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Wahlkampf-Fauxpax
Köln: Schwarz-grüne OB-Kandidatin verärgert CSD
- 21. Januar 2015 5 Min.

Henriette Reker ist seit Dezember 2010 auf Vorschlag der Grünen Beigeordnete der Stadt Köln. Sie leitet das Dezernat für Soziales, Integration und Umwelt - und ist damit auch für Diversity zuständig (Bild: Stadt Köln)
Für die parteilose Sozialdezernentin Henriette Reker "versinkt" die Domstadt "zwischen Karneval, CSD und Weihnachtsmärkten".
Von Micha Schulze
Zu Update springen: Stellungnahme von Henriette Reker
Mit einer unglücklichen Bemerkung zum CSD hat die parteilose Oberbürgermeisterkandidatin Henriette Reker ihren Wahlkampf ausgerechnet in der schwul-lesbischen Metropole Köln eröffnet: "Ich leide darunter, dass wir zwischen Karneval, CSD und Weihnachtsmärkten versinken", erklärte die 58-Jährige nach einem Bericht des "Express" am Dienstagabend auf dem CDU-Parteitag in der Flora. Neben der Partystadt müsse die Kulturstadt Köln wieder in den Vordergrund rücken.
Die anwesenden CDU-Mitglieder wählten Reker anschließend mit 97,4 Prozent zu ihrer OB-Kandidatin. Am Tag zuvor war die Parteilose bereits mit 91,8 Prozent von den Grünen nominiert worden. Auch der Kreisvorstand der FDP sprach sich bereits für Henriette Reker als Nachfolgerin von SPD-Oberbürgermeister Jürgen Roters aus.
Heftige Kritik aus der Community
Heftige Kritik an Rekers Rede übte der Kölner Lesben- und Schwulen-Tag (KLuST), der den CSD in der Domstadt organisiert. "Wir sind von dieser Stellungnahme irritiert", erklärte Vorstandsfrau Ina Wolf auf Anfrage von queer.de. Als kommunalpolitischer Dachverband der LGBT-Organisationen habe man seit Jahren "hervorragend" mit Frau Reker in der Stadtarbeitsgemeinschaft Lesben, Schwule und Transgender zusammengearbeitet.
"Leider verkennt die grün-schwarz-gelbe Bürgermeisterkandidatin anscheinend die große politische Außenwirkung des CSD Köln in Form eines integrativen und kulturellen Stadtfestes, welches Vorurteile abbaut", kritisierte Wolf. "Wir haben 60 Stunden Reden, Diskussionen und Kultur auf dem dreitägigen Straßenfest mit hochkarätig besetzten politischen Diskussionen", erinnerte sie Reker. "Und eine Million Menschen nehmen an der mittlerweile wieder sehr politischen Demonstration am CSD-Sonntag teil." All dies trage zur Finanzierung der ganzjährigen politischen Arbeit des KLuST e.V. bei, der von der Stadt Köln und dem Land NRW keinerlei finanzielle Unterstützung erhalte.
"Geschätzt erzielt unser rein ehrenamtlich gestaltetes und unabhängig finanziertes zweiwöchiges Festival mit über 130 Veranstaltungen, von denen nur 18 Partys sind, zehn Millionen Euro Umsatz – die Stadt Köln erhält durch Gebühren und Steuereinnahmen ihren Anteil", sagte Ina Wolf. "Daher empfinden wir den Vergleich mit einem kommerziellen Glühweinmarkt absolut unpassend und nicht besonders wertschätzend." In der nächsten Sitzung der Stadtarbeitsgemeinschaft wolle sie bei Reker persönlich nachhaken.
Auch der LSVD Köln hat sich wegen des Zitats im "Express" bereits mit einem Offenen Brief an die Sozialdezernentin gewandt. Auf eine Anfrage von queer.de hat Reker bislang nicht reagiert.
Rekers Chancen auf einen Wahlsieg stehen gut
Hintergrund des ungewöhnlichen Parteien-Bündnisses für Henriette Reker ist die Enttäuschung vor allem der Grünen über den derzeitigen Oberbürgermeister Jürgen Roters, der vor fünf Jahren als gemeinsamer Kandidat von SPD und Ökopartei angetreten war, seitdem aber nur sozialdemokratische Politik betreibe. Die Kölner SPD will erst im Februar entscheiden, wen sie gegen Henriette Reker ins Rennen schicken wird.
Die OB-Wahl findet am 13. September statt. Die Chancen der parteilosen Kandidatin stehen dabei nicht schlecht. Bei der Kommunalwahl im Mai 2014 kamen die Grünen in Köln auf 19,5 Prozent, die CDU auf 27,2 Prozent und die SPD auf 29,4 Prozent. Sollte Reker gewinnen, wäre die bisherige Ein-Stimmen-Mehrheit für SPD und Grüne im Rat der Millionenstadt verloren.
Update 22.01., 14.30h: Stellungnahme von Henriette Reker
Am Donnerstagnachmittag hat uns folgende Stellungnahme der OB-Kandidatin Henriette Reker per Email erreicht:
"Tatsächlich habe ich nicht nur auf dem Parteitag der CDU Köln am 20.01.2015 gesagt, dass ich darunter leide, dass Köln in der Außenwahrnehmung zwischen Karneval, CSD, Kölner Lichtern und Weihnachtsmärkten versinkt. Das Zitat ist in der Presse nicht immer vollständig wiedergegeben worden.
Bei dem Thema: Kulturpolitik in Köln habe ich meine Beobachtung, dass Köln in diesem Bereich weniger wahrgenommen wird als andere Metropolen in Deutschland, ausgesprochen. Für mich ist klar, dass unsere Stadt mehr zu bieten hat und kulturpolitisch ihre Möglichkeiten nicht voll ausgeschöpft. [… ]
Ich stelle oft fest, dass Köln in der Außenwahrnehmung nicht als Kulturstadt, sondern vielmehr als Partystadt gilt. Die genannten Veranstaltungen erhalten meist eine hohe mediale Aufmerksamkeit, die nachvollziehbar den Eindruck erweckt, dass in Köln viel und gut gefeiert wird und die Stadtgesellschaft in der Lage ist, Großveranstaltungen perfekt zu organisieren. Darauf können wir miteinander stolz sein.
Auch beim CSD/ColognePride handelt es sich ja um eine Großveranstaltung. Und gemeinsam mit der Community bin ich sehr dankbar, dass diese vom Kölner Lesben- und Schwulentag (KLuST e.V.) mit vielen ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern jedes Jahr so hervorragend organisiert wird.
Der CSD/ColognePride besteht aus vielen Veranstaltungen in den zwei Wochen vor der CSD-Parade. Nach meiner Einschätzung zeichnet es die Kölner Community aus, dass sie sich politisch engagiert und für unsere gemeinsamen Werte, für Vielfalt, Gleichberechtigung und Akzeptanz eintritt. Gleichzeitig muss aber auch die Möglichkeit bestehen, miteinander fröhlich feiern zu können. Genau die perfekte Mischung macht den ColognePride zu der einzigartigen Veranstaltung, die wir jährlich erleben dürfen und die Köln (neben vielen anderen Veranstaltungen) als Hochburg lesbisch-schwulen Lebens in der Welt bekannt macht.
Für mich selbst ist das 1. Juli-Wochenende stets ein Highlight, weil ich jedes Jahr Besuch von Freunden bekomme, die mit mir die Aids-Gala und die Parade besuchen. Während ich samstags die Verleihung der Kompassnadel miterlebe und mich über das Engagement und auch Sister George freue, genießen meine Besucher die vielfältigen Angebote der Stadt.
Die Geschichte des CSD und der politische Charakter sind mir selbstverständlich seit langem bekannt und ich teile die Ziele der Community. Der CSD/ColognePride ist ein wichtiges Ereignis für Köln. Dessen Bedeutung ist mir sehr bewusst; ich habe diese nie infrage gestellt.
Wie Sie richtig bemerken, bin ich als Beigeordnete für Soziales auch für die Geschäftsführung der Stadtarbeitsgemeinschaft Lesben, Schwule und Transgender zuständig. Diese Aufgabe erfülle ich seit meinem Amtsantritt im Jahr 2010 mit großer Freude, weil mir die Anliegen der LSBTTI*-Community eine Herzensangelegenheit sind und ich von den Potentialen, die eine vielfältige, bunte Stadtgesellschaft bietet, überzeugt bin. Daher habe ich mich in der Vergangenheit innerhalb und außerhalb der Stadtverwaltung für alle Diversity-Bereiche eingesetzt. Dieses Engagement werde ich auch in der Zukunft fortführen."
Kölner SPD wünscht "frohe Feste"
Zuvor hatte die Kölner SPD die unglückliche Formulierung Rekers bereits politisch ausgeschlachtet. In einem Facebook-Post hieß es: "0,000001 Prozent aller Kölner leiden unter Karneval, Weihnachtsmärkten und dem CSD. Der Rest findet es super – wir auch! Frohe Feste, feiert schön!"














