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  • 11. Februar 2015 11 5 Min.

Thomas Hitzlsperger im Gespräch mit Katrin Müller-Hohenstein - die ZDF-Sportmoderatorin moderiert die gutbesuchte Podiumsdiskussion in der Hauptstadtrepräsentanz der Deutschen Telekom (Bild: BMH)

Ein Jahr nach seinem medienwirksamen Coming-out spricht Thomas Hitzlsperger über seine neue Funktion als Botschafter des Projekts "Fußball für Vielfalt".

Von Karsten Holzner

Der Hype um ihn ist geblieben. Zahlreiche Fotografen, Kamerateams und Journalisten drängen sich am Mittwoch in der Berliner Telekom-Zentrale um den ehemaligen Fußballnationalspieler Thomas Hitzlsperger. Sein Anliegen droht dabei in den Hintergrund zu geraten. Das Interesse an seinen Berufsplänen oder an weiteren Namen schwuler Sportler scheint größer als der eigentliche Anlass.

Denn eingeladen zu Pressetermin und Podiumsdiskussion hat die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld im Rahmen ihres Engagements gegen die Diskriminierung von Homosexuellen im Sport. Sie präsentiert das Bildungs- und Forschungsprojekt "Fußball für Vielfalt" und will den öffentlichen Eindruck korrigieren, dass seit der Berliner Erklärung vom 17. Juli 2013 im Kampf gegen Homophobie im Stadion nicht viel passiert sei.

Homosexualität im Sport: Zahlen, Daten, Fakten fehlen


Jörg Litwinschuh, geschäftsführender Vorstand der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld, stellt das 2013 gestartete Bildungsprojekt "Fußball für Vielfalt" vor (Bild: BMH)

Jörg Litwinschuh, geschäftsführender Vorstand der Hirschfeld-Stiftung, wirbt um Verständnis: "Wir arbeiten langfristig und nachhaltig. Wir brauchen Zahlen, Daten, Fakten. Es gibt einfach nur wenig Erfahrungen in Deutschland mit Homosexualität im Sport." Dabei gehe es nicht nur um Männerfußball, sondern um das Aufbrechen von Klischees. "Wir brauchen Vorbilder, das muss kein Thomas Hitzlsperger sein, sondern Männer und Frauen in den Vereinen, die das Thema aufgreifen."

In Verbänden und Vereinen würden Informationen über die Lebensweise von Lesben und Schwulen fehlen, so Litwinschuh. In Kooperation mit dem DFB sollen Online-Bildungsangebote entstehen. Ein erster, eigener Schritt ist ein "leicht verständliches Informationsangebot" – das neue Webportal fvv-online.de (queer.de berichtete).

Broschüren verschicken reicht nicht

Auf geeignete Multiplikatoren vor Ort setzt auch der wissenschaftliche Leiter des Projekts, Professor Manfred Schweer von der Universität Vechta: "Wir müssen viele Zielgruppen einbinden und – um Nachhaltigkeit zu erreichen – unser Anliegen in den Vereinen verankern." Er skizziert das Bildungsziel, Wissen zu vermitteln, bestehende stereotype Verhaltensmuster kritisch zu hinterfragen und zielführende Handlungsstrategien aufzubauen. Der wichtigste Schritt sei es, "in die Amateurvereine zu kommen. Da reicht es nicht Broschüren hinzuschicken." Geplant seien außerdem diverse Workshops mit dem DFB, Werder Bremen und am 24. April in der Akademie Waldschlösschen.

"Wir müssen mehr in die Vereine gehen, wer Hilfe will, muss sie vor Ort bekommen", bestätigt Burkhard Bock. Vor zweieinhalb Jahren hat sich der Schiedsrichter und Verbandsfunktionär aus Brandenburg geoutet und seitdem zahlreiche Anfragen von jungen Fußballern und Referees bekommen.

Kein Masterplan für ein Coming-Out

Anne-Kathrin Laufmann, Direktorin des CSR Management Werder Bremen, berichtet über Vor- und Nachteile des Profigeschäfts: "Wir haben hauptamtliche Mitarbeiter, die sich mit dem Thema beschäftigen, dem wir einen Spieltag widmen werden. Es gibt einen eigenen Werder-Kodex gegen Diskriminierung, aber der Aspekt der Nachhaltigkeit beißt sich etwas mit der Schnelllebigkeit im Profifußball."

Auf die Frage, was passieren würde, wenn sich bei Werder Bremen ein Spieler als schwul zu erkennen gäbe, sagt sie: "Wir würden mediale Unterstützung bieten. Ich bin sicher: Verein, Mannschaftskollegen und Fans würden hinter ihm stehen." Nicht einzuschätzen seien aber die Reaktionen im weiteren Umfeld und bei gegnerischen Spielern.

Enttäuscht, nein, "richtig sauer" war sie bei der Resonanz auf eine geplante Fortbildungsmaßnahme. Von über 100 angeschriebenen Schulen und Vereinen hätten sich nur drei Lehrer angemeldet. "Mit allen anderen werde ich jetzt telefonieren und nach dem Grund fragen", lässt sie sich von Startschwierigkeiten nicht bremsen.

Beteiligt sich der DFB am CSD?


Gute Laune beim Gruppenfoto: Katrin Müller-Hohenstein, Thomas Hitzlsperger und ein Ball (Bild: BMH)

Zurückhaltendes Interesse ist auch dem DFB unterstellt worden. Claudia Wagner-Nieberding, Leiterin der AG Vielfalt und Mitglied der Kommission Gesellschaftliche Verantwortung des Fußballbunds, bittet um Verständnis: "Der DFB hat sich systematisch dem Thema genähert. Uns fehlt Erfahrung. Immerhin wurde die Forderung nach Bekämpfung jeglicher Diskriminierung in den Satzungen von 18 Landesverbänden verankert." Geplant seien Online-Seminare für Trainer, die aufgrund ihrer Vorbildfunktion als Multiplikatoren in die Pflicht genommen werden sollen.

Ob der DFB auch erstmals bei den CSD-Paraden in diesem Sommer Gesicht zeigen wird? "Wir müssen unsere Kräfte bündeln. Es wird diskutiert, aber ich kann keine verbindliche Antwort geben", weicht Claudia Wagner-Nieberding dieser Frage aus.

Unter den Landesverbänden nimmt der Badische Fußballverband eine Vorreiterrolle ein. Sven Wolf ist dort zusammen mit einer Kollegin offizieller "Ansprechpartner Homosexualität" (queer.de berichtete). "Wir sensibilisieren auf allen Ebenen und bieten Qualifizierungsmaßnahmen für Trainer, Übungsleiter und Schiedsrichter", beschreibt Wolf bei der Berliner Podiumsdiskussion den Aufklärungs-Alltag.

Keine queeren Fanclubs in Ostdeutschland

Ist das Thema Diskriminierung also bald vom Tisch? Gibt es einen Sinneswandel? Stefan Bickerich, Pressesprecher der Anti­diskriminierungs­stelle des Bundes, sieht ein Zeichen für Veränderung: "Das Thema Diskriminierung wird in der Gesellschaft ernster genommen und nicht mehr belächelt."

Dirk Brüllau, Sprecher der Queer Football Fanclubs e.V. mit rund 1.200 angeschlossenen Fans, stellt die Frage nach der Sozialisation: "Die Fans, die jedes Wochenende offen und mutig in den Stadien stehen, sind keinen Anfeindungen ausgesetzt. Sie interessiert gar nicht, ob ein Spieler homo­sexuell ist, sie wollen Erfolg im Sport sehen, wollen, dass die Kultur in ihrer Kurve stimmt." Auffällig sei, dass es in Ostdeutschland keine schwul-lesbischen Fanclubs gäbe.

Versöhnliches Fazit von Thomas Hitzlsperger

Im Profisport sei Homosexualität noch immer ein großes Tabu, räumt Thomas Hitzlsperger ein, stellt aber auch klar: "Mein Coming-out war keine Aufforderung an Profi-Fußballer, sich zu outen. Es gibt an der Spitze kein Umfeld, in dem sich jemand traut."

Die persönliche Bilanz des 32-Jährigen ist positiv: "Ich hatte keine Erwartungen, keine Ziele. Die große Zustimmung hat mir Mut gemacht, mich weiter zu engagieren." Natürlich habe es auch anonyme Beleidigungen per Mail gegeben, aber das sei an ihm abgeprallt. "Im vergangenen Jahr habe ich die Balance gefunden zwischen einem Beruf nahe am Fußball [Hitzlsperger war WM-Experte im ZDF-Morgenmagazin; d.R.] und meinem verstärkten Engagement, etwa indem ich die Fragen von Schülern beantworte."

Und wer immer noch auf den ersten offen schwulen aktiven Fußballer wartet, sollte vom 11. bis 14. Juni nach Hamburg fahren: "Dort werden 400 auf dem Platz stehen", kündigt Alexander von Beyme an – er ist Cheforganisator der schwul-lesbischen Fußball-EM "IGLFA Euro Cup" (queer.de berichtete).

-w-

#1 123456789Anonym
  • 11.02.2015, 20:05h
  • Meine Güte ist das traurig zu sehen wie immer noch "diskutiert" wird.

    Der einzige Weg zu Akzeptanz führt über Coming Outs von homosexuellen Bundesligaprofis.
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#2 FoXXXynessEhemaliges Profil
#3 Dont_talk_about
  • 11.02.2015, 22:56hFrankfurt
  • Im Fußball zählt nur die Leistung auf dem Platz. Sieg oder Niederlage, nicht das ganze Drumherum. Deshalb muss man sich da nicht outen
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