als politisches Statement der Theatermacher sehen.
Anthony Kirby brilliert in Potsdam als Zofe Jacob
In Potsdam gelang übrigens ein kleines Glanzstück mit der Besetzung der Zofe, die der dunkelhäutige Anthony Kirby zu einem Highlight des Abends machte – und dafür immer wieder und wieder Sonderapplaus bekam. Kirby ist derzeit Student an der UdK Berlin und wird im März in einer Produktion des Musicals "Grimm" vom schwulen Erfolgsteam Peter Lund/Thomas Zaufke an der Neuköllner Oper zu erleben sein. Er ist zweifellos für eine große Bühnenkarriere prädestiniert – und wird dann hoffentlich nochmal in High Heels und mit Josephine-Baker-Bananenrock auftreten. Ebenfalls aus den Reihen der UdK-Studenten kommt Andres Esteban, der als "Chantal" einer der besten Tänzer der Produktion war und mit seinen halbnackten Koloraturen zu Soloflöte alle Lacher auf seiner Seite hatte.
Angesichts der Tatsache, dass das Hans Otto Theater so praktisch nahe bei Berlin liegt und regelmäßig Musicals spielt, inklusive nicht so bekannte Titel, wundere ich mich, dass das Haus nicht öfter eine Art Festival anbietet, um Musical-Fans mit einer Palette von Stücken zu beglücken, wie es beispielsweise die Komische Oper demnächst mit dem ersten Operettenfestival tun wird.
Apropos Komische Oper: Wieso Barrie Kosky "La Cage" noch nicht auf den Spielplan seines Hauses gesetzt hat und dieses Werk in XXL-Format zeigt, mit echter Showboy-Reihe, ist mir ein Rätsel. Bis es soweit ist, bleibt die Potsdamer Produktion die empfehlenswertere in diesen Breitengraden. Und vielleicht schaut ja Angela Merkel auch noch mal vorbei und lässt sich von Jerry Hermanns mitreißenden Musiknummern zum Umdenken animieren, um nicht so zu enden wie die Dindons im Stück?
Links zum Thema:
» Infos und Termine: La Cage aux Folles in der Berliner Bar jeder Vernunft
» Infos und Termine: La Cage aux Folles am Potsdamer Hans Otto Theater
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Und solche intimen Kammerversionen können durchaus auch genauso begeistern wie die großen Inszenierungen.
ABER:
man kann es natürlich (egal ob groß oder klein inszeniert) auch schlecht machen. Da ich beide Versionen nicht gesehen habe, kann ich dazu nichts sagen, aber gerade bei La Cage ist der Grat zwischen Komödie mit ernsten Untertönen und Botschaft sowie billige Klamotte extrem schmal.
Wenn man es gut macht, ist das eines der besten Musicals, die es gibt. Es hat viel zu lachen, auch einiges zu weinen und viel zum Nachdenken. Es hat mitreißende Musik und ausgefeilte Choreographien. Aber wie gesagt, man muss es echt gut machen, ansonsten wirkt das schnell wie eine billige Laien-Aufführung nach dem Motto "Wir machen uns mal über die Fummeltrinen lustig." Und so ist es eben nicht gemeint.
(Übrigens finde ich, dass zumindest die Deko aus Potsdam zumindest auf den Bildern gar nicht so billig aussieht.)